Kreuzzug gegen das Reich des Mahdi von Winston Churchill, 2008, Eichborn

Winston Churchill

Der militärische Sudan
(Leseprobe aus:
The River War/Kreuzzug gegen das Reich des Mahdi, Sachbuch, 1. Kapitel, 1899/2008, Eichborn - Übertragung Georg Brunold)

Das nordöstliche Viertel des afrikanischen Kontinents
wird vom Nil bewässert und drainiert. Zwischen den
Quellflüssen und rund um die Zuträger dieses mächtigen
Stromes erstrecken sich die fruchtbaren Weiten des
Ägyptischen Sudan. Diese entlegenen Gebiete tief im Innern
Des Landes sind auf allen Seiten durch mindestens fünfhundert
Meilen Gebirgszüge, Sümpfe oder Wüsten vom Meer getrennt.
Der einzige Antrieb zu Entwicklung und Fortschritt ist
der große Fluß. Über den Nil allein gelangen Handelserzeugnisse
zu den auswärtigen Märkten und kann die europäische
Zivilisation in die Finsternis des Kontinents vor dringen. Der
Nil verbindet den Sudan mit Ägypten, wie der Atemschlauch
einen Taucher mit Luft versorgt. Ohne diesen müßte er ersticken.
Aut Nilus, aut nihil!
Die Stadt Khartum am Zusammenfluß des Blauen und
Weißen Nil ist der Punkt, wo alle Verkehrswege aus dem
Süden zwangsläufig aufeinandertreffen. Sie ist der große
Durchlaß, durch den Handelswaren aus einem breiten Sammelbecken
auf den Weg zur Mittelmeerküste gelangen. Sie
markiert gleichzeitig den äußersten nördlichen Grenzpunkt
des fruchtbaren Sudan. Von Khartum bis nach Assuan fließt
der Strom zwölf hundert Meilen durch Wüsten von einer
alles überbietenden Trostlosigkeit. Endlich mildert sich die
Unwirtlichkeit ab, und in Ägypten und im Delta gewinnt die
belebte Welt wieder an Boden. Diese Seiten befassen sich
mit Ereignissen, die sich in der dazwischenliegenden Einöde
zugetragen haben.
Weit im Süden liegt der wirkliche Sudan, für den sich Entdecker
und Staatsmänner interessieren - sanft gewellte
fruchtbare und üppige Landstriche. Doch dann gibt es den
anderen, von einigen irrtümlich für den wahren gehaltenen
Sudan, wo von der ägyptischen Grenze bis nach Omdurman
bleierne Einsamkeit sich auf dem Nil dahinstreckt. Das ist
der Sudan des Soldaten. Bar aller Spuren von Wohlstand
und ohne Zukunft, ist er einzig an Geschichte reich. Noch in
weit entfernten Teilen der Welt sind bei Völkern mit Schulbildung
die Namen seiner schäbigen Dörfer geläufig. Ge übte
Federn und Bleistifte haben die kahlen Landschaften nachgezeichnet
. Die weitläufigen Wüsten haben das Blut tapferer
Männer gekostet. Die heißen, schwarzen Felsbrocken wurden
zu Zeugen berühmter Tragödien. Es ist die Bühne des
Krieges.
Dieses Riesengebiet, das wir treffend den ›militärischen
Sudan‹ nennen können, dehnt sich in scheinbarer Unendlichkeit
über den Kontinent hin. Glatte, tellerflache Sandweiten
- etwas rosiger als helles Leder, etwas bleicher als
Lachs - sind unterbrochen nur von mächtigen, ungeschlachten
schwarzen Felsbrocken da und dort. Trockene Windhosen
tanzen unermüdlich über die glutheiße Oberfläche
des Wüstenbodens und sammeln zwischen den dunklen
Felsspitzen an den Hügelkämmen den feinen Sand zu Zungen
und Wächten, genau wie sich auf einem Alpengipfel die
Schneemassen wölben; bloß ist es ein feuriger Schnee von
einer Art, wie er in der Hölle fallen könnte. Die Erde brennt
mit dem unlöschbaren Durst ganzer Weltalter, und am stahlblauen
Himmel stört kaum eine Wolke den nie aussetzenden
Triumphzug der Sonne.

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