Groß im Träumen
(Leseprobe aus: Drømmer
om storhet/Die Ordnung der Worte, Roman,
2001, Kapitel 3 - Probeübertragung Christine von Bülow/2007, Rockbuch
Verlag)
Die Hitze schlug mir entgegen, als ich das Redaktionsgebäude verließ und Richtung Karl Johan ging. Die Pflichtarbeit des Tages war erledigt, und ich konnte mit besserem Gewissen meinen Gedanken anheimfallen, die um meine eigenen Schreibereien kreisten. Meine früheren literarischen Bestrebungen waren nur die erste Phase eines aufblühenden Lebenswerks gewesen. Der Roman Brevet (Der Brief) von 1984 handelte eben gerade von einer Person, die ausbrechen mußte, um ihren eigenen Raum zu schaffen: In diesem Raum würde das Allergrößte passieren! – In der Kurzprosasammlung Harry var ikke ved sine fulle fem (Harry war nicht ganz bei Sinnen) von 1985 hatte ich zum ersten und letzten Mal die Möglichkeiten der kleinen Form ausgelotet, und in der Gedichtsammlung Bærtur (In die Beeren) von 1990 machte ich Gebrauch vom Sonett.
Eine Weile hatte Stillstand geherrscht. So war es gewesen. Ehrlich gesagt, hatte ich seit mehr als zehn Jahren kein Buch veröffentlicht. Ich hatte geschrieben und geschrieben, aber es hatte zu nichts geführt. Ein Umschwung im Zeitgeist hatte mich aus den warmen Besuchersesseln der Verlagsredakteure herausgefegt, zuerst auf den Flur, wo ich mit der Mütze in der Hand gestanden und auf eine neue Chance gewartet hatte, während die frischen Kräfte der neuen Zeit in der Warteschlange vor mich gerutscht waren. Später kam ich nicht einmal mehr in den Flur, ich streifte in einem literarischen Winter umher, der Jahr und Tag andauerte.
War ich verbittert? Nein. War ich enttäuscht über das fehlende kulturelle Niveau in diesem Land? Ja. Was wußte denn der durchschnittliche Norweger darüber, wieviel Anstrengungen und Entbehrungen es kostet, einen Traum ernstzunehmen? Was wußten sie schon über den Weg zum Erfolg?
a-ha wußten davon. Sie hatten es am eigenen Leibe erfahren, in London hatten sie gehungert wie moderne Ausgaben von Hamsun. Wie Ratten zwischen Müll und Dreck. In der Hoffnung gelebt, in der Überzeugung, daß sie etwas hatten, das zu groß für das kleine Norwegen war. Etwas, das die Brust sprengen und weit über die sozialdemokratische norwegische Selbstzufriedenheit hinausfliegen wollte. Die Probleme türmten sich vor ihnen auf, mag sein, aber sie würden sie lösen! Manche wollen es so sehen, als ob das alles nur Glück gewesen wäre. Denen will ich nur sagen, daß das überhaupt nichts mit Glück zu tun hatte. Das hatte mit Talent zu tun, und damit, wie es in den Köpfen von Morten Harket, Magne Furuholmen und Pål Waaktaar aussah.
Ich bog auf die Karl Johan ein und ging weiter auf das Schloß zu. Die Leute genossen das gute Wetter mit Bier und Sonnenbrillen in den Straßencafés. An der Buchhandlung Tanum hielt ich an und betrachtete die Auslagen im Schaufenster. Da standen die neuen Kriminalromane und fläzten sich neben Kochbüchern von Promi-Köchen und anderen, die angeblich Ahnung von der Essenszubereitung hatten. Die seriöse Schönliteratur war nicht zu sehen, dafür hatte das Reichsnorwegisch-Wörterbuch eine kleine Ecke zugeteilt bekommen anläßlich des Schulbeginns. Ich setzte meinen Weg mit einem Kopfschütteln fort.
Ich hatte nie daran gezweifelt, daß an mir mehr dran wäre als an all diesen Normaltauglichen, die versuchten, Bücher zu schreiben, und denen sie auch noch tatsächlich veröffentlicht wurden. Die, die wußten, wie man über nichts schreibt, denn hierzulande erwartet man von einem Schriftsteller, daß er ein oder zwei Bücher im Jahr herausbringt, dachte ich. Und herausgebracht werden sie, und staatlich gefördert, und damit werden sie zur Butter auf dem Brot dieser Sippe geistfreier Möchte-gern-Dichter.
Aber nun wollte ich mich im Namen der Gerechtigkeit nicht größer machen, als ich im Moment war! Mir war völlig klar, daß das, was ich bisher präsentiert hatte, reine Gesellenstücke waren im Vergleich zu dem, was noch kommen sollte. Aber der Keim zu etwas Großem lag da! Der Literaturpreis des Nordischen Rates war augenscheinlich in Reichweite, um es mal so auszudrücken. Und während ich so spazierte, wuchs die Schreiblust in mir. Ich war wie ein Brot, das aufging und das bald aus der Form quellen würde, aus dem Backofen hinaus und die Welt erobern!
Was hatte Rainer Maria Rilke gesagt? Daß Künstler sein bedeutete, daß man „nicht rechne und nicht zähle“, sondern getrost in den Stürmen des Winters stehe, ohne die Angst, es würde kein Sommer kommen? Daß der Sommer nur zu den Geduldigen komme, denen, „die da sind, als würde die Ewigkeit vor ihnen liegen“: sorglos, still und unendlich.
Ich muß sagen, daß es mitunter ziemlich nervte mit der Geduld. Außerdem war der Herbst eher meine Jahreszeit.
Ich überquerte die Universitetsgate, danach die Karl Johan und näherte mich Ibsen und Bjørnson, die dort jeder auf seinem Sockel vor dem Nationaltheater standen. Es war vielleicht verlockend, ein bißchen vor sich herzuschmunzeln über die zwei, aber das waren wahrhaftig Leute mit einer tragfähigeren Spannweite als neunundneunzig Prozent derer, die sich heute Schriftsteller nannten, dachte ich und hielt an und studierte ihre Gesichter; Bjørnsons etwas pompösen Ausdruck und Ibsens ernsthaften. Zwei Giganten auf ihrem jeweiligen Hügelchen, zwei, die, jeder auf seine Art, diesem Land ihren Stempel aufgedrückt hatten, dachte ich.
Aber was war mit Wergeland? Was war denn aus ihm geworden?
Ich sah mich um und entdeckte ihn einsam und verlassen auf der anderen Straßenseite. Da hatten sie ihn also hingestellt! Zugegeben in einer im Verhältnis etwa zum Parlamentsgebäude hervorgehobenen Position, aber doch alleine.
Wergeland wirkte äußerst zufrieden, als ich zu ihm ging, um ihn näher zu betrachten. Verglichen mit den zwei anderen Kerlen war an Wergeland etwas Quicklebendiges und Saftstrotzendes, dachte ich.
Jetzt sah ich die Straßenbahn auf der Stortingsgate kommen. Ich ging über die Straße und lief zur Haltestelle. Der Bus nach Tårnas kam aus der entgegengesetzten Richtung, als ich um die Ecke bog.
Ich war wild entschlossen, meine Wohnung anzusteuern und sofort mit dem Schreiben anzufangen, sobald ich die Straßenbahn verlassen hatte. Auf dem Weg warf ich einen Blick durch das Fenster der „Vier Hühner“. Drinnen waren keine Bekannten, nur ein paar unermüdliche Tresenhocker, die mit einem großen Bier dasaßen und vor sich hin dösten.
Ich hatte neulich einen Text redigiert, in dem es darum ging, wie wichtig es sei, bei Hitze ausreichend Flüssigkeit zuzuführen. Sonst könnte der fein abgestimmte Mechanismus des menschlichen Körpers ganz schnell abkacken. Dort wurde eine Einnahme von zehn bis fünfzehn Litern täglich angedeutet, das faßte ich mal cum grano salis auf. Trotzdem hielt ich an und fühlte, wie mein Hemd am Rücken klebte. Mein Flüssigkeitshaushalt war augenscheinlich aus dem Gleichgewicht. Mein Kopf war schwer, während vor allem die Arme bemerkenswert leicht waren. Ich fürchtete, die Inspiration könnte mir entgleiten, wenn ich nicht sofort etwas dagegen unternahm.
Hirsch stand wie immer hinter dem Tresen und wusch Gläser, wobei er den großen Sommerhit von „Hubert & die Hauskater“ vor sich hinsummte: „Tritt mich in den Arsch“.
- Sag jetzt nichts, sagte er. - Du willst ein großes Bier.
- Ohne Schaum, sagte ich.
- Willst Du nicht vielleicht doch mal das neue Bier aus Monrovia probieren? fragte Hirsch.
- Von wo? fragte ich zurück.
- Die machen gutes Bier da, sagte Hirsch.
Ich hatte keine Ahnung, was Hirsch dafür bekam, den Müll aus Liberia zu promoten. Aber ich hatte Ahnung davon, daß ich ein gewöhnliches großes Bier wollte, ohne Schaum und ohne Brotkrümel. Zum Glück gab er den Versuch auf und fing an zu zapfen, während ich dasaß und überwachte, ob auch alles mit rechten Dingen zuging.
- Viel zu viel Schaum, sagte ich.
- Wart’s doch ab, sagte Hirsch.
- Ich bezahl nicht für den Schaum, sagte ich.
Hirsch entfernte den Schaum und zapfte noch was nach. Dann schob er das Glas über den Tresen. Ich nahm einen Schluck und genoß, wie das Bier sich an die Arbeit machte, alle Gleichgewichte im Körper wieder herzustellen.
- Ist dir aufgefallen, daß Higgens in letzter Zeit schlecht riecht? fragte Hirsch.
- Nein, sagte ich.
- Er hat gestern mal reingeschaut, und ich mußte ihn einfach bitten, wieder abzuhauen, sagte Hirsch. - Geh nach Hause, duschen, hab ich gesagt.
- Hmmm, sagte ich.
- Ich hab hier einen Laden laufen, sagte Hirsch.
- Higgins ist Künstler, sagte ich.
- Der Spruch ist echt zu alt, sagte Hirsch.
Ja, war er das? Konnte man von Künstlern verlangen, daß sie sich genauso oft wuschen wie andere Leute? Ich war überzeugt, daß das nicht zutraf, war aber offen dafür, daß die Meinungen auseinandergehen konnten. Wir lebten in einem freien Land. Aber es gab natürlich Grenzen. Wenn es eines Tages wirklich seine Umgebung belästigte, mußte dies ausgesprochen werden. Die Frage war bloß, ob der Tag schon gekommen war.
- Was meinst du mit riechen? fragte ich.
- Ich meine es genau so, wie ich es sage, sagte Hirsch.
- Meinst du eigentlich stinken? fragte ich.
- Ich meine riechen, sagte Hirsch.
Helle kam zur Tür rein, eine Tüte von „Farbenland“ in der Hand. Das ließ böse Ahnungen in mir aufkeimen. Wenn sie sich gedacht hatte, mich mit sich nach Hause zu schleifen, um die Küche zu streichen, hatte sie falsch gedacht. Für mich gab es wichtigere Dinge zu tun, und das mußte ich ihr auf eine nette und freundliche Weise klarmachen.
- Hab ich mir doch gedacht, daß ich dich hier finde, sagte sie.
- Ach ja? sagte ich. - Ihr zwei beiden denkt ja eine Menge schräges Zeug, was? Hirsch denkt auch so Sachen über mich. Er behauptet, er hätte gewußt, daß ich ein großes Bier wollte.
- Reiner Glückstreffer, sagte Hirsch.
- In Wirklichkeit will ich direkt nach Hause und SCHREIBEN, sagte ich. - Ich habe da einen Roman, der geschrieben werden muß, und wenn ich ihn nicht schreibe, was glaubst du, wer ihn dann schreibt?
- Ich will nach Huk, sagte Helle.
- Nach Huk? sagte ich, etwas freundlicher gestimmt. Ich beugte mich vor und küßte sie auf die Stirn. Ich legte einen Arm um sie und zog sie an mich heran. Sie roch frisch und gut, nur ein schwacher Hauch von grüner Seife und alten Pausenbroten kündete davon, daß sie direkt von der Arbeit kam.
- Wir können am Strand grillen, sagte Helle.
Ich warf einen Blick in die Tüte. Darin lagen Farbe, Schleifpapier, Spachtel und Spiritus, und ganz unten einige Malwerkzeuge zwielichtiger Herkunft.
- Ich hab erstmal anderthalb Liter gekauft, sagte sie.
- Schlau, sagte ich und wühlte in der Tüte herum.
- Die wollten mir zehn Liter aufschwatzen, aber ich hab nein gesagt, sagte Helle.
- Braves Mädchen, sagte ich.
Jetzt hatte ich die Werkzeuge zu fassen gekriegt und nahm sie für eine nähere Begutachtung heraus. Es handelte sich um einige jämmerliche Exemplare mit Plastikgriff und struppigen Borsten. Das waren ehrlich gesagt die unbrauchbarsten Malwerkzeuge, die ich je gesehen hatte.
- Was ist das? fragte ich.
- Pinsel, sagte Helle.
- Ein paar Scheißpinsel, wenn das so ist, sagte ich. - Weißt Du denn nicht, daß solche Billigpinsel schlimmer haaren als räudige Straßenköter?
- Wird schon gehen, sagte Helle.
- Nein, das wird es nämlich nicht, sagte ich. - Davon verstehst Du offensichtlich höchst wenig. Hirsch kann sicher bestätigen, was ich sage.
Aber Hirsch hatte sich verdrückt und sich irgendwo ganz hinten in der Küche versteckt, von ihm war also keine Hilfe zu erwarten.
- Zwei Dinge sind wichtig im Leben, sagte ich. - Zum einen, reichlich Wasser zu trinken. Zum anderen, beim Streichen ordentliche Pinsel zu benutzen.
[Ende Seite 23
Nachdem Helle ihrem Freund mitteilt, daß sie schwanger ist, spinnt er sich wilde Geschichten über mögliche andere Väter zurecht. Kurz daruaf trifft Hobo, inzwischen gekündigt und dementsprechend ganz und gar freier Schriftsteller, zum zweiten Mal auf sein großes Idol, Pål Waaktaar, dessen Frau Lauren und ihr Kind Augie.]
Erkannte Augie mich wieder? Nicht ganz ausgeschlossen. Ich hatte etwas an mir, das einen Eindruck bei den Leuten hinterließ. Es war nicht das erste Mal, daß ich das erlebte, neinnein! Aber bei den Kleinen war das etwas anderes. Es wirkte, als sei ihnen nie etwas fremd, als trügen sie ein Wissen mit sich herum, das in die Vorzeit zurückreichte, als der Urmensch über die Erde taperte, barfuß und nicht ahnend, was die menschliche Geschichte an Teufeleien hervorbringen würde.
Ich beugte mich runter und sah mir den Jungen ein wenig genauer an. Nein, dieses Wissen war etwas jüngeren Datums, stellte ich fest. Ungefähr sechzehntes Jahrhundert - Renaissance, Kartenspiel und Hornmusik. Er sah aus wie ein weiser alter Mann, der sich ein bißchen hingelegt hatte nach einem langen Leben im Dienste des Guten. Entspann dich, kleiner Mann, dachte ich und wackelte mit seinem Spielzeug. Entspann dich nur. Und falls du vorhast, wach zu bleiben, solltest du mindestens den Mund halten und nicht dieses Geschrei anfangen, das jedem jämmerlich durch Mark und Bein geht.
Im selben Augenblick fing er an zu schreien, so daß ich mich höllisch erschreckte. Alle im Laden drehten sich um, und bald stand Waaktaar da und nahm das Baby aus dem Wagen.
- Haben die hier irgendwo Libero-Windeln für 2-3-Jährige? fragte ich Waaktaar.
Das Kind hatte sich schon wieder beruhigt, und Waaktaar sah mich an und antwortete:
- Keine Ahnung, ich nehm nur Pampers.
- Pampers? sagte ich.
- Ja, sagte Waaktaar.
- Pampers sind natürlich die besten, sagte ich. - Aber ich habe ein kleines Problem mit meiner Kleinsten. Sie pinkelt durch die Pampers-Windeln durch.
- Oh Scheiße, sagte Waaktaar.
- Ja, ganz schöner Mist, sagte ich.
- Oh Mann, ja, sagte Waaktaar mitfühlend.
- Up & Go gehen am besten, sagte ich.
- Hast Du mal versucht, die Klettverschlüsse über Kreuz zuzumachen? Man muß manchmal ein bißchen rumprobieren, sagte Waaktaar.
- Bringt nichts, sagte ich und schüttelte deprimiert den Kopf.
Einen Augenblick lang war es still. Ich fing an, in der Tasche zu wühlen. Wollte ich es schaffen, das Buch zu überreichen, mußte es jetzt geschehen. Mitten in einem Lebensmittelgeschäft hatten wir einen Moment der Nähe erlebt, ein frischgebackener Vater und ein möglicherweise werdender Vater waren einander begegnet. Was war wohl natürlicher, als ihm das Buch jetzt sofort zu überreichen? Daß es sich bei dem Typen um einen lesenden Menschen handelte, darüber gab es ja keinen Zweifel.
Das Buch war nicht in der rechten Tasche, auch nicht in der linken, statt dessen hatte ich es in die hintere Tasche gesteckt, aber als ich es Waaktaar überreichen wollte, war er weg. Ich sah ihn aus dem Laden verschwinden, und draußen stand Lauren und wartete auf ihn. Sie waren offensichtlich sehr beschäftigt, denn sie fingen sofort an zu plappern wie ein altes Ehepaar, das sich drei Minuten nicht gesehen hat, und dann walzten sie davon, als ob sie das nächste Flugzeug nach New York erwischen müßten.
Ich fühlte einen Anflug von Eifersucht gegenüber Lauren. Pål war sofort aus dem Laden gerannt, als er sie sah. Wenn es so war, daß ich erstmal Lauren ausstechen mußte, um Pål einige Sekunden für mich zu bekommen, mußte ich mehr zu trinken haben. Ich kaufte ein Sixpack, bezahlte an der Kasse und ging raus.
Pål und Lauren gingen langsam die Straße entlang. Eigentlich hatte ich überhaupt nichts gegen Lauren, dachte ich. Aber gerade jetzt war sie ein riesengroßes Haar in der Suppe.
Wherever you may go, I’ll follow.
Meine Schuhspitzen standen exakt am Übergang von der öffentlich-rechtlichen Straße zum privaten Grundstück. Einige Meter entfernt stand eine stattliche Villa mit einer Terrasse davor und einer Einfahrt und einer soliden Tür, die hinein in ein anderes Leben führte. Ein Leben, von dem ich bis jetzt nur gelesen und geträumt hatte, das ich aber eines Tages teilen würde, da war ich mir sicher.
Auf dem Vorplatz standen ein Kinderwagen und ein blaues Auto. War das ein alter Opel Sonett? Das Auto enttäuschte mich schlichtweg ein wenig. Ich hatte etwas irgendwie stärker Beeindruckendes von Pål erwartet - ein sportliches Gefährt mit Vierradantrieb oder einen Jaguar älteren Baujahrs.
Mein Verdauungsapparat war unruhig. Dem unbedenklichen Genuß von Kaffeelikör waren in meinem Alter wohl Grenzen gesetzt. Mein Magen krümmte sich, und in den letzten Minuten hatte sich schleichend eine leichte Übelkeit eingefunden, obwohl ich reichlich Bier nachgefüllt hatte, um den Flüssigkeitshaushalt im Gleichgewicht zu halten. Ich stand da schon lange, ganz genau zwei Stunden und vier Minuten, halb versteckt hinter einem Busch. Das Fahrrad zu verbummeln, hatte ich schon auf dem Weg geschafft.
Insgesamt war ich nicht so richtig in Topform. Es war, als ob mein Körper mich in die Knie zwingen wollte. Mußte man sich nun deswegen Sorgen machen? Ich wollte einem Bruder im Geiste ein Geschenk machen. Nicht mehr, nicht weniger.
Die Widmung im Buch war schlicht und einfach: Für Pål von Hobo. Alles Gute zur Vaterschaft!
Letzteres war der Versuch, ihn da abzuholen, wo er war. Kinder waren nicht mein Gebiet, aber frischgebackene Väter werden gerne an ihren Status als Versorger der Familie erinnert, seien sie nun erfolgreiche Künstler oder Straßenbahnfahrer, und jetzt wollte ich einfach nur klingeln, mich vorstellen, das Geschenk überreichen. Mehr war doch gar nicht.
Ich stürzte das Bier herunter und ging durch das Tor. Vielleicht war ich ein bißchen unsicheren Schrittes. Vielleicht war mein Haar etwas zerzaust, aber ich hatte die Strickjacke und das Hawaii-Hemd an.
Im Vorbeigehen warf ich die leere Flasche in die Mülltonne. Ich war nur wenige Schritte auf das Haus zugegangen, als mich schon mein schlechtes Gewissen zwickte. Was für eine Frechheit, seinen Abfall bei anderen Leuten zu entsorgen, ohne vorher um Erlaubnis zu bitten! Ich kehrte zur Mülltonne zurück und öffnete den Deckel wieder.
Der Gestank schlug mir entgegen, als ich mich vorbeugte. Die Flasche war zwischen vollgestopfte Supermarkttüten gerutscht. Plötzlich wurde der Gestank aufdringlich, und ich riß die Flasche an mich und schnappte nach Luft.
Jetzt entdeckte ich etwas Rotes an meiner Hand. Lag dadrin eine tote Frühgeburt? Die Leiche eines alten Freundes, der unangekündigt genau zur Zu-Bett-geh-Zeit des Kleinen aufgetaucht war? Ja, was verbarg sich eigentlich hinter „Sycamore Leaves“? dachte ich. Verendete Körper, vergewaltigte und verstümmelte Kinder? Oder nur übertragene und unterdrückte Phantasien? Ich dachte an das in Waaktaars Texten eingebaute Dunkel. Oberflächlich und tief im selben Atemzug. Das Gleichgewicht zwischen Übergang und Untergang. Hatte ich mich in dem Mann so sehr getäuscht?
Mein Bild von meinem Bruder im Geiste hatte plötzlich eine ganz neue Dimension bekommen, aber da erkannte ich, was das Rote war: Nudelsauce!
Mir traten die Tränen in die Augen. Waren wir mehr als Brüder im Geiste? Mochten wir auch noch dasselbe Essen? Der Gedanke baute mich sofort wieder etwas auf und ich leckte die Sauce gierig von meiner Hand. Dolmio? Ganz bestimmt, und nach einem kurzen Check der Mülltüten fand ich auch das leere Glas, das ich mir in die Jackentasche stopfte, bevor ich unsicher auf die Eingangstür zuging.
Mitten auf dem Vorplatz wurde ich langsamer. Der Anblick einer Gestalt in einem Fenster brachte mich dazu, statt dessen Richtung Garten auszuscheren.
Am besten nicht stören, der Kleine liegt vielleicht draußen und schläft, dachte ich. Ich würde erstmal einen Blick in den Garten werfen.
Die kleine Familie saß im Wohnzimmer auf dem Fußboden. Die Eltern tüddelten und plapperten mit dem Baby, und bald war wieder Zeit zum Windeln wechseln, soviel verstand ich, denn die Ausrüstung lag bereit: Eine saubere Windel, feuchte Tücher, eine Creme für wunde Stellen.
Von meinem Standplatz aus hatte ich einen guten Überblick durch die Terrassentür. Aber es überraschte mich etwas, daß es kaum Möbel in dem großzügigen Zimmer gab. Was war denn das, bitteschön? War das eine Umgebung, in der ein Kind aufwachsen sollte? Oder leben die Stars eben so? fragte ich mich. Ohne Möbel, aber mit vollem Bankkonto? Vielleicht war es unpraktisch, so viel rumstehen zu haben, auf dem sich der Staub sammelte, wenn man unterwegs auf Tournee war, aber alles mußte doch seine Grenzen haben!
Das Baby sah blöd auf seinen berühmten Vater und würgte. Das war zuviel für mich, ich hielt mir den Mund zu und drückte die Stirn fest gegen die Fensterscheibe, und während Pål eine dreckige Windel von dem Kleinen entfernte, gewann die Übelkeit die Oberhand, und ich spuckte über die ganze Terrasse.
Als ich fertig war und mich wieder zur Tür drehte, sah ich, daß sie da drinnen verschwunden waren. Die Kotze dampfte noch immer auf der Terrasse, als ich die Stufen hinuntertaperte. Hinter mir stand noch ein Nistkasten. Hinter den Gardinen im Haus und auch draußen auf der Straße war niemand zu sehen, aber die Sirene eines Polizeiautos wurde lauter und lauter.
Rezension I Buchbestellung I home IV03 LYRIKwelt © Christine von Bülow