Wenn ich Gedichte
schreibe...
(aus: Der Geheimniszustand und Das Gedicht vom Tod,
2001, Hanser-Verlag)
Wenn ich Gedichte
schreibe, dann kann es mir einfallen, so zu tun, als schriebe nicht ich, sondern die
Sprache selber.
Ich tue so, als wäre es möglich, als Person ein wenig zurückzutreten und die Sprache
sozusagen von außen zu überwachen, so als hätte ich sie selber nie benutzt.
Ich tue also so, als hätten die Sprache und die Welt ihre eigenen Verbindungen. Als
hätten die Wörter, um mich herum, direkte Berührung mit den Phänomenen, auf die sie
verweisen. So daß es der Welt möglich wird, Sinn in sich selbst zu finden. Einen Sinn,
der vorher schon da ist.
Dabei tue ich nur so, als ob. Ich spüre aber auch, daß ich das tun muß. Ich muß
in der Welt Sinn finden, nicht, weil ich das beschließe, vielleicht nicht einmal, weil
ich das wünsche, sondern weil ich als ein Eingeborener - auf dieselbe Weise, wie ein Baum
eingeboren ist -, ja wirklich als ein eingewachsener Teil der Welt nicht umhinkann, Sinn
zu schaffen, den Sinn, der vorher schon da ist und der unaufhaltsam seine eigene
Verwandlung verwaltet, als das, was wir unter Überleben verstehen.
Ich kann es auch anders sagen. Was ich hier erzähle, unterscheidet sich im Prinzip nicht
von der Art der Bäume, Blätter zu treiben. Die sich selbst produzierenden, sich selbst
regulierenden Systeme der Biologie sind im Grunde von derselben Art, ob sie nun Bäume
genannt werden oder Menschen.
Als Mensch muß ich natürlich einwenden, daß ich, während ich hier an meinem Fenster
sitze, den Baum sehen kann, während ich annehmen muß, daß der Baum nicht mich sehen
kann. Aber was heißt das: sehen? Das ist ja Menschensprache. Natürlich ist es richtig,
daß der Baum nichts gesehen hat, aber auf seine Weise hat er mich dennoch gesehen, indem
er die Anwesenheit des Menschen gemerkt hat, wenn nicht anders, dann als
Luftverschmutzung.
Dann kann man sagen: das zeigt eigentlich nur, daß die Menschen höher stehen als die
Bäume und Macht über die Dinge haben, daß, kurz gesagt, wir es sind, die bestimmen
müssen, ob die Bäume sterben sollen, und nicht umgekehrt. Doch wer weiß, wie die
Verwandlung am besten verwaltet wird. Was wie Waldsterben aussieht, ist vielleicht vor
allem ein Zeichen dafür, daß wir selber in Gefahr sind, daß wir selber erliegen können
- natürlich nach den Wäldern.
Aber vorher oder nachher ist in dem Zusammenhang wohl für die Bäume nebensächlicher als
für uns. Wir haben ja keine unmittelbare Fähigkeit gezeigt, aus der Erde
wiederaufzuerstehen, wenn wir erst einmal tot sind, aber da Pflanzensamen, die in den
Pyramiden Ägyptens versteckt gewesen sind, sich heute als keimfähig erwiesen haben, muß
man annehmen, daß die Bäume sich nur in der Erde verstecken und wieder heraufkommen
wollen, wenn die Zeit da ist, wenn einmal die Luftverschmutzung und die Menschen weg sind.
Die Bäume überleben, dann aber eher mit den Küchenschaben zusammen als mit uns.
Auf diese Weise kann man es wirklich nicht sagen. Und doch. Sie zeigt vielleicht, daß die
Welt in Wirklichkeit sowohl lesen als auch gelesen werden kann. Daß Eindrücke geerntet
werden können, so wie Trauben geerntet werden. Daß Zeichen gesammelt werden können, so
wie Nahrung gesammelt wird. Daß wir als Menschen eine Vielfalt von Zeichen lesen können,
von den Bewegungen von Sternen und Wolken über Vogel- und Fischschwärme bis hin zu
Ameisensprache und Wasserstrudeln im heimischen Küchenausguß. Alles von Astronomie und
unsichtbarer Chemie bis hin zur Biologie und ihrem Klima. Aber auch die Ameisen lesen.
Auch die Bäume lesen und wissen auf Sekunden genau, wann sie die Blätter hängen lassen
müssen, wenn ihre Blüte in Gefahr ist.
Dennoch sind wir natürlich einzigartig, aber nur, weil die Erde einzigartig ist. Die Erde
hat in ihrer Biosphäre das Projekt entworfen, das Menschheit heißt. Das einzigartig ist,
nicht nur, weil in unserem Teil des Weltraums keine anderen in der Nähe sind, die uns
ähneln, und nicht nur, weil wir alle Zeichensysteme der Welt ablesen und versuchen
können, sie
in unsere Sprache zu überführen, auch nicht, weil wir den natürlichen und historischen
Prozeß der Lesbarkeit selbst lesen können - nein, eigentlich sind wir nur einzigartig,
weil wir das Wort Gott benutzen.
Weil wir uns vorstellen müssen, daß wir auch nach beendeter Lektüre unserer selbst und
all des anderen zusammen schließlich an die Grenze der Lesbarkeit gelangen werden. Und
vielleicht ist es diese von uns vorweggenommene Grenzstelle, was uns so einzigartig macht.
Hier, unterwegs, führen wir das Gespräch zwischen Mensch und Weltall, zwischen
Lesbarkeit und Unlesbarkeit, das wir versuchsweise Gott nennen.
Und dieses Gespräch haben wir ja lange geführt. Noch bevor wir eine Schriftsprache
hatten. Vielleicht sogar, bevor wir eine Sprechsprache hatten. Jedenfalls bevor wir das
erste Gedicht dichteten, mündlich oder schriftlich, weil wir von vornherein mit dem
Gedicht verbündet waren, das das ureigene Gedicht des Weltalls ist.
Unterwegs haben wir verschiedene Versuche gemacht, dieses Gedicht einzufangen, und wir
haben sie alles mögliche genannt, von Offenbarung bis Wissenschaft. Seit die ersten
heiligen Schriften zur Welt kamen, von der Bibel über Novalis bis
Mallarmé, und in der
Wissenschaft weiter bis zu den letzten Theorien über den Zusammenhang des Weltalls, hat
eine Vorstellung vom Weltbuch bestanden, dem Buch, das alles aussagt und damit das
Gespräch zwischen Lesbarkeit und Unlesbarkeit zum Aufhören bringt, sozusagen im Worte
Gott drinnen.
Eine Vorstellung, die immer Nahrung aus ihrer eigenen Unmöglichkeit gesogen hat. Die
Bibel wird zwar eine Offenbarung genannt, aber eine Offenbarung, die in den Vorbehalt
mündet, daß wir hier wie in einem Spiegel sehen, ein Rätsel, aber zu seiner Zeit von
Angesicht zu Angesicht sehen werden - das heißt: einmal, wenn die Welt, die offenbart
wird, nicht mehr existiert.
Und auch wenn Novalis die allumfassende Verschmelzung von Wort und Phänomen sucht -
"Das Äußre ist ein in Geheimnißzustand erhobnes Innre" - und die Formel für
das archetypische Buch umkreist, wird die Arbeit immer wildwüchsiger, denn je mehr er
sich um das Ganze konzentriert oder sich in das Ganze hineinliest, desto mehr scheint es
sich auszubreiten, genauso wie später Mallarmé dahin kommt, mehr auf die Leere zwischen
den Wörtern hinzuweisen als auf die Wörter selbst.
Auch die Versuche der Wissenschaft, das Weltbuch in einem einzigen Zusammenhang zu
schreiben, sind in ständig revidierten Theorien über Entstehung, Einrichtung und Verlauf
des Weltalls gelandet, Theorien, die ganz draußen an der Grenzstelle entstehen, wo das
Gespräch zwischen Lesbarkeit und Unlesbarkeit zwar geführt werden kann unter Namen wie
Chaos-Theorien, Fraktalen und Superstrings, aber nur, weil es mit dem Wort Gott allzu
anmaßend klingt.
Doch so, wie die Buchstaben in einem Buch niemals die Welt werden lesen können, so
können wir auch niemals die Welt lesen. Die Buchstaben werden es natürlich auch nicht
versuchen. Wir dagegen sind gezwungen, weiterzulesen. Und stets wird es uns gehen wie in
der berühmten Erzählung von Jorge Luis Borges, der Erzählung von der Landkarte, die
immer größer und ausführlicher gezeichnet wird, bis sie schließlich genauso groß ist
wie die ganze Welt und das bedeckt, was sie eigentlich aufdecken sollte.
In einer menschlichen Dimension muß die Karte eine Abkürzung sein. Und auf dieselbe Art
und Weise muß die Sprache eine Abkürzung für die Lesbarkeit der Welt als solche sein.
Eine poetische Abkürzung für all die Zeichen im Weltall, deren Verhältnisse und
Bewegungen wir nicht umhin können uns anzulesen. Was Novalis "das seltsame
Verhältnisspiel der Dinge" nennt. Dieses Verhältnisspiel kommt in allen Arten sich
selbst produzierender Systeme und ihrer Verflechtung zum Ausdruck. Von der Welt der
Menschen aus gesehen, in erster Linie in der Sprache und der Mathematik und ihrer
Verflechtung in uns. Unter anderem in Gestalt von Gedichten.
Wenn ich sage: unter anderem in Gestalt von Gedichten, dann deshalb, weil die Gedanken,
die ich mir hier mache, auch eine nachträgliche Rationalisierung sind, die jedenfalls
teilweise mit dem Erlebnis verknüpft ist, das ich selber mit dem Schreiben von Gedichten
hatte, als ich die Gedichtsammlung alphabet schrieb.
Sie entstand auf eine besondere Art und Weise, die vielleicht Licht auf den Zusammenhang
zwischen Zahlen, Poesie und Sprache werfen kann.
Wie alle, die sich ab und zu mit der Unlesbarkeit konfrontieren, vielleicht gerade, weil
die Lesbarkeit überhaupt existiert, erlebte ich das, was man eine Krise nennt. Warum
überhaupt schreiben, wenn die Unlesbarkeit bloß anhält? Und auf einer anderen Ebene:
warum schreiben, wenn die Menschheit ihre eigenen Ausrottungsmittel anhäuft und so
aussieht, als sehnte sie sich nicht danach zu lesen, sondern danach, sich über die Grenze
hinwegzuwerfen, in die große Unlesbarkeit hinein.
Die eigentliche Arbeit damit, diesen Fieberzustand zu überwinden, begann als Vorgang des
Einsammelns. Eine mir selbst unverständliche Beschäftigung damit, Einzelwörter auf
Papier zu schreiben, vorzugsweise Substantive, die auf konkrete Phänomene in der Welt
verweisen, alles mögliche Eßbare, Sichtbare und sinnlich Wahrnehmbare wie Aprikosen,
Tauben, Melonen, aber auch Dioxin und anderes. Da standen sie, auf großen Bögen weißen
Papiers, Wörter mit A, Wörter mit B, Wörter mit C usw., und wenn ich noch unerträglich
viel länger weitergemacht hätte, dann hätte es einer besonders schlampigen Form von
Wörterbuch geähnelt, einer Wildnis unzusammenhängender Phänomene.
Hier kommt die Mathematik herein. Denn da die Phänomene niemals von selbst in
Zusammenhängen auftreten, nur weil sie benannt werden, wurde es mein Glück, daß ich
unterwegs, in meinem Suchen nach Wörtern, zufälligerweise über Zahlen fiel (in einem
Lexikon unter F), nämlich über Fibonaccis Zahlenreihe, die ich am ehesten als eine
Vision erlebte, als ein Bild für Entstehung und Ausbreitung des Weltalls, das der Theorie
vom Urknall entsprach, die damals die führende war. Als das Weltall geboren wurde,
geschah folgendes: Alles, was anfangs zu fast nichts zusammengepreßt war, explodierte und
breitete sich nach allen Seiten aus, eine Bewegung, die andauern wird, bis die Ausbreitung
so groß ist, daß alles zu verschwinden und wieder zu nichts oder fast nichts zu werden
scheint. Ein Bild also. Oder ein Gedicht, das sich draußen in der Unlesbarkeit befand,
dessen formale Struktur ich jedoch über die eingesammelten Wörter und ihre Phänomene
preßte. Dadurch gelang es mir, ein Gedicht zu schreiben, das verhältnismäßig lesbar
ist, es vielleicht aber am meisten dadurch ist, daß es auf die gemeinsame Unlesbarkeit
hinweist.
In dem Zusammenhang kann es interessant sein zu erzählen, daß ich erst, nachdem ich alphabet geschrieben hatte, detailliertere
Kenntnis über Fibonaccis Reihe erhielt, worin jede Zahl die Summe der beiden vorangehenden ist; ich wurde nämlich darauf aufmerksam
gemacht, daß ganz viele Pflanzen sozusagen Fibonaccis Zahlen benutzen. Zum Beispiel
werden zwei aufeinanderfolgende Blätter auf einem Pflanzenstengel das Verhältnis
zwischen Fibonacci-Zahlen spiegeln, die zwei Stellen auseinanderstehen. Für den Apfelbaum
ist dieses Verhältnis 2 zu 5, für Porreepflanzen 5 zu 13. Und es gilt nicht nur für
Blätter, sondern auch für Zweige, Blüten und Samenkörner. Bei der Sonnenblume und der
Margerite zum Beispiel sind die Samenkörner in der mittleren Scheibe in Spiralen
angeordnet, wo die Zahlen für die Sonnenblumen allgemein 21 und 34, 24 und 55 oder 55 und
89 sind, während sie für Margeriten 21 und 34 sind. Es sieht also wirklich so aus, als
hätten die Pflanzen ihre eigene Art und Weise gefunden, Gedichte zu schreiben. Gedichte,
die wir Menschen nicht umhinkönnen zu lesen.
Ob Gedichte nun aber auf die eine oder auf die andere Weise geschrieben werden, ob ich nun
so tue, als schriebe ich oder als schriebe die Sprache, ob ich nun schlecht und
recht die Welt lese oder sage, daß ich ein Teil der Welt bin, der die Welt liest, und
daß sie damit sich selbst liest, so bin und bleibe ich der naive Leser, ein Eingeborener,
der seine Welt nie von außen sehen kann. Und mein Gedicht wird dasselbe Verhältnis zum
Weltall haben wie das Auge, das seine eigene Netzhaut nicht sehen kann. Jedenfalls aber
sieht es. Und es liest weiter.
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