Zwei alte Tanten gehen essen
(Leseprobe aus: Mein Freund
Klaus, Roman,
2007,
Verbrecher
Verlag)
Linde nickt telefonisch.
Linde weiß, wovon ich rede.
Linde hatte eine alte Tante namens Helene, die einen Elektroladen besaß.
Manchmal besuchte meine Freundin Linde ihre Tante Helene.
Dann stand die Tante vor ihrem Laden und schaute den Leuten zu, die auf der
Marktstraße spazieren gingen. Oder einkaufen.
Auf der anderen Straßenseite stand Tante Helenes Freundin Luise vor der
Drogerie, die sie von ihrem Mann geerbt hatte.
Wenn meine Freundin Linde sich an die beiden Frauen erinnert, stehen sie vor
ihren Läden und reden miteinander.
Frau Croissant ist ziemlich klein, ziemlich rundlich und hat eine wunderbare
Lache.
Um die Mittagszeit gehen die zwei eher alten als jungen Geschäftsfrauen
gemeinsam Mittagessen. Meisten ins Gasthaus zum Bären.
„Frau Croissant“, sagt Linde, „hat mir gut gefallen. In erster Linie wegen
der Lache.“
„Hatte Klaus auch so eine Lache?“ frage ich.
Linde erinnert sich nicht.
„Das müsstest Du doch wissen“, sagt sie, aber auch ich erinnere mich nicht.
„Er lächelte oft und seine Heiterkeit war ansteckend“, sage ich.
„Vielleicht war das Lächeln jener Teil seines Lachen, den er zeigen
wollte“, sagt Linde.
Wir plaudern also ein Weilchen hin und her, bis ich das Gefühl habe, dass wir
jetzt genug darüber geredet haben, dass Klaus sehr nett und charmant war und überhaupt
nicht aufdringlich, dass Linde damals in Franken wohnte und ich sie ganz unverblümt
frage:
„Also wie war das jetzt mit Klaus und Dir. Raus mit der Sprache.“
Es war so. Eines Tages hatten die zwei Geschäftsfrauen den Plan, Klaus und
Linde zu verkuppeln.
Man warf sich also in Schale, stieg ins Auto und fuhr los.
In dem üblichen Ausflugslokal angekommen, gingen die zwei Alten ein wenig auf
und ab, während die zwei Jungen auf Vorschlag der zwei Alten einen Spaziergang
absolvierten.
„Nun und, wie war’s?“ drängele ich.
„Es war schrecklich“, gesteht Linde.
„Der reife, ältere Student aus der Großstadt Heidelberg, und das dumme junge
Gänschen aus dem Frankenland. Ich war hoffnungslos overdressed.“
„Und Klaus? Wie war der?“
„Der hat bestimmt einen Anzug angehabt.“
„Einen Anzug?“
„Ja. Nehme ich an.“
„Habt Ihr’s getrieben?“
„Wo denkst Du hin?
„Hat er wenigstens gebaggert?“
„Was für ein Ausdruck. Dafür war er viel zu gebildet. Viel zu elegant.“
„Ihr habt nichts gemacht?“
„O, doch, natürlich.“
„Was?“
Nach ihrer Erinnerung hätten sie Konversation gemacht.
Die Verschmutzung
Wie war Klaus?
Ich weiß es nicht, antworte ich.
Du weißt es nicht? fragen die Leute erstaunt.
Du hast drei Jahre lang recherchiert. Hundert Leute befragt. Seine Reden und
Aufsätze gelesen. Die Haftbefehle, Anklageschriften und Urteile. Hundert
Zeitungsartikel und Aufsätze über ihn.
Du hast ihn gekannt.
Ihr hattet die gleichen Ideale.
Vielleicht wart Ihr Freunde.
Wie ein Schatten bist Du ihm gefolgt, als er tot war.
Alle seine Orte hast du besucht.
Kirchheim, Edenkoben, Heidelberg, Stuttgart, Paris, Wien, Frankfurt am Main, Brüssel,
Westberlin und Groß-Berlin.
Seine Wohnungen besichtigt.
Die Gefängnisse.
Die Kneipen.
Und Du weißt es nicht? Sag mal, willst Du mich verarschen?
Ach, sage ich, weißt Du. Die zwei, drei Dinge, die ich über ihn weiß, wie
Godard gesagt hätte. Was ist das schon?
Das Bild, das ich von ihm habe, erinnert an die alten Schinken, die in den
Museen, Kirchen und Palästen hängen.
Der Firnis, der sie konservieren sollte, hat sie fast unkenntlich gemacht. Das
Licht, das Wetter, das Innenklima, der Atem der Betrachter haben sie vergiftet
und dieser Vorgang hat ihnen die Farben genommen, die Konturen, die Tiefen, die
Kontraste.
Was auf ihnen zu sehen war, ist verschwommen wie eine Figur in einer Landschaft
im Abendnebel.
Natürlich, man kann die Bilder reinigen, restaurieren. Doch das gereinigte Bild
bietet bestenfalls eine Vorstellung davon, wie das Original einmal ausgesehen
haben könnte.
Etwas ähnliches geschieht mit den Figuren der Zeitgeschichte.
Auch ihr Bild wird verschmutzt und je mehr über sie geschrieben wird, desto
schmutziger wird es, und je mehr ich mich bemühe, diesen Schmutzfilm zu
entfernen, desto größer wird das Risiko, die Person zu idealisieren und
dadurch abermals zu verschmutzen.
Bekanntlich betrifft dieser Vorgang alle und alles. Er ist also nicht auf meinen
Freund Klaus beschränkt.
Er beruht auf einem Wahrnehmungsproblem.
Keine Biografie ist frei von den Interpretationen ihres Autors und kein Autor
vermag eine Person oder ein Ereignis objektiv darzustellen.
Jeder Autor wird seine persönliche Einstellung in die Darstellung einfließen
lassen.
Was Klaus angeht, so ergibt sich daraus folgendes Problem:
Es kann keine unvoreingenommenen Zeugnisse über ihn geben. Auch was er über
sich selber gesagt und geschrieben hat, ist nicht frei von der Situation, in der
es formuliert wurde.
Das versteht sich von selbst.
Ich kann von einem Angeklagten in einem Strafprozess und von einem Anwalt in
einem politischen Verfahren nicht erwarten, dass er sich zweckfrei äußert.
Mit allem, was wir sagen und tun, nehmen wir Rücksicht auf die Situation, in
der wir uns befinden.
Es war ein Irrtum, als ich mit den Recherchen anfing, zu meinen, ich könnte
herausfinden, wer Klaus war, und es wäre unlauter, wenn ich jetzt behaupten würde,
ich hätte es herausgefunden.
Klaus ist dank der politischen Auseinandersetzungen, in die er verstrickt wurde,
zu einer Doppelfigur geworden.
Durch das Bild, das andere sich von ihm gemacht haben, schimmert, wenn man so
wohlwollend ist wie ich, noch immer ein starker Rest der Figur, die er tatsächlich
gewesen sein könnte.
Die andere Figur ist jene Form der Erscheinung, die uns in den Quellen
entgegentritt – Quellen, die von Anfang an nur den Zweck hatten, sein Bild zu
verzerren, zu verschmutzen, mit dem Ziel ihn zu diffamieren.
Ich kann nur versuchen, jene Ideologeme, Voreingenommenheiten, Opportunismen,
Willfährigkeiten, Gefälligkeiten, Speichelleckereien, bewussten Lügen und
Verzerrungen, die als solche erkennbar sind, herauszufiltern, und im Kaffeesatz,
den ich dadurch erhalte, nach den Spuren der Wirklichkeit zu suchen.
Diese zu ergänzen durch Quellen, denen eine weniger schmutzende Tendenz
innezuwohnen scheint.
Alle diese Spuren zusammenzufügen wie ein Mosaik, und aus dem dann immer noch lückenhaften
Gebilde Schlüsse zu ziehen, wie Klaus wirklich gewesen sein könnte, bevor sein
Porträt so verschmutzt wurde.
Rezension I Buchbestellung IV07 LYRIKwelt © Verbrecher Verlag