Saumlos
(Leseprobe aus: Saumlos, Roman,
1979/2004, Verbrecher
Verlag)
I.
Bald siebzig Jahre später, im Juli 1973 kurz vor ihrem achtundsiebzigsten
Geburtstag, erinnerte sich die Witwe Annette Kümpel, die wegen anhaltender
Schlaflosigkeit morgens um drei aus dem Fenster schaute, angesichts der zwei
Männer, die einen dritten, ziemlich langen Menschen in die Linde neben dem Haus
ihres Sohnes hängten, des ersten Fahrrades, das sie in ihrem Leben gesehen
hatte.
An jenem Morgen waren die Frauen und Mädchen draußen auf den Wiesen beim
Heuwenden, als von der staubigen Landstraße Kindergeschrei zu hören war.
Annette Kümpel richtete sich auf und sah einen Mensch mit wehenden
Rockschößen, der eine Tasche umhängen hatte, eine Uniformmütze trug und auf
einem Ding saß, das nur aus zwei großen Rädern und einem Griff für die
Hände bestand.
Es war der Postbote, der die drei Dörfer Saumlos, Vockerode und Klein-Calden
versorgte und heute nicht wie sonst zu Fuß kam, sondern in Windeseile.
Annette drehte den Rechen um, steckte ihn in den Boden und lief ebenfalls auf
die Straße. Immer mehr Kinder und auch einige Frauen kamen aus den Wiesen
gerannt und verfolgten unter lautem Gejohle den Postboten bis ins Dorf, wo er
sein Fahrrad gegen die Linde lehnte und mit dem Austragen der Briefe begann.
Es war nicht viel, was er auszutragen hatte, aber seine Rolle bestand auch mehr
darin, mit den Leuten zu reden. Von einem Haus zum nächsten pflanzten sich die
Nachrichten fort, die er aus den Nachbardörfern mitgebracht hatte, und wer ihn
etwas besser kannte, erfuhr sogar, was in den Briefen stand, die er austrug.
Der Briefträger war der wichtigste Nachrichtenbringer am Dorf. Von ihm erfuhr
man, wer im Sterben lag, welche Krankheiten die Leute hatten, wo ein Kind zur
Welt gekommen war, welcher Bauer dazugekauft hatte, wer gerade bankrott machte,
wer seine Frau verprügelt hatte oder von ihr verprügelt worden war, und man
lernte sogar, was man zu denken hatte, denn natürlich berichtete er auch, was
die wichtigsten Persönlichkeiten gesagt hatten, wenn er mit ihnen über die
Dinge in den drei Dörfern und in der Welt redete.
Jetzt kam er also mit einem Gerät, das sich Fahrrad nannte. Das zweite große
Ereignis vor dem ersten Weltkrieg war das Luftschiff. Auch davon sprach Frau
Kümpel häufig, wenn ihr jemand direkt ins Ohr brüllte, sie solle etwas aus
ihrer Jugend erzählen, denn sie hatte zwar gute Augen, war jedoch fast völlig
taub.
Zuerst hatte der Postbote davon berichtet, dann hatte der Gemeindediener, der
mit einer großen Glocke durchs Dorf ging, das Ereignis zweimal angekündigt.
Als die Kirchenglocken zu läuten begannen, gingen alle vors Dorf für den Fall,
dass das Luftschiff genau über Saumlos abstürzen sollte, und einige hatten
sich sogar die Mühe gemacht, auf den Heuberg oder den Mühlberg zu steigen.
Dann kam das Luftschiff hinter den beiden Dörnbergen hervor, wurde groß und
größer, schwebte gemächlich die Nüste entlang, wobei es blitzende Strahlen
aussandte, und stand schließlich hoch über ihren Häuptern. Alle hatten die
Köpfe tief in den Nacken gesenkt und blickten angestrengt nach oben, nur der
alte Kümpel nicht, der Metzger und Landwirt war und gleich nebenan auf seinem
Acker die Steine verlas.
"Du hast nicht geschaut", sagte sein Nachbar zu ihm, als das Spektakel
vorbei war, "warum hast du nicht geschaut?" Der alte Kümpel hatte nur
mürrisch geantwortet: "Der schaut nicht nach mir, warum soll ich nach ihm
schauen."
Sie sah den beiden Männern zu und dachte an das Luftschiff, das ihr Vater nicht
angeblickt hatte, und das Fahrrad. Die Männer hatten eine Leiter auf die
Milchbank neben der Linde gestellt. Der eine stand auf der Leiter und hielt den
Mann am Oberkörper, während der andere unten auf der Milchbank stand und die
Arme hoch aufgereckt hatte. Er schien die Füße des Toten zu halten.
Das Ereignis berührte sie nicht. Ihr Leben lang waren um sie herum Dinge
geschehen, die sie nicht kannte und an denen sie keinen Anteil hatte. Die
geschichtlichen Ereignisse und Einschnitte versackten im Alltag. Sie hatte immer
nur Arbeit. Als sie ein Mädchen war, arbeitete sie bei den Eltern, mehr als die
Gleichaltrigen, da sie das einzige Kind war. Während ihrer siebenjährigen
Brautzeit verbrachte sie die Abende und Wintertage damit, ihre Aussteuer zu
spinnen, zu weben, zu nähen, und bis heute hatte sie einen Teil der Wäsche von
damals nicht einmal benutzt.
Sie heiratete spät, da ihr Vater dagegen war, und als sie endlich verheiratet
war, arbeitete sie für ihren Mann, der zwar nichts mitbrachte, aber ebenfalls
Kümpel hieß, Anton, den Hof und die Metzgerei übernahm und fleißig, sparsam
und ehrlich war. Am Tag, als ihr erstes Kind geboren wurde, arbeitete sie auf
dem Acker, bis die Wehen begannen. Später, als sie sich einen Knecht leisten
konnten, hatte sie noch mehr Arbeit, denn nun musste sie neben der Stall- und
Feldarbeit, dem Haushalt und den Kindern noch für eine weitere Person kochen,
waschen und flicken.
Auch ihre erste Fehlgeburt hatte sie auf dem Feld. Ihre Nachbarin, die ihr beim
Arbeiten half, war an den Waldrand gegangen. Plötzlich schrie sie und verharrte
in einer starren, verkrümmten Haltung. Annette Kümpel lief hinzu und sah eine
Schlange, die im Gebüsch hing, die gespaltene Zunge wild hin und her schießen
ließ und leise zischte. Sie blickte ihr tief in den Rachen, und während der
ganzen Zeit stieß die Nachbarin kleine spitze Angstschreie aus.
Annette Kümpel hob die Hacke und schlug auf die Schlange, ohne sie richtig zu
treffen, da der Busch unter ihren Schlägen nachgab. Sie schlug wieder und
wieder, geriet in Erregung, und der Busch wurde immer röter, als stünde er
plötzlich in Flammen. Die Schlange schien sich aufzurichten und kam ihr
entgegen, mit ihrem Gezische, ihrer gespaltenen Zunge und ihrem tiefen,
fleischroten Rachen. Da wurde es dunkel um sie. Sie hatte das Gefühl, in ein
Federbett zu sinken. Als sie erwachte, standen einige Nachbarinnen ums Bett, und
die Hebamme. Am nächsten Morgen war sie wieder im Stall.
Die beiden Männer in der Linde schienen ihre Arbeit jetzt beendet zu haben. Sie
kamen herab, nahmen die Leiter und gingen davon. Ihre Gesichter waren nicht zu
sehen, aber an der Art, wie sie gingen und sich bewegten, meinte sie, ihren
ältesten Sohn Kreft und den Jungen ihres lange verstorbenen Schwagers, Herbert
Schott, zu erkennen.
Dem da drüben im Baum ging es gut. Der hatte es hinter sich. Sie verließ das
Fenster, setzte sich frierend in ihren alten Sessel gleich neben dem Ofen, der
nicht geheizt war, denn es war Sommer, und betete, wie jeden Morgen und Abend.
Sie betete darum, dass sie bald sterben würde.
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