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Krematorium
(Leseprobe aus: Krematorium, Roman, 2008,
Kunstmann - Übertragung Dagmar
Ploetz).
Du liegst auf einem Laken, auf einer dünnen Metallplatte oder
auf Marmor. Ich sehe dich vor mir. Sehe dich wieder. Ich hatte
dich vergessen, während ich mit dem Russen im Café plauderte
und durch die Glasscheibe die Touristen beobachtete, die schon
früh am Morgen die Stühle auf der Terrasse besetzen, und die anderen,
die sich, wenige Meter weiter, in den Sand legen oder im
Wasser plantschen. Er hat zwei Whiskys getrunken. Ich habe mir
einen Eistee bestellt. So früh mag ich noch nicht trinken. Habe
aber die beiden Gläser, die der Kellner ihm hinstellte, begehrlich
angesehen. Wäre ich allein gekommen und nicht mit ihm dort gesessen,
hätte ich mich in dem großen, leeren Raum (drinnen saßen
nur wir beide) wohl gefühlt und das Meer betrachtet, grünlich am
Ufer und von einem intensiven Kobaltblau kurz vor dem Horizont,
ein Streifen auf dem schon die Motorboote, Segelschiffe und
Katamarane kreuzen. Trajan, der Russe, hat die zwei Whiskys mit
je einem Schluck ausgetrunken. Erst das eine Glas, dann das
zweite, ließ sich kaum Zeit zwischen der einen und der anderen
Armbewegung. Ich warf noch einen Blick auf das Café, als ich den
Wagen anließ, überlegte mir, ob ich zurückgehen sollte und, nun
allein unter dem klimatisierten Luftstrom, mit Blick aufs Meer die
Zeitung lesen sollte, in der Hand ein Glas Whisky mit Eis. Ich sehe
dich an irgendeinem Ort liegen. Ich weiß nicht wo. Aber auf dieser
dünnen Metallplatte, auf dem Laken, auf der kalten Marmortafel,
unter dem klimatisierten Luftstrom. Ehrlich gesagt, ich sehe
dich nicht gerne so. Der Motor läuft schon, und ich drücke mit
dem Zeigefinger den Knopf neben dem Lenkrad, der das Radio
anschaltet. Das Geräusch des Radios, des Motors, rücken dich in
die Ferne, werfen mich auf mich selbst zurück, auf meine Hände,
die jetzt das Lenkrad umfassen, auf meinen rechten Fuß, mit dem
ich aufs Gaspedal trete. Die Räder knirschen im Sand, der hier, in
Strandnähe, den Asphalt bedeckt. Sand liegt auch auf den Gehsteigen,
die von Zäunen und Gittern gesäumt sind, dahinter zeigt
sich eine üppige Vegetation: Jenseits der Wagenscheibe ziehen
langsam Hibiskusbüsche an mir vorbei, Oleander, Bougainvilleen,
grüne Thujenhecken und aufgereihte Zypressen. Die Müllsäcke,
schwarz, blau oder rosa; sie hängen von den Gittern der Apartments,
häufen sich um die Müllcontainer, und es sieht so aus, als
blühe auch da etwas. Mit ihren schweren Ausdünstungen durchsetzen
sie die matte Jodluft, die das Meer verströmt. Der Wagen
rollt langsam weiter, während ich dich vergesse, Matías. Ich sehe
dich nicht mehr. Es ist sehr heiß trotz der frühen Stunde. Ich
drücke den Knopf, der die Fenster schließt, und schotte mich im
Inneren des Wagens ab. Ich bin jetzt mit mir allein. Es ist fünf
nach zehn und die grünen Leuchtziffern auf dem Display am Arma
turenbrett zeigen bereits vierunddreißig Grad an. Nach mehreren
Tagen, an denen der Morgennebel für hohe Luftfeuchtigkeit
und drückende Hitze – das was die Franzosen marais thermique
nennen – gesorgt hat, kam am Dienstag ein unruhiger Westwind
auf, der das Quecksilber in den Thermometern noch mal um mehrere
Grad steigen ließ und eine Trockenheit brachte, die einem den
Atem nahm. Gegen Abend wird dieser glühende Wind stärker. Da
biegen sich die Zweige der Büsche, angeschoben von den Flammen
eines offenen Backofens hinter den Bergen, deren Leuchten
bei jedem Sonnenuntergang zu erahnen ist. Von der Hitze ist auch
gerade im Lokalsender die Rede. Von den Messungen der Wetterstation
von Misent, demnach hat es seit den fünfziger Jahre keine
vergleichbare Hitzeperiode gegeben. Es ist die zweite Hitzewelle
des Jahres. Die erste (keine Hitze-Welle, eher eine Episode, sagten
damals die Behörden) erreichte uns Ende Juni: Die Thermometer
stiegen jäh und erreichten acht oder neun Tage lang Höchstwerte
von über 36 Grad und das bei einer Luftfeuchtigkeit von mehr als
80 Prozent, dann stürzten die Quecksilbersäulen ab, und es blieb
mehrere Wochen kühl. Die Episode scheint sich zu wiederholen,
und zwar mit größerer Heftigkeit. Laut Rundfunk wird erwartet,
dass die Temperatur an einigen Orten im Inneren der Provinz auf
mehr als 40 Grad ansteigen wird, und auf den Satellitenbildern ist
kein Anzeichen für eine nennenswerte Änderung der Wetterlage
zu erkennen. Die kleinen, auf die Landkarte der Fernsehnachrichten
gezeichneten Pfeile zeigen immer noch diesen mit Wüsten sand
beladenen Glutwind an. Die Autos sind morgens von einer röt -
lichen Staubschicht bedeckt. Heute Morgen habe ich meins vom
Gärtner waschen lassen, weil ich gestern Abend vergessen hatte, es
in die Garage zu fahren. Die Nachrichten berichten von der Gründung
einer Hitze-Kommission, bei der man sich telefonisch beraten
lassen kann. Die Radiosprecher werden nicht müde, Empfehlungen
zu geben: viel Wasser trinken, die Sonne in den Stunden
unbarmherzigster Strahlung meiden, Hüte tragen, leichte Kleidung,
und zwar aus durchlässigem Gewebe wie Baumwolle und
Leinen; die der Sonne ausgesetzte Haut mit Sonnencreme schützen;
vor allem aber empfehlen sie viel Wasser: mehrere Liter pro
Tag trinken, Nacken und Handgelenke mit kaltem Wasser abspülen.
Der Sprecher wiederholt die Telefonnummer der Hitze-
Kommission, weist daraufhin, dass die Anrufe kostenfrei sind,
Neun Null Drei. Das ganze Gerede kommt mir lächerlich vor. In
Misent, in Xàbia, in Calp, in Benidorm war es im Sommer schon
immer heiß.
(...)
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