Krematorium von Rafael Chirbes, 2008, Kunstmann

Rafael Chirbes

Krematorium
(Leseprobe aus: Krematorium, Roman, 2008, Kunstmann - Übertragung Dagmar Ploetz).

Du liegst auf einem Laken, auf einer dünnen Metallplatte oder

auf Marmor. Ich sehe dich vor mir. Sehe dich wieder. Ich hatte

dich vergessen, während ich mit dem Russen im Café plauderte

und durch die Glasscheibe die Touristen beobachtete, die schon

früh am Morgen die Stühle auf der Terrasse besetzen, und die anderen,

die sich, wenige Meter weiter, in den Sand legen oder im

Wasser plantschen. Er hat zwei Whiskys getrunken. Ich habe mir

einen Eistee bestellt. So früh mag ich noch nicht trinken. Habe

aber die beiden Gläser, die der Kellner ihm hinstellte, begehrlich

angesehen. Wäre ich allein gekommen und nicht mit ihm dort gesessen,

hätte ich mich in dem großen, leeren Raum (drinnen saßen

nur wir beide) wohl gefühlt und das Meer betrachtet, grünlich am

Ufer und von einem intensiven Kobaltblau kurz vor dem Horizont,

ein Streifen auf dem schon die Motorboote, Segelschiffe und

Katamarane kreuzen. Trajan, der Russe, hat die zwei Whiskys mit

je einem Schluck ausgetrunken. Erst das eine Glas, dann das

zweite, ließ sich kaum Zeit zwischen der einen und der anderen

Armbewegung. Ich warf noch einen Blick auf das Café, als ich den

Wagen anließ, überlegte mir, ob ich zurückgehen sollte und, nun

allein unter dem klimatisierten Luftstrom, mit Blick aufs Meer die

Zeitung lesen sollte, in der Hand ein Glas Whisky mit Eis. Ich sehe

dich an irgendeinem Ort liegen. Ich weiß nicht wo. Aber auf dieser

dünnen Metallplatte, auf dem Laken, auf der kalten Marmortafel,

unter dem klimatisierten Luftstrom. Ehrlich gesagt, ich sehe

dich nicht gerne so. Der Motor läuft schon, und ich drücke mit

dem Zeigefinger den Knopf neben dem Lenkrad, der das Radio

anschaltet. Das Geräusch des Radios, des Motors, rücken dich in

die Ferne, werfen mich auf mich selbst zurück, auf meine Hände,

die jetzt das Lenkrad umfassen, auf meinen rechten Fuß, mit dem

ich aufs Gaspedal trete. Die Räder knirschen im Sand, der hier, in

Strandnähe, den Asphalt bedeckt. Sand liegt auch auf den Gehsteigen,

die von Zäunen und Gittern gesäumt sind, dahinter zeigt

sich eine üppige Vegetation: Jenseits der Wagenscheibe ziehen

langsam Hibiskusbüsche an mir vorbei, Oleander, Bougainvilleen,

grüne Thujenhecken und aufgereihte Zypressen. Die Müllsäcke,

schwarz, blau oder rosa; sie hängen von den Gittern der Apartments,

häufen sich um die Müllcontainer, und es sieht so aus, als

blühe auch da etwas. Mit ihren schweren Ausdünstungen durchsetzen

sie die matte Jodluft, die das Meer verströmt. Der Wagen

rollt langsam weiter, während ich dich vergesse, Matías. Ich sehe

dich nicht mehr. Es ist sehr heiß trotz der frühen Stunde. Ich

drücke den Knopf, der die Fenster schließt, und schotte mich im

Inneren des Wagens ab. Ich bin jetzt mit mir allein. Es ist fünf

nach zehn und die grünen Leuchtziffern auf dem Display am Arma

turenbrett zeigen bereits vierunddreißig Grad an. Nach mehreren

Tagen, an denen der Morgennebel für hohe Luftfeuchtigkeit

und drückende Hitze – das was die Franzosen marais thermique

nennen – gesorgt hat, kam am Dienstag ein unruhiger Westwind

auf, der das Quecksilber in den Thermometern noch mal um mehrere

Grad steigen ließ und eine Trockenheit brachte, die einem den

Atem nahm. Gegen Abend wird dieser glühende Wind stärker. Da

biegen sich die Zweige der Büsche, angeschoben von den Flammen

eines offenen Backofens hinter den Bergen, deren Leuchten

bei jedem Sonnenuntergang zu erahnen ist. Von der Hitze ist auch

gerade im Lokalsender die Rede. Von den Messungen der Wetterstation

von Misent, demnach hat es seit den fünfziger Jahre keine

vergleichbare Hitzeperiode gegeben. Es ist die zweite Hitzewelle

des Jahres. Die erste (keine Hitze-Welle, eher eine Episode, sagten

damals die Behörden) erreichte uns Ende Juni: Die Thermometer

stiegen jäh und erreichten acht oder neun Tage lang Höchstwerte

von über 36 Grad und das bei einer Luftfeuchtigkeit von mehr als

80 Prozent, dann stürzten die Quecksilbersäulen ab, und es blieb

mehrere Wochen kühl. Die Episode scheint sich zu wiederholen,

und zwar mit größerer Heftigkeit. Laut Rundfunk wird erwartet,

dass die Temperatur an einigen Orten im Inneren der Provinz auf

mehr als 40 Grad ansteigen wird, und auf den Satellitenbildern ist

kein Anzeichen für eine nennenswerte Änderung der Wetterlage

zu erkennen. Die kleinen, auf die Landkarte der Fernsehnachrichten

gezeichneten Pfeile zeigen immer noch diesen mit Wüsten sand

beladenen Glutwind an. Die Autos sind morgens von einer röt -

lichen Staubschicht bedeckt. Heute Morgen habe ich meins vom

Gärtner waschen lassen, weil ich gestern Abend vergessen hatte, es

in die Garage zu fahren. Die Nachrichten berichten von der Gründung

einer Hitze-Kommission, bei der man sich telefonisch beraten

lassen kann. Die Radiosprecher werden nicht müde, Empfehlungen

zu geben: viel Wasser trinken, die Sonne in den Stunden

unbarmherzigster Strahlung meiden, Hüte tragen, leichte Kleidung,

und zwar aus durchlässigem Gewebe wie Baumwolle und

Leinen; die der Sonne ausgesetzte Haut mit Sonnencreme schützen;

vor allem aber empfehlen sie viel Wasser: mehrere Liter pro

Tag trinken, Nacken und Handgelenke mit kaltem Wasser abspülen.

Der Sprecher wiederholt die Telefonnummer der Hitze-

Kommission, weist daraufhin, dass die Anrufe kostenfrei sind,

Neun Null Drei. Das ganze Gerede kommt mir lächerlich vor. In

Misent, in Xàbia, in Calp, in Benidorm war es im Sommer schon

immer heiß.

(...)

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