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Teheran Revolutionsstrasse
(Leseprobe aus:
Teheran Revolutionsstraße, Roman, 2009,
Verlag P. Kirchheim
- Übertragung Susanne Baghestani).
Was Fattah auch immer tat, er konnte
nicht einschlafen. Ständig rollte er sich von der einen auf die andere Seite und
blickte aus den Augenwinkeln zum Fenster, auf die Ecke, an der der Vorhang
beiseite geschoben und der Himmel sichtbar war. Der Morgen wollte nicht kommen.
Zuvor hatte er zwar schon ein, zwei Gläschen Wodka gekippt, die aber nicht
gewirkt hatten. Sie hatten ihn lediglich schwindlig gemacht, das war’s!
Das Mädchen erschien für einen Augenblick und verschwand wieder, es betrachtete
ihn, und seinen Lippen entwich eine Art bläulicher Dunst. Sie war kein Mädchen,
sondern Balsam fürs Herz, mit jenen schwarzen Augen, die er im Rückspiegel
gesehen hatte; insbesondere, wenn der Wagen über die Schlaglöcher fuhr, und sie
vor Schmerz die Brauen verzog und sich auf die Unterlippe biss, wobei ihr alles
Blut, das in ihrem Körper kreiste, in die Wangen zu steigen schien. In dieser
späten Herbstnacht empfand er nach all den Jahren, in denen er die Mädchen auf
das Bett seiner Klinik verfrachtet und ihre Jungfernhäutchen vernäht hatte,
plötzlich eine gewisse Reue und Scham, dass er mit den Händen zwischen die
Schenkel dieses einen Mädchens gefahren war, und das war ein neues Gefühl. Viele
Jahre war das seine Arbeit gewesen; er spreizte die Schenkel der Mädchen auf dem
schmalen Bett, stülpte mit zwei Fingern die Schamlippen um, fügte die Ränder des
zarten Gewebes zusammen und vernähte ihre verlorene Jungfräulichkeit. Es war ihm
jedoch nie passiert, dass er sich in eine von ihnen verguckt hätte. In dieser
Nacht besuchte er nicht einmal Ssahar in ihrem Appartement. Er hatte keine Lust,
sondern wälzte stattdessen verworrene Gedanken. Immer wieder stand er auf und
rauchte in der Dunkelheit eine Zigarette, starrte in die finsteren Winkel des
Zimmers und sah nur sie, die jedes Mal, wenn sich ihre Blicke trafen, mit
unschuldiger Keuschheit den Kopf neigte, die Lider senkte und sich an der Wand
von ihm entfernte, als tadele sie Fattah für das, was er ihr angetan hatte.
Er hatte Maschallah nicht mehr aufgesucht, als sei nicht die Sängerin diejenige,
die er suchte, und als seien all die langen Jahre der Sehnsucht nur aus dem
einen Grund verstrichen, damit er sich eines Tages, kurz vor seinem Vierzigsten,
derjenigen, die ihr so sehr ähnelte, das heißt in Wahrheit ihrer Jugend ähnelte,
bemächtigen könnte. Er hatte viele Frauen und Mädchen gehabt, aber keine von
ihnen hatte ihn mit nur einem Blick, einem Seufzer, einem verschämten Lächeln
oder etwas Ähnlichem derart überwältigen können. Je mehr Zeit in den vergangenen
Tagen verstrichen war, desto stärker empfand er diese Überwältigung.
Und dann fiel ihm eine ähnliche Empfindung ein, eine ferne Erinnerung,
vermutlich, weil sie monatelang dieselbe Ungeduld hervorgerufen hatte, nur ein
einziges Mal, und jetzt, nach so vielen Jahren, von neuem?
Er ging aufs Gymnasium, und sie war die Nachbarstochter, lernte auf dem
Flachdach für die Schule, setzte sich auf die steinerne Dachwalze und lehnte
sich an die Lehmmauer des Dachzugangs. Der Tschador fiel ihr auf die Schultern.
Das Haar schwarz und seiden; wenn sie darüber strich, sprühte es Funken und
schillerte in außergewöhnlichen Regenbogenfarben. Wenn sie lächelte, blitzte die
regelmäßige Reihe ihrer blanken Zähne durch den Spalt ihrer hellroten Lippen
auf. Ihre hellen Fußknöchel bewegten sich langsam, mit Gummilatschen, die an
ihren Füßen klebten, in einer gleichmäßigen Kreisbewegung. Der Fünfzehnjährige
hatte Mühe zu schlucken, der Atem stockte ihm in der Brust und sein Herz
hämmerte ungestüm. Er betrachtete sie von der Veranda seines Hauses aus.
Das Mädchen hob manchmal den Kopf von seinem Buch, ein verschwommenes Lächeln,
ein vager Blick, es strich sich übers Haar und blickte dann wieder auf das Buch.
Die Elektrizität hing noch Augenblicke in der Luft. Wenn die Schmetterlinge auf
sie zu flogen, schloss sie die Augen, hob den Kopf und wendete sich der Sonne
zu. Ein Falter setzte sich auf ihr Augenlid und flog wenig später, nachdem er
sich an der Süße gelabt hatte, die aus ihren Poren drang, davon und der Sonne
entgegen. Es war Ende Frühling, die Bäume hingen voller Kirschen. Das Mädchen
streckte die Hand vom Dach aus, ergriff mit den Fingern ein Blatt und zog den
Zweig zu sich heran. Das Blatt riss ab, der Zweig schnellte zurück, Staub
wirbelte auf, das Mädchen nieste, ein Duft von Mandarinen und eine feuchte Brise
breiteten sich aus.
Fattah kletterte von der Veranda aufs Dach. Er stieg über eine niedrige Mauer,
die die beiden Dächer voneinander trennte. In der Hand trug er einen langen
Holzstecken. Als das Mädchen ihn erblickte, erhob es sich. Dabei geriet die Luft
in Bewegung und wieder jener Duft von Mandarinen und die feuchte Brise.
Fattah verankerte den Stecken im Kirschzweig und zog ihn heran. Der Zweig senkte
sich auf den Stampflehm des Dachs. Das Mädchen pflückte eilig die Kirschen und
schüttete sie in einen Zipfel ihres Tschadors. Fattah ließ den Zweig los. Eine
Frau trat aus dem Dunkel eines Zimmers ans Fenster, »Mahroch … Mahroch!«
Mahroch biss sich auf die Lippe und spähte von der Dachkante hinab. Die Frau am
Fenster fragte, »Was war das für ein Geräusch?« Mahroch sagte, »Nichts, Mama! Es
war die Katze.«
Dann setzten sich die beiden in den Schutz des Dachzugangs. Fattah lehnte sich
an die Ziegelmauer. Mahroch streckte die Hand aus und strich ihm eine Strähne
aus der Stirn. Sie lächelte. Sie hob die Kirschen einzeln auf, entstielte sie
und schob sie zwischen ihre Lippen. Einen Augenblick wendete sie sie zwischen
den Lippen, dann sog sie sie ein und zerdrückte sie mit den Zähnen. Der Saft der
Kirschen sickerte durch ihre Lippen, und tröpfelte, während ihre Kiefer langsam
mahlten, in ihre Mundwinkel. Tiefrote Lippen! Ihre Augenlider hoben sich, ihr
Blick blitzte, gesättigt von der Süße der Kirschen, und eine Glückseligkeit
wogte wie ein seltenes Gefühl im ungeduldigen Herzen des Jünglings. Sie streckte
die Hand aus und nahm eine weitere Kirsche.
Fattah starrte sie mit halboffenem Mund an, blinzelte unvermittelt und atmete
hastig; er bekam wohl keine Luft mehr.
Plötzlich wurde die Hoftür laut zugeschlagen. Mahroch sprang auf. Sie streckte
die Hand warnend in die Höhe. Dann das Geräusch von schlurfenden Schritten auf
den Kacheln des Innenhofs! Mahroch sagte, »O weh, mein großer Bruder!« Sie hatte
sich erschreckt. Ihre Brüste zeichneten sich verschwommen auf ihrem dünnen Kleid
aus Seidenbatist ab, und ihre Poren verströmten einen merkwürdigen Duft. Dann
legte sie Fattah beide Hände auf die Schultern, »Geh, geh nach Hause. Pass auf,
dass dich keiner sieht!«
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