Die Gauner von Adalbert von Chamisso, 2007, Matthes&Seitz

Adelbert von Chamisso

Der Teufelspuk
(Leseprobe aus: Die Gauner, Galerie der pfiffigsten Schliche und Kniffe berüchtigter Menschen, 2007, Matthes&Seitz, Hrsg. und mit einem Nachwort versehen von Gerd Schäfer)

Einer der berüchtigtsten englischen Räuber ist Robin

Hood, welcher, den sichersten Nachrichten zufolge, unter

der Regierung Heinrichs des Zweiten geboren wurde.

Dieser schlaue Räuber befand sich einst in einer

Schenke bei Buckingham, um in derselben zu übernachten,

als ein Pachter mit einem Beutel voll Geld

unterm Arme ins Haus trat. Aber auch noch mehrere

lustige Gesellen traten herein, und bald wurde ein recht

fideles Leben in der Schenke geführt. Punsch und Grog

wurden in Menge bereitet, Scherz und Jubel wurden laut

unter den fröhlichen Menschen, die sich um das Kaminfeuer

herum gesetzt hatten, denn man bedenke

wohl, daß in England die Stelle unserer Ofen durch

Kamine vertreten wird, über welchen sich die Feueresse

befindet, damit man einen Umstand, welcher bald vorkommen

wird, verstehen könne.

gesetzt hatte, das heißt: das Rauben. Besonders schielte

er oft nach dem schweren Sacke des Pachters und ergötzte

sich schon in Gedanken an dem lachenden

Anblicke der Guineen, die er so gern in seine Gewalt

gebracht hätte.

Aber der Pachter war zu vorsichtig. Er hatte sich, um

sicherer zu gehen, gerade auf seinen Schatz gesetzt, so

unbequem dieser goldne Sitz auch sein mochte. Robin

Hood setzte sich ihm gegenüber, trank ihm wacker zu

und litt nicht, daß die dampfende Bowle leer wurde.

Doch vergebens. Robin mußte bald wahrnehmen, daß,

wenn er also fortfahre, er selbst früher unter dem Tisch

kommen werde denn sein Gegner.

Und Gewalt? Mit dieser war hier vollends nichts auszurichten.

Er war allein, und der Pachter würde die vierzehn

kräftigen Männer, die außer ihm in dem Zimmer

waren, sogleich auf seiner Seite gehabt haben; für Robin

wäre nur die nicht sonderlich erfreuliche Aussicht auf

den Galgen geblieben.

Eine besondere List war das Einzige, worauf Robin

noch eine Hoffnung bauen konnte, sich in den Besitz

des Geldes zu setzen. Der Stallknecht war ein Vertrauter

des Räubers und diesem teilte er demnach seinen Plan

mit.

Beide gingen sogleich an die Ausführung ihres Werks.

Ein großer Bullenbeißer, welcher das Geschäft hatte, die

einsame Schenke gegen die Angriffe ungebetener Gäste

zu bewachen, und der sehr gut abgerichtet war, wurde in

eine frische Kuhhaut gewickelt, so daß die Hörner gerade

vor seiner Stirn waren. Robin trat dann unbefangen in

die Stube zurück und setzte sich wieder an den Trinktisch,

während der Stallknecht mit dem Hunde auf das

niedrige Dach stieg und denselben in den Schornstein

hinabließ.

Lustig jubelte die ganze Gesellschaft, als sich plötzlich

ein Geräusch in der Esse hören ließ. Alle stutzten. Da

flog es nieder auf den Kamin, die Feuerbränder flogen

auseinander, in eine Rauchwolke eingehüllt erschien das

gehörnte Ungetüm.

Alle fuhren zurück. Fromme Gebete schwebten über

die Lippen der meisten, Robin sprang auf und schmiß,

wie aus Versehen, den Tisch samt Lichtern und Gläsern

über den Pachter her. Dieser fuhr gleichfalls empor, um

der Sündflut von Punsch zu entgehen, welche sich über

ihn ergoß, und vergaß, von so mancherlei Schrecken bedrängt,

seinen Schatz, den er bisher so sorgfältig bewahrt

gehabt hatte.

Robin ergriff den Sack, als eben das Ungetüm von

dem Herde mitten unter die Gesellschaft sprang und

wütend um sich herumfuhr. Wie indeß der Spaß weiter

auslief, das hielt Robin nicht für geraten, abzuwarten.

Noch glaubten alle, der Teufel wäre unter sie gekommen,

ängstlich suchten die meisten Auswege, um sich zu retten

– und Robin eilte mit seinem Raube davon. Lange

hörte er noch das Schreien in der Schenke, das fortdauernde

Zerschmeißen der Flaschen, aber blickte nicht

zurück und ruhte nicht eher, bis er ein sicheres Versteck

aufgefunden hatte.

Robin Hood war natürlich immer unter den Ausgelassensten,

aber dabei vergaß er auch nicht für einen

Augenblick das, was er sich zum Ziele seines Lebens.

Rezension I Buchbestellung 0I07 LYRIKwelt © Matthes&Seitz