Albine von Michael Cerha, 2009, Bibliothek der Provinz

Michael Cerha

Das Schneehuhn
(Leseprobe aus:
Albine, 2009, Bibliothek der Provinz).

Der Vater war ein wenig stolz auf sie, das spürte sie. Und die Mutter hatte sie immer so weich an ihren Körper genommen, und so liebevoll gestreichelt, als ob sie etwas Besonderes wäre.

Das war gut zu wissen. Als der Herbst kam, hüpfte sie auf die lustigste Weise im Kreis. Dann fragte sie jeden rundherum, ob er gesehen habe, wie lustig sie gehüpft sei. Aber niemand hatte es gesehen.

Nun ja, die Schnee-Eule, das war kein Wunder. Der fielen beim geringsten Lichtschein die Augen zu. Außerdem hätte sie kaum gesagt, was Albine gern gehört hätte. Sie sagte doch immer nur: »Es hat alles auch eine gute Seite.«

Aber die Schneehasen. War es denn überhaupt möglich, dass die Schneehasen vor lauter hastigem Hin und Her gar nichts mehr bemerkten? Alle auf einmal?

Albine war, wie alle Schneehühner um diese Zeit, ganz weiß geworden. Und da es schon geschneit hatte, und da sie so hoch auf den Bergen war, dass es keine Bäume gab, sondern nur noch Schneefeld um Schneefeld, war sie wirklich schwer zu sehen.

Den kleinen schwarzen Schnabel sah man schon, der so rund geschwungen war. Bloß, wenn sie hüpfte, sauste er so schnell durch die Luft, dass man dachte, es sei irgendetwas, nur nicht der Schnabel eines Schneehuhns.

Endlich wollte sie doch wissen, ob man sie wirklich nicht sieht. Wozu herumhüpfen, dachte sie, wozu überhaupt etwas Besonderes sein, wenn keiner es sieht? So bat sie ihren Bruder Bianco, der in solchen Dingen recht geschickt war, sie zu zeichnen.

Sie stand ihm Modell. Nein, sie stand natürlich nicht, sie ging, so schön sie gehen konnte. Und sie hüpfte, so lustig sie hüpfen konnte. Und sie breitete die Flügel aus, damit man ihre Federn besser sehen konnte. Sie flog sogar, ja, sie flog.

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