Die Anatomie des Erwachens von Eleanor Catton, 2010, Arche

Eleanor Catton

Die Anatomie des Erwachens
(Leseprobe aus:
Die Anatomie des Erwachens, Roman, 2010, Arche - Übertragung Barbara Schaden).

Freitag

Isolde bricht nach den ersten sechs Takten ab.

»Ich habe nicht geübt«, sagt sie sofort. »Allerdings habe

ich eine Entschuldigung. Wollen Sie sie hören?«

Die Saxofonlehrerin sieht sie an und nippt an ihrem

Schwarztee. Entschuldigungen sind ihr fast das Liebste.

Isolde lässt sich einen Moment Zeit, um ihren Kilt glatt

zu streichen und sich vorzubereiten. Sie holt Luft.

»Gestern Abend habe ich ferngesehen«, sagt sie, »und

mein Pa kommt herein mit todernstem Gesicht und reißt so

an seiner Krawatte, als würde er erwürgt, und schließlich

nimmt er sie ab und legt sie weg …«

Sie hakt das Saxofon vom Nackengurt los, legt es auf einen

Stuhl und lockert theatralisch den Gurt, als wäre er sehr

eng gewesen.

»… und sagt: Setz dich, obwohl ich schon sitze, und dann

reibt er richtig fest die Hände aneinander.«

Sie reibt richtig fest die Hände aneinander.

»Er sagt: Deine Mutter findet, ich soll es dir noch nicht erzählen,

aber deine Schwester wurde in der Schule von einem

Lehrer missbraucht.« Sie wirft jetzt einen raschen Blick auf

die Saxofonlehrerin und wendet ihn gleich wieder ab. »Und

dann fügt er hinzu: sexuell. Das nur zur Klärung, damit ich

nicht meine, der Lehrer hätte sie für private Putzarbeiten

missbraucht oder so.«

Die Lampen an der Decke sind jetzt abgedunkelt, und

Isolde wird nur noch von einem zuckenden Blassblau beleuchtet,

einem frostigen Schein, der an den flackernden

Schimmer eines Fernsehers erinnert. Die Saxofonlehrerin

ist in Schatten getaucht, sodass die eine Hälfte ihres Gesichts

eisengrau und die andere bleich und leuchtend ist.

»Dann redet er mit einer komisch gepressten leisen

Stimme über diesen Mr Saladin oder wie er heißt – er leitet

die Oberstufen-Jazzband und das Orchester und das Jazzensemble,

alles am Mittwochvormittag, eins nach dem anderen.

Ich werde ihn bis zur Oberstufe nicht haben, und auch

dann nur, wenn ich Jazzband überhaupt machen will, denn

das überschneidet sich mit Korbball, und ich werde mich entscheiden

müssen.

Mein Pa schaut mich also mit einem verschreckten Ausdruck

an, so als könnte ich gleich was Verrücktes oder was

wirklich Emotionales machen, und er weiß nicht, wie er damit

umgehen soll. Ich sage: Woher weißt du das? Und er

sagt …«

Sie kauert sich neben dem Stuhl nieder, breitet die

Hände weit aus und fährt in ernstem Ton fort:

»… Schatz, nach dem, was ich weiß, hat er ganz beiläufig

damit angefangen, hat ihr nur gelegentlich mal ganz

leicht die Hand auf die Schulter gelegt, so.«

Isolde streckt die Hand aus und berührt mit den Fingerspitzen

das obere Ende des Saxofons, das seitlich auf dem

Stuhl liegt. In dem Moment, als ihre Finger auf das Instrument

treffen, setzt ein gleichmäßiger Rhythmus ein, wie ein

Pulsschlag. Die Lehrerin rührt sich nicht.

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