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Hausputz
(Leseprobe aus: Solitud, Roman, 1905/2007,
SchirmerGraf -
Übertragung Petra Zickmann)
...
Mila machte die Augen zu und warf sich in die Arbeit, wie ein Schwimmer kopfüber
ins Meer springt.
Matias hätte seiner Frau gern vorher noch Murons und dreißig andere Orte
gezeigt, nur um den angekündigten Großputz hinauszuschieben, doch Mila
weigerte sich entschlossen.
»Solange das Haus ein Dreckloch ist, brauchst du mir nicht mit Ausflügen zu
kommen. Den Herrn Pfarrer kannst du auch allein besuchen … und dabei gleich
einkaufen gehen!«
Und Matias mußte klein beigeben, seine Frau gewähren lassen und sich
seinerseits in die Rolle des Laufburschen fügen, bis alles hergerichtet war.
Doch letztlich ließ er sich lieber wegschicken, als eimerweise Wasser vom
Brunnen zu holen und einer ganzen Liste von Aufträgen ausgesetzt zu sein, wann
immer er ihr unter die Augen kam. Mila beschloß, systematisch vorzugehen, sich
vom Leichteren zum Schwereren und von oben nach unten vorzuarbeiten, und machte
sich nicht an die Kapelle, bevor alles andere so blitzblank war, daß der Schäfer
fand, es sähe aus wie von Engeln saubergeleckt.
Kaum daß Besen und Mop Einzug in der Kapelle hielten, war es, als käme der
ganze Berg herunter. Die Heiligen schwankten auf ihren Altären, die Ratten flüchteten
erschrocken aus ihren Winkeln, die wurmstichigen Bilderrahmen bröckelten, wächserne
Beinchen und Ärmchen zerbrachen … Und inmitten dieses Durcheinanders, eingehüllt
von dicken Staubwolken, sah man Mila herumwirbeln, überall wischen, keine Ecke
oder Ritze aussparen. Die Putzwut hatte sie mit solcher Leidenschaft gepackt, daß
sie mit beinahe lustvoller Begeisterung ihrem revolutionären Tun frönte. Eines
Nachmittags, als sie auf ein Sims über dem Altar geklettert war und einem
Engel, der als Kerzenhalter diente, das Wachs zwischen den Fingern wegschabte,
fiel ein Schatten auf sie. Sie wandte sich um und sah einen Mann in der Tür zur
Kapelle stehen.
Ein wenig verlegen sprang sie rasch herunter und paßte dabei auf, daß er ihre
Beine nicht sah. Sie war erhitzt und außer Atem, ihre Augen blitzten unter den
weißbestäubten Wimpern hervor, und das rote Kopftuch, das sie sich ums Haar
geschlungen hatte, verlieh ihr etwas Lausbübisches.
Der Mann starrte sie entgeistert an.
Er war ein grobschlächtiger Bauer mittleren Alters in einer abgetragenen blauen
Samtjoppe und
zerrissenen gelben Kordhosen, gegürtet mit einem Hanfstrick. Brust und Füße
waren nackt, halb verborgen von einer vorgewölbten olivfarbenen Stirn und
dichten Brauen, bewegten
sich zwei winzige Augen unbestimmter Farbe in tiefen Höhlen unruhig hin und her
wie Insekten im Gras.
»Guten Tag«, sagte Mila.
Der Mann stierte sie unter seinen Brauen hervor reglos an und gab keine Antwort.
Mila spürte, wie sie errötete, und lächelte unsicher.
Da schien der Mann sich zu fassen und fing nun seinerseits zu lachen an. »Hö,
hö, hö … Guten
Tag.«
Seine Stimme klang heiser und sein Lachen unnatürlich.
Dabei kniff er die Augen zusammen und rollte die Oberlippe ein, und Mila fiel
auf, daß seine
Zähne weiß glänzten wie aus Email und sein Zahnfleisch dunkelrot, fast
schokoladenfarben war.
Der Mann schob die Hand unter den Hosenbund und kratzte sich am Bauch,
anscheinend unschlüssig, was er als nächstes tun sollte. Und plötzlich
stammelte er hastig, er käme vom Peu de Gall herunter, fast vom Cimalt, und
habe großen Durst, und er sei hereingekommen, weil er um einen Schluck Wasser
bitten wollte.
»Aber ja«, sagte die Frau bereitwillig. »Kommt mit nach oben, kommt!« Und
sie stiegen über die kleine Treppe zur oberen Kammer und durchquerten das ganze
Haus bis zur Küche.
Mila schob dem Mann einen Stuhl und den Porró hin, doch er mochte sich nicht
setzen: Er wollte nur trinken, und das tat er in großen Schlucken … Aus
seiner Kehle drang ein rhythmisches Gluckern, als würde eine Flasche
ausgegossen, und sein riesiger kantiger Adamsapfel hob und senkte sich. Nachdem
er seinen Durst gelöscht hatte, schnaufte er befriedigt, und da er naßgeschwitzt
war, nahm er die Mütze ab, um sich über den Kopf zu wischen.
Da erblickte Mila die seltsamste Stirn, die sie jemals gesehen hatte, etwas, das
kaum menschlich wirkte: einen länglichen, birnenförmigen Schädel, schmal um
Stirn- und Scheitelbein, wie gewaltsam eingeschnürt, doch mit einem weit
hervorstehenden Brauenwulst, der sich wie ein Sims von einer Schläfe zur
anderen zog – die knochige Kante, die unter der Barretina sichtbar blieb.
Der Mann berichtete, er streife schon seit dem Morgengrauen durch die Berge auf
der Suche nach neuen Löchern, in die er morgen sein Frettchen schicken könnte;
vergangene Woche habe er sechs Kaninchen an einem Tag erwischt, und er rechne
damit, daß es bald noch etliche mehr sein würden; er verkaufe sie alle in
Murons, an Gastwirtschaften und Herrenhäuser; und beim Verfolgen einer Spur sei
sein Frettchen hartnäckiger als ein Mosso d’esquadra …
Er hatte Mühe, sich auszudrücken, sein unsteter Blick mied den ihren, und
seine rauhe Stimme
wurde immer heiserer, bis sie ihm gänzlich versagte.
Als der Mann über den Hof davongegangen war, kehrte Mila durch den Stall und
die Sakristei in die Kapelle zurück.
Die Sonne schien durch die weit offene Tür, fiel schräg auf den Fliesenboden
bis zu den Altarstufen und schickte funkelnde Glanzlichter über die Wände.
Mila stieg wieder auf den Altar, und während sie dem hölzernen Engel Händchen
und Bein putzte, peinigte sie ein Gedanke: ›Wo habe ich bloß diesen Mann
schon einmal gesehen? Ich bin ganz sicher, daß ich ihn irgendwo schon gesehen
habe. An dieses komische Zahnfleisch und diese weißen Zähne kann ich mich gut
erinnern …‹
Doch da sie ihrem trägen Gedächtnis nicht auf die Sprünge helfen konnte, hörte
sie nach einer
Weile auf, sich den Kopf darüber zu zerbrechen, und widmete sich mit neuem
Eifer dem Heiligen und seinen Weihgaben.
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