aus: Gern ein Rebell
Es ist schon unglaublich, wenn man nach so vielen Jahren wieder in einer
Wohnung mit hohen Decken sitzt, gegen die Wand gelehnt, auf einer Matratze am Boden, auf
diesen Bergen von Kissen, und die Sandelhölzchen wie früher, der dünne Rauchfaden, der
im höher Steigen Schatten auf die Stierkampfplakate und Kunstdrucke wirft, die alte
Ausstellungen ankündigen, den Aschenbecher von Cinzano auf den Eiern, könnte man fast
sagen, es ist wirklich unglaublich, wieder so zu leben, das Radio, das vom Boden her
tönt, das herzzerreißende Spiel vom weißen König des Blues in der Luft, auf das Bett
gefläzt in ihrem Morgenmantel und die mit Schokolade verschmierte Bettdecke, die
ungelesenen Zeitschriften bis unter die Decke.
Sie ist gerade zur Arbeit gegangen. Heute ist sie später los als sonst. Ich arbeite
nicht, ich mache im Augenblick nichts. Wenn ich nicht zu spät aufwache, gehe ich zur
Churrería hinunter, um das Frühstück zu holen, und lege mich dann wieder hin. Immer
verschmieren wir die Bettwäsche mit Schokolade, in den Laken sind Flecken von jedem
einzelnen Wochentag. Sie sehen aus wie alte Blutflecken. Sie hat gern saubere Laken, aber
sie frühstückt auch gern im Bett und spielt dabei den Clown, und ich soll bis nach der
ersten Zigarette ja nicht die Jalousien hochziehen. Wir können nicht jedes Mal die
Wäsche waschen, und so bleibt ihr gar nichts anderes übrig, als sich zu beherrschen und
damit abzufinden, wie ich das tue, dass man nachts den Zucker von den Churros
ausschütteln muss.
Sobald sie weg ist, mache ich die drei elektrischen Heizkörper an. Wenn sie da ist,
bleiben sie fast immer abgestellt. Sie sagt, es sei nicht wegen der Rechnung, aber ich bin
ja nicht blöd.
Nachdem ich zum Supermarkt gegangen bin, die Sachen im Kühlschrank verstaut und der Katze
etwas zum Fressen hingestellt habe, gehört der Tag mir. Dieses Gefühl verursacht mir ein
Kribbeln in den Beinen, wie damals zu Schulzeiten, als wir den Unterricht schwänzten, in
die Frühvorstellungen der Minikinos in der Calle Fuencarral gingen oder auf dem Rasen im
Park ein paar Bierchen tranken und zusahen, wie Hausfrauen, Briefträger, geschäftige
Leute vorübergingen. Ich habe nie erfahren, wie wohl die Freiheit ohne Schuld ist, ob
sich das lohnt und wie sich das anfühlt.
Jetzt zum Beispiel, während ich an dich denke und dir schreibe, in ihrem Morgenmantel,
mit ihrem Stift, auf Blättern, die ich aus ihren Heften gerissen habe, an die Wärme
geschmiegt, die sie nicht bezahlen zu können glaubt, und sie ständig sie nenne, als
hätte sie gar nicht viel mit mir zu tun, spüre ich wieder diese süße Schuld, durch die
ich mich lebendig fühle, und die mich doch nicht leben lässt.
Rezension I Buchbestellung IV01 LYRIKwelt © Nagel & Kimche