Die Zeit, die wir uns
nahmen
(Leseprobe aus:
Die Zeit, die wir uns nahmen,
Roman, 2009,
Verlagsbuchhandlung Liebeskind
- Übertragung Peter Torberg).
Peter van Rijn tritt auf seine Einfahrt
hinaus und öffnet die Fahrertür seines alten Ford Anglia; dabei ist er sich nur
der ungeheuren Hitze bewusst, die sich vom Himmel über die Häuser, Einfahrten
und gewässerten Rasenflächen der Vorstadt ergießt. Er weiß nicht, dass er kurz
davor steht, eine Idee hervorzubringen. Im Wagen ist es noch kühl, als er auf
den abgewetzten Ledersitz klettert und die Fahrertür schließt. Ideen sind seinen
Gedanken fremd, Eindrücke sind alles, was er wahrnimmt. Es ist einer jener Tage
Mitte Januar, die früh und hart zuschlagen und von jedem fordern, alle
Anstrengungen einzustellen — auch die Anstrengungen des Denkens. Trotz alledem
wird Peter van Rijn, wenn er in die Old Wheat Road einbiegt, in der sich seit
fünfzehn Jahren sein Fernseh- und Radiogeschäft befindet, eine Idee von derart
weitreichender Bedeutung für den Vorort hervorgebracht haben, dass sie zum
Orientierungspunkt für all die offiziellen Ereignisse des folgenden Jahres
werden wird. Und für die inoffiziellen auch. Die Achse, um die sich das Rad der
vier Jahreszeiten drehen wird. Es werden nur wenige Ereignisse stattfinden, ohne
dass jemand sogleich auf Peter van Rijns genialen Einfall Bezug nimmt. Dies ist
womöglich der eine wahrhaft inspirierte Augenblick in seinem so sorgsam
geordneten Leben.
Van Rijn setzt langsam auf die geteerte Straße zurück; noch ist die Straße kühl,
doch gegen Mittag wird der Asphalt unter der gnadenlosen Sonne weich sein und
glänzen. Der Anglia, der sorgsam gewartet und poliert ist, schnurrt die Straße
entlang, vorbei am Haus von George Bedser, wo sich die gebrechliche, einsame
Gestalt des Pensionärs über die Rosen beugt. Ein Winken steht bereit, falls
Bedser aufblicken sollte, aber das tut er nicht. Peter van Rijn biegt am oberen
Ende der Straße links ab, dann rechts, und wirft einen kurzen Blick auf den
leeren Sportplatz der Grundschule. Wenn in ein paar Wochen der Februar anbricht
und die Schule beginnt, werden die Vorortkinder wieder die Herrschaft über das
Gelände übernehmen, aber jetzt noch nicht. Als Peter an der Tennisanlage von St.
Matthew’s Church vorbeikommt, auf der der Platzwart langsam die rostfarbene
Oberfläche recht, kreisen seine Gedanken still um die Aufgaben des Tages.
Van Rijn ist stolz auf sein Geschäft; er hat stets darauf geachtet, alles in
seiner Macht Stehende dafür zu tun, dass jeder, der die Tür öffnet, sich
wohlfühlt, wenn er das Geschäft betritt. Es ist sein oberster Leitsatz, dass
sich der Kunde im Laden wohlfühlen soll - wohler als draußen auf dem Gehsteig.
Peter hat stets darauf geachtet, im Winter früh genug im Geschäft zu sein, um
einzuheizen, und im Sommer früh genug, um die Ventilatoren in Gang zu setzen. Er
hat immer das Gefühl gehabt, dass dies seine Verantwortung sei, nicht nur bloße
Höflichkeit.
Peter van Rijn war der Erste, der im Sommer 1956 das Fernsehen in den Vorort
gebracht hat. Er war es, der die neuesten Fernsehgeräte ins Schaufenster
stellte, damit Kunden und Pendler sommers wie winters innehalten und sich über
die Cartoons mit den Kapriolen einer schwarzweißen Maus auf dem flackernden
Bildschirm amüsieren konnten ...
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