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Old vertue
(aus: Das hölzerne Meer,
Roman, 2004, Eichborn)
Kaufe niemals gelbe Kleider oder billiges Leder. Das ist mein Credo, und davon habe ich noch mehr. Wissen Sie, was ich gern sehe? Wie Leute sich umbringen. Verstehen Sie mich nicht falsch; ich rede nicht von diesen armen Scheißern, die aus dem Fenster springen oder ihren kläglichen Schädel für alle Zeit in eine Plastiktüte stecken. Auch nicht von diesen "Extremkampfturnieren": Da tobt bloß eine Meute tollwütiger Bürstenhaarschnitte, die sich gegenseitig beißen. Ich rede von dem Mann auf der Straße, mit einem Gesicht so grau wie nasses Blei, wenn er sich eine Camel anzündet, inhaliert und sich die Seele aus dem Leib hustet. Gratuliere, Sportsfreund! Lang lebe das Nikotin, die Sturheit und die Willensschwäche!
"Schieb mal noch 'ne Runde rüber, Jimmy!" gurrt König Cholesterin unten am Ende der Bar. Er mit seiner roten Nase und einem Blutdruck, der hoch genug ist, um ihn mitsamt seinem Stammbaum bis zum Pluto hinaufzuschießen. Befriedigung, Fülle, Textur. Der Herzinfarkt, der ihn erledigt, wird ein paar Sekunden dauern. Das kalte Bier in dicken Krügen und der Duft von gegrillten T-Bone-Steaks währen ewig - bis er stirbt. Es ist den Kompromiß wert. Ich bin seiner Meinung.
Meine Frau Magda sagt, wer von mir Verständnis erwartet, kann ebenso gut mit Erbsen gegen eine Mauer werfen. Aber ich bringe durchaus Verständnis auf; ich bin nur meistens nicht einverstanden. Old Vertue ist da ein erstklassiges Beispiel. Eines Tages kommt ein Kerl aufs Revier und führt einen Hund an der Leine, wie man ihn noch nie gesehen hat. Es ist eine Mischung, aber hauptsächlich ein Pit-bull, mit braun-schwarzen Wirbeln gezeichnet, die ihn aussehen lassen wie ein Marmorkuchen. Aber das ist auch schon alles, was an ihm normal ist, denn der Hund hat nur dreieinhalb Beine, ihm fehlt ein Auge, und er atmet komisch. Irgendwie aus dem Mundwinkel, aber genau kann man es nicht sagen. So wie die Luft herauskommt, klingt es, als ob er "Michelle" vor sich hinpfeift. Auf dem Kopf hat er zwei wulstige Narben. Er ist so verbaut, daß wir ihn alle anstarren, als wäre er soeben mit der Concorde aus der Hölle gekommen.
So beschissen er aussah, hatte der Hund aber doch ein sehr hübsches rotes Lederhalsband. Daran hing ein kleines, flaches Silberherz, in das der Name "Old Vertue" eingraviert war. Der Alte Tugendsam. So altertümlich war es buchstabiert - nicht "Virtue", wie es richtig wäre. Und weiter nichts: kein Besitzer, keine Adresse, keine Telefonnummer. Nur Old Vertue. Und er ist erschöpft. Mitten zwischen allen Leuten dort ließ er sich auf den Boden fallen und fing an zu schnarchen. Der Typ, der ihm gebracht hatte, sagte, er hätte den Hund schlafend auf dem Parkplatz vom Grand Union Supermarket gefunden. Er hätte keine Ahnung, was zum Teufel er mit ihm anfangen sollte, aber der Hund würde bestimmt überfahren werden, wenn er da sein Nik-kerchen machte, und deshalb hätte er ihn hergebracht.
Die ändern meinten, wir sollten den Hund ins nächste
Tierheim schaffen und basta. Aber für mich war es Liebe auf den ersten Blick.
Ich machte ihm ein Bett in meinem Büro, kaufte Hundefutter und zwei
orangefarbene Näpfe. Er schlief zwei Tage beinahe ununterbrochen. Als er schließlich
aufwachte, lag er in seinem Bett und starrte mich mit düsteren Augen an. Besser
gesagt, mit einem düsteren Auge. Als jemand auf dem Revier fragte, weshalb ich
ihn behielte, sagte ich, dieser Hund hat alles gesehen. Ich bin der Polizeichef,
und deshalb hat keiner protestiert.
Bis auf meine Frau. Magda findet, Tiere gehören gegessen, und kann die nette
Katze, die ich seit Jahren habe, nicht ausstehen. Als sie hörte, daß ich einen
dreibeinigen, einäugigen Marmorkuchen in meinem Büro hatte, kam sie vorbei, um
ihn anzuschauen.
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