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Eine Nacht zuviel
(aus: Eine Nacht zuviel,
Roman, 2004, Marion-von-Schröder-Verlag)
"Nina und ich sind noch einmal
zusammen verreist", sagte Paul. "Ich dachte, ein Urlaub könnte uns
retten. Sie wollte unbedingt nach Malaysia. Ein Land wie ein Waschküche. Sie
mochte solches Klima. Ich nicht. Sie träumte von einem Leben ohne Jahreszeiten.
Ein Alptraum, wenn du mich fragst. Es war Herbst, und ich hatte eigentlich die
ganze Zeit Sehnsucht nach Deutschland. Genau genommen war es mehr als Sehnsucht,
eher eine Art Vision, die mich immer wieder überkam, so plötzlich wie ein
Niesanfall oder ein Brechreiz. Ich sah mich auf einer Wiese stehen, in einem
blauen Wollpullover, und das Gras unter meinen Sohlen knisterte vor Raureif.
Besonders gut erinnere ich mich an einen Morgen auf dem Markt
in einer Kleinstadt. Es kommt mir so vor, als hätte ich weder vorher noch
hinterher jemals so geschwitzt. Die Nähte meiner Jeans scheuerten bei jedem
Schritt, so feucht war meine Haut. Der Asphalt glänzte, und ich war mir nicht
sicher, ob es geregnet hatte oder ob das nur eine Luftspiegelung war. Das Licht
blendete so stark, dass ich immer wieder in der Schultertasche nach der
Sonnenbrille suchte. Dabei hatte ich sie längst auf.
Schließlich habe ich mich in den Schatten eines Marktstandes
gestellt. Neben mir schuppte eine Frau im schwarzen Gewand Fische in einer
Plastikschüssel. Die Fische starrten mich aus toten Augen an. Ich versuchte, so
wenig zu atmen wie möglich, ich quetschte den letzten Sauerstoff aus meiner
Lunge. Auf malaysischen Märkten riecht jeder Atemzug anders: Der erste nach
Blumen, der zweite nach Kokosmilch, der dritte nach Hundescheiße. Diese Art von
Überraschungen liegt mir nicht. Und wenn man nicht aufpasst, tritt man in einer
Pfütze voller Innereien.
Nina stand weiter hinten in der Menge. Es war nicht schwierig,
sie im Auge zu behalten, sie überragte die Verkäufer um mehr als einen Kopf.
Sie hielt etwas in der Hand, eine Stofftasche oder ein Tischtuch, deutete darauf
und gestikulierte. Wahrscheinlich handelte sie einen Preis aus. Dabei stützte
sich sich mit einer Hand im Kreuz ab. Der Verkäufer machte eine tänzerische
Handbewegung. Dann war wieder Nina an der Reihe, die mit den Fingern eine Zahl
andeutete.
Als die Fischhändlerin mich bemerkte, deutete sie auf die Schüsseln vor sich
und spitzte den Mund. Wahrscheinlich wollte sie mir klar machen, wie köstlich
sie waren. Eine ganze Weile redete sie in ihrer eigenartigen Sprache auf mich
ein. Plötzlich stand Nina wieder neben mir. Ihr Mund war leicht geöffnet.
Dieser herzförmige Mund, an dem ich mich nie sattsehen konnte. Diese Lippen,
geformt wie ein Staunen, oder wie ein Schmollen, je nach Tageslicht und
Blickwinkel. Sie schwenkte eine bunte Tasche. Dazu passen noch zwei Kissenbezüge,
sagte sie, die habe ich gratis bekommen. Ich versuchte so etwas wie ein verächtliches
Schnauben, wollte ihr erklären, dass sie übers Ohr gehauen worden war, dass
man ihr wahrscheinlich den dreifachen Preis abgenommen hatte. Aber dabei fing
meine Nase an zu laufen. Und jetzt sag mir eins: Wie hält man einer Frau einen
Vortrag, mit diesem Rotzfaden zwischen Nase und Oberlippe? Ich fuhr mir mit dem
Handrücken übers Gesicht, hoffte, dass sie es nicht bemerkt hatte. Sie atmete
tief ein, fasste sich dann plötzlich an die Kehle. Dann ließ sie die Luft hörbar
durch die Nase entweichen. Ist dir schlecht, fragte ich. Sie schüttelte den
Kopf und verschränkte die Finger über ihrem Bauch."
Er lehnte sich zurück und schwieg einen Moment. Dabei
fixierte er einen Punkt an der Decke.
"Nina hat immer ein dekoratives Leben geführt",
fuhr er fort. "Manchmal habe ich sie von unserem Küchenfenster aus dabei
beobachtet, wie sie mit vollen Einkaufstüten um die Straßenecke bog. Beim
Laufen streckte sie das Kinn nach vorne. Sie hat mich ein bisschen an einen
Vogel erinnert, der Ästchen für Ästchen in sein Nest trägt. Ich fand ihre
Bewegungen rührend. Wie sie eine Tischdecke glattstrich oder mit einem
Messerchen Wachsspritzer von einem Kerzenhalter entfernte. Und ich war ihr Held.
Ziemlich lange. Jedesmal wenn ich von meinen Reisen zurückgekommen bin, von
einer Reportage über ein Designerhotel in Australien oder eine Regatta in
Kalifornien, hat sie mich begrüßt wie einen Kriegsheimkehrer. Dann ließ sie
Kerzen in der Badewanne schwimmen und cremte sich ein. Ihre Haut war klebrig vor
lauter Entgegenkommen.
Oft, wenn ich allein in einem luxuriösen Hotelzimmer schlief,
quer über ein Bett mit mindestens zwei Kissen ausgestreckt, nahm ich mir vor,
ihr die Orte zu zeigen, an denen ich arbeitete und andere Urlaub machten. Ich
wollte, dass sie sah, wo ich meine Interviews führte. Ich wollte ihr die Cafés
zeigen, in denen ich meine Notizen aufschrieb. Unterwegs kostete ich die
Erlebnisse für sie vor: ein japanisches Frühstück, der Blick über die
Klippen eines Golfplatzes.
Aber wenn wir dann endlich mal zu zweit unterwegs waren,
wollte Nina die meiste Zeit in Hütten und Zimmern ohne Fernseher übernachten.
Dabei kannte ich sämtliche Luxus-Lodges auf den Inseln im südchinesischen
Meer. Kein Interesse. Im Royal Beach Resort hatten wir eine Suite mit
Klimaanlage, drei Tage lang. Das ist wie der Unterschied zwischen Tiefkühlkost
und einem Landgasthof, sagte sie, lass uns wohin fahren, wo ich was spüren kann
und was schmecken. Je länger wir unterwegs waren, desto mehr ging sie ihrer
eigenen Wege. Sie ließ mich einfach stehen und schwitzen." Er ließ den
Blick sinken und starrte auf seine Fingerspitzen.
"Bei mir ist das genau umgekehrt", sagte Karin. Sie
saß auf dem Bett und umfasste ihre Knöchel.
"Was?"
"Schwitzen finde ich nicht so schlimm. Ich mag das Gefühl,
wenn man ganz feuchte Kniekehlen bekommt, im Sommer. Nur mit der Kälte komme
ich nicht zurecht."
"Ich kann nicht schlafen, wenn es so warm ist. Die Luft
ist wie ein nasses Handtuch, das Betttuch klebt am Körper. Die Hütte in der
River Lodge, von der Nina so begeistert war, die habe ich gehasst. Wenn ich
gerade einmal eingeschlafen war, wachte ich vom Tuckern der Motorschiffe auf,
die die ganze Nacht auf dem Fluss unterwegs waren. Die Hütte war gerade groß
genug, dass ein Doppelbett darin Platz hatte, mit einem Metallgestell und einem
knarrenden Lattenrost. Zwischen die Wand und die Kante des Gestells hat gerade
mal ein Koffer gepasst. In der Suite des Royal Beach Resort war schon das Bad größer
als unser gesamtes Zimmer.
Eines Nachts, als die Hitze mich mal wieder aufgeweckt hatte,
sah ich Nina nackt an der Tür stehen. Ihre Brustwarzen waren groß und dunkel
wie angelaufene Kupfermünzen. Zieh dir wenigstens Schuhe an, sagte ich zu ihr,
du weißt doch, hier gibt es Schlangen.
Es raschelte in den Ästen über der Hütte. Eine Frucht fiel
auf das Blechdach. Nina schaute durch mich hindurch. Und fragte mich ganz
seltsame Sachen. In der Art wie: Weißt du noch wie das war, als Kind? Wenn man
zum ersten Mal im Frühjahr kurzärmlige T-Shirts tragen durfte, wenn auf einmal
Luft an die Haut kam? Das erste Barfußlaufen? Und wenn man seine Zehen um die
Pedale des Dreirades krümmt wie Finger, die etwas festhalten?
Sie machte ein paar Schritte auf mich zu. Die Haare zwischen
ihren Schenkeln sahen feucht aus. Als ich sie umarmte, piekten mich ein paar
Stoppeln. Nina hatte sich seit mindestens einer Woche nicht mehr unter den
Achseln rasiert. Ich verstehe sie nicht, ich verstehe sie einfach nicht, dachte
ich, später, kurz bevor ich in sie hinein kam wie eine wütende Welle. Dabei
schrie ein Tier.
Ich habe später oft versucht, mir diese Nacht genauer in
Erinnerung zu rufen. Hat sie die Augen geschlossen unter mir, haben ihre Lider
geflattert, hat sie im entscheidenden Moment die Finger gegen mein Kreuz
gepresst? Aber ich kann sie nicht mehr auseinander sortieren, die Bilder in
meinem Kopf, es sind zu viele. Andere, frühere Momentaufnahmen von einer Rötung
an ihrem Hals und gespreizten Fingern auf einem Kissen, und ihre Stimme habe ich
noch im Ohr: Ja. Jetzt."
Paul stand auf und ging ans Fenster. Die Hände hielt er
hinter dem Rücken verschränkt, die Oberschenkel presste er gegen das
Fensterbrett. "Ich weiß gar nicht mehr", erzählte er weiter,
"wer auf die Idee mit diesem Ausflug kam. Eigentlich haben wir uns nie für
Tiere interessiert, weder ich noch Nina. Die Höhle ist 25 Meter hoch, las Nina
aus ihrem Reiseführer vor, und hat fast kein natürliches Licht. Sie dient den
Vögeln als Brutplatz. Aber die Vögel waren nicht einmal hübsch. Im Reiseführer
waren Bilder von ihnen. Graue Körper, winzige Köpfe, krumme Schnäbel.
Wir waren die einzigen Besucher. Der Tag war diesig. Wir ließen
unseren Jeep auf dem Parkplatz stehen und folgten den zweisprachigen
Hinweisschildern. Am Weg lag ein Selbstbedienungsrestaurant mit Plastikstühlen
und einer Tafel mit Eissorten. Ein Kellner polierte die Theke und lächelte uns
zu. Den Eingang zur Höhle konnte man schon von weitem sehen, ein gähnendes
Loch. Und vor allem konnte man es riechen. Schwaden von Ammoniak, beißend und
dick. Ich erinnere mich, dass ich tief einatmete, ehe ich die Taschenlampe
anknipste.
Zuerst konnte man gar nichts sehen. Der Lichtstrahl war zu
schwach, um bis an die Felsdecke zu reichen. Erst als sich meine Augen langsam
an die Dunkelheit gewöhnten, wurde mir klar, wie hoch und wie weitläufig die Höhle
war. Der Geruch war jetzt so scharf, dass ich Kopfschmerzen bekam. Das Schlagen
von Tausenden winziger Flügel ließ mein Trommelfell vibrieren. Ich ahnte, dass
sie dort oben sein mussten, dass sie in die Felsvorsprünge unter der Kuppel
ihre Nester gebaut hatten. Ästchen knackten unter meinen Sohlen. Mit jedem
Schritt sank ich tiefer in den Boden ein.
Nina ließ einen unterdrückten Schrei los und ich blieb
stehen. Direkt vor mir, nur ein paar Zentimeter von meiner Schuhspitze entfernt,
lag ein junger Vogel. Es war nicht größer als ein kleiner Finger, und sein
Gefieder war verklebt. Winzige Krallen, Stecknadelkopfaugen. Kaum älter als ein
paar Stunden, schätze ich. Im Schein der Taschenlampe zitterte er. Schau nicht
hin, sagte ich, vielleicht gehst du besser schon raus. Warum, fragte sie, was
hast du vor? Und dann, zwei Finger an der Schläfe: Du willst ihn doch nicht
totmachen?
Was denn sonst? fragte ich, willst du ihn hier verhungern
lassen? Und ich sagte es noch einmal: Schau nicht hin, schloss selbst die Augen,
hob meinen Fuß und zielte. Ich glaube, ich habe ihn gleich getroffen, aber
sicher bin ich nicht. Federn und Knöchelchen fühlen sich unter der Schuhsohle
kaum anders an als die Zweige auf dem Höhlenboden.
Erst am Ausgang der Höhle fing sie an zu kotzen. Sie krümmte
sich, eine Hand an der Felswand abgestützt. Die Haare fielen ihr ins Gesicht, während
sie sich den Magen hielt und alles aus ihr heraus sprudelte. Ich versuchte sie
zu halten. Sie drückte meine Hand weg. Ich war erstaunt über ihre Kraft.
Wortkarg und blass, so war sie an diesem Tag, und so blieb sie
bis zum Ende unserer Reise. Nachts wickelte sie sich so eng in ihre Decke, dass
ich keinen Finger breit von ihr zu fassen bekam. Ich weiß nicht, ob sie sich da
schon entschieden hatte, mich zu verlassen. Den Helden, der keiner mehr war, der
kleine Vögel totmachte, statt sie zu retten. Gesagt hat sie es mir erst am Tag
unserer Abreise. In einem Hotel in Kuala Lumpur. Sie fand es landestypisch. Ich
fand es einfach nur schäbig.
Ich erinnere mich an die Stühle in der Lobby, Korbstühle mit
herausstehenden Splittern, man musste immer aufpassen, dass man seine
Fingerkuppen nicht daran aufspießte. Ich erinnere mich an die lärmende
Klimaanlage. Und das braune Wägelchen, auf dem unsere Koffer aufgebahrt waren.
Der Flughafenbus sollte jeden Moment kommen.
Nina trug ein Leinenkleid in der Farbe ihrer Sommersprossen.
Ich sehe noch vor mir, wie sie aufsteht, ihre Haare im Nacken zusammenfasst und
einen Knoten hineinschlingt. Sie waren so fest und lang, dass so ein Knoten den
ganzen Abend halten konnte. Sie zupfte sich noch eine Strähne aus der Frisur,
blies sie dann gleich wieder aus dem Gesicht. Und dann sagte sie es mir. Ich
will das Kind nicht, das waren ihre Worte. Plötzlich machte alles Sinn: Ihre
ungewohnte Art, sich zu bewegen, die Beckenknochen vorgeschoben, ihre Übelkeit,
ihre Lichtempfindlichkeit. Und dich. Dich will ich auch nicht mehr. Fast ein
bisschen verblüfft klang sie, als sie das sagte, als hätte sie es selbst noch
nicht verstanden.
Ich hätte etwas erwidern müssen. Natürlich, ich hätte sie
beschwören können, bei mir zu bleiben, hätte ihr versichern können, dass ich
mich auf das Baby freute, von dem ich noch gar nichts gewusst hatte, hätte ihr
Dinge bieten können, eine größere Wohnung, einen Job, bei dem ich nicht mehr
reisen musste. Aber mein Kopf fühlte sich an, als sei darin etwas explodiert.
Im gleichen Moment hatte sie eine Tür geöffnet und sie dann vor meiner Nase
zugeknallt, hatte einen Entschluss gefasst, unterstrichen mit einer Geste: die Hände
im Schoß, Finger verschränkt, ihre Haltung duldete keinen Widerspruch, weniger
noch als ihre Worte.
Ich stand auf ohne sie zu berühren, durchquerte die
Halle und ging hinaus auf die Veranda. Die Luft war feucht, Waschküche. Meine
Sonnenbrille beschlug. Das Meer war dunkelblau. Die gleiche Farbe wie der
Wollpullover, den ich in meinen Tagträumen vom Herbst angehabt hatte. Und da
stand ich und fühlte mich, als hätte mir jemand den Stecker gezogen." Er
atmete laut durch die Nase aus. "Ja. So war das."
"Sie hat das Kind nicht bekommen?"
"Am Abend danach hat sie zum letzten Mal in unserer
Wohnung geschlafen. Sie war wie ausgelöscht."
Der Nerv unter seinem linken Augen hatte wieder zu zucken
begonnen. Paul fixierte ihn mit einem Finger seiner freien Hand.
Karin stand auf, umrundete das Bett und stellte sich neben ihn. Dann legte sie
ihm eine Hand auf den Arm. Paul zog geräuschvoll Luft ein.
"Was sagtest du, wann sie kommen?"
"Sie müssen jeden Moment da sein."
"Ich bin dran."
"Womit?"
"Es ist meine letzte Geschichte."
"Wovon handelt sie?"
"Von meiner Großmutter", sagte sie, "ich denke
oft an sie."
Paul verdrehte die Augen und rückte ein Stück ab.
"Manchmal fragst du dich, was sie an deiner Stelle tun würde.
Oder lachst über einen Witz, den sie vor Jahren gemacht hat. Ich kann mir genau
vorstellen, was jetzt kommt."
"Nein", sagte Karin. Sie hielt ihren Oberarm fest,
dort, wo sie eben Paul berührt hatte. "Es ist anders", fuhr sie fort,
"als würde sie mich von irgendwoher beobachten, durch eine Einwegscheibe.
Seitdem sie tot ist, bin ich beruhigt. Jetzt muss ich keine Angst mehr davor
haben, dass sie stirbt."
Karin fuhr mit beiden Händen über ihre Wangen. Sie schwieg
"Was ist?"
"Ich mache es genau so wie du."
Paul nickte ungeduldig.
"Ich erzähle die Geschichte nicht dir. Ich erzähle sie
ihm."
Krachend brach ein Eiszapfen von der Dachrinne ab. Paul
presste noch immer die Fingerkuppe unter sein linkes Auge. Dann durchquerte er
das Zimmer und ließ sich wieder in den Sessel fallen. Karin befeuchtete ihre
Unterlippe mit der Zungenspitze.
"Seitdem ich nicht mehr zu Hause wohne, habe ich sie kaum
noch besucht", sagte sie und sah in Richtung des leblosen Körpers auf dem
Bett, "selbst wenn ich übers Wochenende bei meinen Eltern war. Und das,
obwohl sie nur zwei Straßen weiter wohnte. Das einzige schöne war das
Ankommen. Ich hatte einen Schlüssel. Wenn sie den im Schloss hörte, setzte sie
sich in Positur auf dem Treppenabsatz, auf einem alten Überseekoffer voller
Tischdecken, und erwartete mich.
Ich mochte die Art wie sie dasaß, die Knie auseinander, die
Fersen leicht nach außen gestellt, die Hände im Schoß zusammen gelegt. Sie
hat so auf diesem Platz gesessen, so lange ich denken kann. Und obwohl ihr Körper
zum Schluss immer kleiner und zerbrechlicher wurde, hat sich nichts an der
Haltung geändert, in der sie mich erwartete.
Schwierig wurde es immer erst, nachdem ich meinen Mantel an
einen der Garderobenhaken gehängt hatte. Wir tauschten Höflichkeiten aus, gut
siehst du aus, warst du beim Friseur, während sie die quietschende Tür des
Holzschrankes mit dem Intarsienmuster öffnete, Teetassen und eine Tüte mit
weich gewordenem Russisch Brot heraus nahm. Hagere Kekse, aus denen ich als Kind
Nachmittage lang versucht hatte, meinen Namen zu legen. Meistens fehlte ein
Buchstabe.
Ich dachte, sie müsste sich für die Welt draußen um so mehr
interessieren, desto weniger sie selbst erlebte. Außer dem Gemüsemann mit
seinem mobilen Marktstand kam sie ja kaum noch jemand besuchen. Ich dachte, sie
würde sich ereifern über die Launen meines Chefs, über Catherines neueste Affären.
Ich dachte, sie würde sich für Hans interessieren. Doch je mehr sie in sich
zusammen sank, desto weniger neues konnte sie aufnehmen. Sie wollte nicht mehr
zuhören, nur noch erzählen. Und es blieben immer weniger Geschichten übrig.
Zum Schluss verhedderte sie sich in einer Endlosschleife.
Immer wieder ging es um ein Dienstmädchen im Haus ihrer Eltern, das eines Tages
kurz vor Weihnachten mit ihr zum Eislaufplatz gegangen war, um sich dort mit
einem Verehrer zu treffen. Währenddessen musste sie, das kleine Mädchen, das
später meine Großmutter werden sollte, hinter einem Kohleofen in der Wärmestube
sitzen. Während sie erzählte, biss sie Stückchen von ihrem Russisch Brot ab.
Wenn ich ihre Kaugeräusche nicht mehr ertragen konnte, ging ich auf die
Toilette und steckte meine Nase in ein Potpourri mit Waldaroma. Jedes Mal war
ich enttäuscht. Es duftete seit Jahren nach gar nichts mehr. Bald würde es die
Toilettengerüche meiner Großmutter annehmen.
Ich ertrug es selten länger als zwei Stunden bei ihr. Wenn
ich ging, war ich erleichtert. Aber das hielt nie länger vor als bis Sonntag
Nacht. Dann lag ich wieder neben Hans im Bett und versuchte, nicht auf seinen geöffneten
Mund zu schauen."
Karin schloss die Augen. Die Hände neben ihren Hüften hatten
sich um das Fensterbrett verkrampft. Die Fingerknöchel traten weiß hervor.
"Und?", fragte Paul leise.
"Zwei Monate vor ihrem Tod habe ich sie zum ersten Mal in
der Klinik besucht", sagte Karin und strich mit beiden Händen ihre
Koteletten glatt. "Sie war nach einem Schwächeanfall eingeliefert worden,
unbedenklich eigentlich, aber zur Sicherheit, wie die Ärzte sagten. Ich wusste,
dass mich ihr Anblick eigentlich rühren sollte. Ihre weißen Wimpern, das
hellblaue Bändchen, mit dem man ihr das Nachthemd über der Kehle zusammen
gebunden hatte. Aber in mir war es ganz still. Ich ekelte mich sogar ein
bisschen vor den kalt gewordenen Lebensresten um sie herum. Ein Löffel
angetrocknetes Apfelkompott in einem Plastikschälchen, eine zerknitterte
Serviette, der Geruch nach fauligem Blumenwasser, Ammoniak, Desinfektionsmittel.
Sie fing ausnahmsweise nicht mit dem Tag auf dem Eislaufplatz
an. Stattdessen beklagte sie sich, dass die Bettnachbarin einen Hang zu
Volksmusiksendungen im Fernsehen hatte. Und sie schmiedete Zukunftspläne. Eine
Gehhilfe wollte sie anschaffen für die Zeit nach dem Krankenhaus. Vielleicht würde
sie auch eine Putzfrau brauchen.
Während sie sprach, schaute ich mir ein Foto auf ihrem
fahrbaren Nachttisch an. Es war ein Schwarzweißbild mit gezacktem Rahmen, das
im Lauf der Jahrzehnte einen Sepiaton angenommen hatte. Auf dem Foto war meine
Großmutter jung. Ihr Gesicht war glatt, unfertig, wie ein Entwurf. Auf jeden
Fall musste sie jünger sein als ich jetzt. Denn das Kind in ihren Armen war
eindeutig mein Vater. Nicht mehr ganz Baby, noch nicht ganz Kleinkind.
Auf dem Foto liegt sie rücklings auf einer Wiese und hat den
kleinen Jungen, der später mein Vater werden wird, um die Taille gefasst. Mit
ausgestreckten Armen hebt sie ihn in die Luft. Deshalb ist ihre weiße Bluse aus
dem Bund ihres Rockes gerutscht und gibt einen Streifen Haut über ihrem Nabel
frei. Mein Vater strahlt, meine Großmutter hat die Augen geschlossen. Sie lächelt
in Ekstase und biegt dem Kind ihren Körper entgegen, weniger wie eine Mutter,
eher wie eine Geliebte.
Wie sinnlich du da aussiehst!, sagte ich zu ihr. Sie hob den
Kopf und sah mich verwirrt an. Ich weiß nicht, ob sie da schon wieder in ihre
Kindheit abgerutscht war oder sich noch in der Gegenwart hielt. Sie bewegte sich
auf unsicherem Boden. Bitte?, fragte sie schließlich.
Etwa zehn Tage später sah ich sie wieder. Sie erkannte uns
nicht mehr. Sie hielt mich für ihre Tochter und meinen Vater für ihren Mann.
Ich stellte mir vor, dass es unsere letzte Begegnung sein würde, aber ich spürte
nichts dabei. Was sie selbst noch ahnte, war schwer zu sagen. Immer wieder
schlief sie unvermittelt ein, atmete dabei leicht und flach wie ein Baby, mit
offenem Mund, erinnerte mich mit ihrem feucht gekringelten Haar über der Stirn
und ihrem weißen Hemd mehr und mehr an ein Neugeborenes. Irgendwann erkannte
sie keinen mehr, wenn sie die fast wimpernlosen Lider aufschlug.
Danach wechselten wir uns ab, mein Vater, seine Schwester und
ich. Wir wollen dich dem nicht aussetzen, sagte meine Tante anfangs zu mir, aber
nachdem es drei, vier, sieben Wochen gedauert hatte, und ich die einzige Enkelin
blieb, die sich in die Nachtschichten einreihte, sagte sie bald nichts mehr. Sie
war froh, wenn sie etwas Schlaf bekam."
Karin rieb sich die Augen. "Ich habe versagt", sie
klang heiser, "dabei dachte ich, es sei wie bei der Reise nach Jerusalem:
Auch da war immer ein Stuhl hinter mir, der mich auffing, wenn die Musik
stoppte. Mein Vater hat geweint, wenn er an Großmutters Bett saß, und es dann
auf seine Allergien geschoben. Meine Tante sang ihr Lieder vor, das konnte sie,
sie hatte drei Kinder aufgezogen. Ich konnte kein einziges Lied auswendig.
Ausgerechnet ich, die ich von nichts wusste, ich war da in der entscheidenden
Nacht. Aber ich war nicht an ihrem Bett. Ich saß auf der Toilette und blutete.
Ich kann mich nicht erinnern, dass ich jemals so stark meine Tage bekommen habe.
Wahrscheinlich war ich nicht länger weg als eine Viertelstunde. Aber die war
es, auf die es angekommen wäre. Ich höre noch das Geräusch meiner Sohlen auf
Linoleum, und die Stimme der Nachtschwester, die mir entgegen kommt:
Erschrecken Sie nicht. Ihre Großmutter hat es geschaftt.
Auch auf der Beerdigung musste ich nicht weinen. Die Tränen
der anderen steckten mich nicht an. Darüber war ich enttäuscht. Ich hatte
lange nicht mehr geweint. Und ich hatte im Stillen gehofft, dass ich an diesem
Tag mehr ausschwemmen konnte als nur ein paar Kindheits-erinnerungen an
Herbsttage mit Kakao und Walnüssen und an ein Wohnzimmer mit Samtvorhängen, in
dem es still war wie unter Wasser.
Aber ich blieb unbewegt, als meine Schaufel Erde auf den Sarg
fiel. Ich hatte nichts anderes erwartet, niemals Talent für Ballspiele gehabt,
nicht einmal die Erde konnte ich so werfen, dass sie vorher noch einmal zum
Himmel stieg. Ich blieb unbewegt beim Anblick des Holzkreuzes, auf dem ihr Name
in Goldlettern stand: ein Rechtschreibfehler in ihrem Mädchennamen. Ich blieb
auch dann noch unbewegt, als mein Vater erzählte, dass sie noch immer Briefe
bekam. Von ihrer Bank, von der Lotteriegesellschaft, vom Tierschutzverein.
Weinen musste ich erst, als die Trauergesellschaft auf dem Rückweg
vom Grab eine andere Route nahm und wir bei einer Gabelung ankamen. Der Weg führte
um eine Wiese herum, gabelte sich, vereinte sich wieder am Nordeingang des
Friedhofes. Ich kannte diesen Weg. Und plötzlich fiel es mir auch wieder ein,
das Spiel, das ich als Kind mit meiner Großmutter gespielt hatte, wenn wir
frische Blumen auf das Grab ihres Mannes legten. Oder im Winter die gefrorene
Erde mit einer Spitzhacke lockerten, dort, wo auch sie jetzt begraben liegt
Ich erinnere mich sogar noch, wie ich ihr unser Spiel zum ersten Mal
vorschlug: Guck mal Omi, du gehst da lang und ich geh hier lang, und wenn wir
uns da oben wieder treffen, dann tust du so, als würden wir uns zufällig
sehen, als wär ich jemand anderes, machen wir das, Omi?
Das Spiel wurde mir über Jahre nicht langweilig. Die Angst
auf halbem Wege, sie könnte mich vergessen, dort auf der anderen Seite der
Wiese, sie war doch damals noch so kräftig, mit einem schmalen Gürtelchen über
dem Hemdblusenkleid. Schließlich die Lust, sie wiederzusehen an der
Weggabelung, an der ich jetzt nach Jahren wieder stand.
Ich fing an zu weinen, weniger vor Trauer als vor Schreck, weil mir auf einmal
klar wurde, dass ich um einen Platz aufgerückt war. Ich hatte keine Großmutter
mehr. Auf einmal gehörte ich zur nächsten Generation. Und auf einmal wusste
ich, dass ich ein Kind wollte. Einen Menschen, der mich im Leben verhaftet wie
ein Klettverschluss."
Eine feuchte Haarsträhne klebte ihr an der Stirn. Paul wollte
aufstehen und sie wegstreichen, und dann wartete er damit, bis Karin die Tränen
kamen. Und schließlich blieb er doch auf seinem Platz sitzen, unbeweglich, wie
festgefroren.
Sie hatte ein bisschen geweint, dann war sie duschen gegangen,
später war sie eingeschlafen. Sie lag auf dem Rücken, eine Hand auf ihrem
Bauch, und atmete geräuschvoll. Der Tote neben ihr schien sie nicht zu stören.
Sie musste sehr müde sein.
Im Zimmer lag ein schwacher Geruch von Ammoniak. Paul hätte
nicht sagen können, von wem er ausging. Vielleicht war es Grünberg, der sich
langsam zersetzte, Organe, die noch immer arbeiteten, so wie ein Motor, der
nicht sofort zum Stillstand kommt, wenn man bei der Fahrt den Zündschlüssel
zieht. Vielleicht roch auch Karins feuchte, lang getragene Kleidung, roch nach
ihrem Körperinneren, nach Verdauung und Schwangerschaft.
Vor dem Fenster war es heller geworden. Paul stand auf und
schob die Gardine zur Seite um nachzusehen, woher das Licht kam. Ein Mond,
staubig und zitronenförmig, schickte seine Strahlen durch das Fenster. In der
fahlen Beleuchtung verschmolz das Alpenmassiv zu einer Trennwand am Horizont.
Karin lag jetzt genau so da wie Grünberg, die Beine leicht gespreizt unter der
Decke, den Unterkiefer herunter geklappt. Ihre Zähne schimmerten hell, auf der
Wange zeichnete sich eine Kissenfalte ab.
Als Kind hatte er seiner Mutter so beim Nachmittagsschlaf
zugesehen. Immer waren ihre Hände auf der Decke gefaltet, die Zehen in der
immer gleichen Haltung, leicht nach außen gekippt. Täglich hatte er Angst
gehabt, sie könnte nicht mehr aufwachen. Machmal war sie vom Geräusch seiner
Finger auf dem Parkettboden aufgewacht, wenn er sich auf alle viere kauerte, um
besser sehen zu können, ob sich ihre Hände noch mit der Bettdecke hoben und
senkten. Was ist, kannst du nicht woanders spielen?
Karin seufzte und drehte sich auf den Bauch. Ihre Haare glänzten
feucht im Halbdunkel. Wenn ich wenigstens darauf Lust hätte, dachte Paul: Ihr
diese Decke von den Schultern ziehen und mit beiden Händen ihren Kopf halten.
Er trat an das Bett und legte zwei Finger an ihre Schläfe.
Ihre Haut war warm.
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