Léon und Louise von Alex Capus, 2011, Hanser

Alex Capus

Léon und Louise
(Leseprobe aus dem 2. Kapitel: Léon und Louise, Roman, 2011, Hanser).

Zu der Zeit, da mein Großvater Louise Janvier kennenlernte,

war er siebzehn Jahre alt. Ich stelle ihn mir gern

als ganz jungen Mann vor, wie er im Frühling 1918 in Cherbourg

seinen Koffer aus verstärkter Pappe aufs Fahrrad

band und das Haus seines Vaters für immer verließ.

Was ich über ihn als jungen Mann weiß, ist nicht sehr viel.

Auf der einen Familienfotografie, die es aus jener Zeit gibt,

ist er ein kräftiger Bursche mit hoher Stirn und unbändig

blondem Haar, der das Treiben des Studiofotografen neugierig

und mit spöttisch zur Seite geneigtem Kopf beobachtet.

Weiter weiß ich aus seinen eigenen Erzählungen, die er

im Alter wortkarg und mit gespieltem Widerwillen vortrug,

dass er am Gymnasium oft fehlte, weil er lieber mit seinen

besten Freunden, die Patrice und Joël hießen, an den Stränden

von Cherbourg unterwegs war.

Zu dritt hatten sie an einem stürmischen Januarsonntag

1918, als kein vernünftiger Mensch sich dem Ozean auf

Sichtweite nähern wollte, im Schneegestöber an der Ginsterböschung

das angeschwemmte Wrack einer kleinen Segeljolle

gefunden, die mittschiffs ein Loch hatte und auf

ganzer Länge ein bisschen angesengt war. Sie hatten das

Boot hinters nächste Gebüsch geschleppt und es in den folgenden

Wochen, da der rechtmäßige Besitzer sich partout

nicht bei ihnen melden wollte, eigenhändig mit großem

Eifer repariert und geschrubbt und knallbunt angemalt, bis

es aussah wie neu und nicht mehr wiederzuerkennen war.

Von da an fuhren sie in jeder freien Stunde hinaus auf den

Ärmelkanal, um zu fischen, zu dösen und getrockneten

Seetang zu rauchen in Tabakpfeifen, die sie aus Maiskolben

geschnitzt hatten; wenn etwas Interessantes im Wasser

dümpelte – eine Planke, das Sturmlicht eines versenkten

Schiffes oder ein Rettungsring –, nahmen sie es mit. Manchmal

fuhren Kriegsschiffe so nah an ihnen vorbei, dass ihr

kleiner Kahn auf und ab hüpfte wie ein Kalb am ersten

Frühlingstag auf der Weide. Oft blieben sie den ganzen Tag

draußen, umrundeten das Kap und fuhren westwärts, bis

am Horizont die britischen Kanalinseln auftauchten, und

kehrten erst im letzten Licht der Abenddämmerung an Land

zurück. An den Wochenenden verbrachten sie die Nächte

in einer Fischerhütte, deren Besitzer am Tag seiner Einberufung

nicht mehr die Zeit gehabt hatte, das rückseitige

kleine Fenster ordentlich zu verbarrikadieren.

Léon Le Galls Vater – also mein Urgroßvater – wusste nichts

von der Segeljolle seines Sohnes, nahm aber dessen Streunerei

am Strand mit einiger Besorgnis zur Kenntnis. Er

war ein zigarettenverschlingender, vor der Zeit gealterter

Lateinlehrer, der sich in jungen Jahren nur deswegen fürs

Lateinstudium entschieden hatte, weil er damit seinem Vater

den größtmöglichen Verdruss hatte bereiten können;

dieses Vergnügen hatte er in der Folge mit jahrzehntelangem

Schuldienst bezahlt und war darob kleinlich, engherzig

und bitter geworden. Um sein Latein vor sich selbst zu

rechtfertigen und sich weiterhin lebendig zu fühlen, hatte

er sich ein enzyklopädisches Wissen über die Zeugnisse römischer

Zivilisation in der Bretagne angeeignet und betrieb

dieses Steckenpferd mit einer Leidenschaft, die in groteskem

Gegensatz zur Geringfügigkeit des Themas stand. Seine

endlosen, quälend eintönigen und von Kettenrauch begleiteten

Referate über Tonscherben, Thermalbäder und Heeresstraßen

waren am Gymnasium legendär und gefürchtet.

Die Schüler hielten sich schadlos, indem sie seine Zigarette

beobachteten und darauf warteten, dass er damit an die

Wandtafel schrieb und die Kreide rauchte.

Dass er am Tag der Generalmobilmachung wegen seines

Asthmas zurückgestellt worden war, empfand er einerseits

als Glück, andrerseits als Schande, da er im Lehrerzimmer

der einzige Mann unter lauter jungen Frauen war. Fürchterlich

war sein Zorn gewesen, als er von den Kolleginnen

hatte erfahren müssen, dass sein einziger Sohn seit Wochen

kaum mehr an der Schule gesehen worden war, und endlos

waren seine Vorträge am Küchentisch gewesen, mit denen

er den Jüngling vom Wert klassischer Bildung zu überzeugen

versuchte. Dieser hatte über den Wert klassischer

Bildung nur gelächelt und seinerseits dem Alten darzulegen

versucht, weshalb seine Anwesenheit am Strand gerade

jetzt unabdingbar nötig sei: weil die Deutschen in den

letzten Wochen dazu übergegangen seien, ihre U-Boote

mit hölzernen Aufbauten und bunter Lackfarbe, mit behelfsmäßigen

Segeln und falschen Netzen als Fischerboote

zu verkleiden.

Darauf wünschte der Vater zu erfahren, worin bitte der

kausale Zusammenhang zwischen deutschen U-Booten und

Léons Präsenz am Gymnasium liege.

Die verkleideten U-Boote, erklärte der Sohn geduldig, würden

sich unerkannt französischen Fischkuttern nähern und

diese gnadenlos versenken, um die Versorgungslage des

französischen Volkes zu verschlechtern.

»Und?«, fragte der Vater, hustete und versuchte sich zu be

ruhigen. Jede Aufregung konnte ihn in eine asthmatische

Krise stürzen.

Tag für Tag werde wertvollstes Treibgut an Land gespült –

Teakholz, Messing, Stahl, Segeltuch, fassweise Petroleum …

»Und?«, fragte der Vater.

Diese kostbaren Rohstoffe müsse man bergen, bevor das

Meer sie wieder mitnehme, sagte Léon.

Während ihre Auseinandersetzung unaufhaltsam dem dramaturgischen

Höhepunkt zustrebte, saßen Vater und Sohn

in jener scheinbar lässig-entspannten Haltung am Küchentisch,

die allen Le Galls eigen ist; sie hatten die Beine lang

unter dem Tisch ausgestreckt und lehnten sich weit über

die Stuhllehne hinaus nach hinten, sodass ihr Hintern nur

noch knapp auf der Stuhlkante auflag. Da sie beide große

und schwere Männer waren, hatten sie ein feines Empfinden

für die Schwerkraft und wussten, dass die horizontale

Lage dem Zustand des Schwebens am nächsten kommt,

weil in ihr jedes Körperglied nur sein Eigengewicht zu tragen

hat und von der Masse des restlichen Leibs befreit ist,

während im Sitzen oder Stehen ein Glied sich auf das

andere

türmt und sich in der Summe eine zentnerschwere

Last ergibt. Jetzt aber waren sie wütend, und ihre Stimmen,

die kaum voneinander zu unterscheiden waren, seit

der Sohn den Stimmbruch hinter sich hatte, bebten vor

mühsam im Zaum gehaltenem Zorn.

»Du gehst morgen wieder zur Schule«, sagte der Vater und

unterdrückte einen Hustenreiz, der aus der Tiefe seiner

Brust die Kehle hochstieg.

Die nationale Kriegswirtschaft sei dringend auf Rohstoffe

angewiesen, erwiderte der Sohn.

»Du gehst morgen wieder zur Schule«, sagte der Vater.

(...)

Rezension I Buchbestellung I home 0I11 LYRIKwelt © Hanser