Der Fund von Veza Canetti, 2001, HanserVeza Canetti

Der Fund
(Leseprobe aus: Der Fund, Erzählungen + Stücke, 2001, Hanser)

Toogoods oder das Licht Im Winter des Jahres 1940 übersiedelten
wir aufs Land in das geräumige Haus eines Pastors und seiner
hageren Ehefrau. Die Bedingungen waren durchwegs Verbote.
Verboten war der Fleischgenuß, der Alkohol, das Rauchen, der
Theaterbesuch und der Verkehr mit den Nachbarn. Das Prinzip des
pensionierten Geistlichen lautete: wenn das Empire die von Gott
Gezeichneten einläßt, und ich sie gar ins Haus nehme, so haben sich
mir diese Flüchtlinge für die Großmut Englands dankbar zu erweisen,
und sie haben mir möglichst viel Nutzen zu bringen. Denn sie wetzen
die Teppiche ab, ziehen den Zug im Abtritt und schauen durchs
Fenster. Sie zahlen, das ist richtig, aber was ist Geld, wie eitel ist es,
welcher Schein in den Augen eines Dieners Gottes. Morgens in aller
Früh wurde Kompost erzeugt. Die beiden Toogoods taten dies auf
eine eigene Weise, nämlich auf Zeitungspapier, und trugen diesen
Schatz, der ihrem Leib entsprossen, hinunter in den Gemüsegarten,
wo sie ihn nach einem Jahr in der Form von Karotten
zurückbekamen. Denn sparsam sei der Mensch und vergeude nichts,
auch nicht seine Exkremente, dann wird der Herr es ihm lohnen. Und
richtig, der Herr lohnte es. Wer hat, dem wird gegeben, und sie
hatten. Sie hatten ein großes Haus mit vielen Teppichen und hellen
Möbeln, sie hatten feingeschnitzte Truhen und kostbare Altertümer.
Und ein Zimmer voll mit Vorräten, alle angekauft knapp ehe der
Krieg ausbrach, um ihre alten Knochen aufs beste zu versorgen. Sie
hatten und nährten sich redlich. Wir hatten nichts und hungerten. Für
diesen Hunger hörten wir salbungsvolle Reden, etwa, daß man im
Krieg genügsam leben müsse. Um sich für ihre Worte zu stählen,
aßen sie heimlich ihre guten Speisen, und wir bekamen die Karotten,
die der Herr ihnen erwachsen ließ. Dafür aber waren sie freundlich.
Mit überaus freundlicher Miene häufte uns Frau Pastor den in Wasser
gekochten Kohl auf den Teller, dazu gab es Wasserkartoffel, freilich
nur eine, denn sie kosteten fast einen Penny das Pfund, wiewohl nicht
sie, nicht Frau Pastor, sie hatte eine Quelle, wo sich das Hundert
erheblich billiger stellte, diese Kartoffel war freilich säuerlich und
mit schwärzlicher Fäulnis durchsetzt, aber da blickte Frau Pastor weg
und sprach davon, wie schlecht die Welt, und sie dachte, wie gut sie
selbst war, die unserethalben, um unsere Seelen zu retten, diese
schwarzen Trümmer aß. Ihr Lächeln glich dem Saccharin, mit dem
sie uns die Süßspeise versetzte. Während sie die widerliche Grütze
anrichtete, ging der Kopf des Pfarrers mit dem Löffel von der
Schüssel in den Teller und zurück mit seines Weibes Löffel in die
Schüssel, und er sah aus wie ein Hund, dem man den Zucker nach
allen Richtungen zieht, um ihn zu reizen, der Hund wurde immer
gieriger, immer gieriger wurde der Priester, und selbst wir waren so
verhungert, daß wir Wasserkost und Wassergrütze verzehrten und
uns am Ende für das Lunch bedankten. Ich habe nie gelästert, aber
wenn Toogood mit ergebenem Blick diese Mahlzeiten einleitete mit:
»Go Bless thiss Food to our Health« dann wollte ich keinen Segen
auf dieser Kost und lieber keine Kost, als diesen Segen.

Rezension I Buchbestellung IV07 LYRIKwelt © Hanser-Verlag