Party im Blitz von Elias Canetti, 2003, HanserElias Canetti

Party im Blitz
(Leseprobe aus: Party im Blitz, Die englischen Jahre, 2003, Hanser, hrsg. von Kristian Wachinger, Nachwort von Jeremy Adler)

Als der Blitzkrieg über London begann, einige Monate nach
Dünkirchen, im gefährlichsten Zeitpunkt der englischen Geschichte,
erlebte ich in seinem Hause eine Party, die mir vor Augen bliebe,
auch wenn ich fünfhundert Jahre danach noch am Leben wäre. Sein
Haus war höher als die meisten in Downshire Hill. Es hatte drei
Stockwerke, die meisten andern nur zwei. Es war aber schmal wie die
andern alle. In jedem Stock waren höchstens ein oder zwei Zimmer.
Sie waren von Menschen erfüllt, die tranken und tanzten. Sie standen
mit den Gläsern in der Hand da, wie es hier Sitte war, aber mit
ausdrucksvollen Gesichtern, was hier gegen die Sitte ging. Es waren
manche junge Offiziere in Uniform darunter, lebhaft, ja beinah
lebenslustig, von lauten Sätzen überquellend, die man gehört hätte,
wenn sie in der Musik nicht untergegangen wären. Die Tanzenden,
besonders die Frauen, hatten etwas Aufgerissenes und genossen ihre
Bewegungen wie die des Partners. Die Atmosphäre war dicht und
heiß, und niemand kümmerte sich darum, daß man
Bomben-Einschläge hörte, eine furchtlose und dabei sehr lebendige
Gesellschaft. Ich hatte im obersten Stock begonnen, ich traute kaum
meinen Augen und ich ging in den zweiten hinunter und traute ihnen
noch weniger. Jeder Raum schien feuriger als der, in dem man sich
vorher umgetan hatte. In den tieferen Räumen sonderte man sich
etwas mehr ab, Pärchen saßen und hielten einander umarmt, die
Musik durchdrang uns heiß von oben bis unten, man gab sich mit
Umarmungen und Küssen zufrieden, nichts wirkte lasziv, im
Basement, wie man hier das Untergeschoß nannte, geschah das
Erstaunlichste. Die Türe nach außen wurde aufgerissen, Männer in
Feuerwehrhelmen griffen nach Kübeln mit Sand, die sie im Schweiß
ihres Angesichts in größter Geschwindigkeit hinaustrugen. Sie
achteten auf nichts, das sie im Raum vor sich sahen, in ihrer Eile, die
brennenden Häuser in der Nachbarschaft zu schützen, griffen sie wie
blind nach den sandgefüllten Kübeln. Es muß eine Unzahl davon
gegeben haben, die Paare, es waren hier unten nicht ganz so viele,
hielten sich weiter umschlungen, niemand sprang auf, kein Mensch
löste sich vom andern, es war, als ginge sie das keuchende,
verschwitzte Treiben überhaupt nichts an, zwei verschiedene
Tierarten, die einander aus dem Wege gingen, so schien es, aber
dieser Anschein trog, denn die Feuerwehr an diesem Abend bestand
aus Freiwilligen derselben Straße, unter ihnen der eine oder der
andere junge Dichter, die ich in solchen Leibesmühen nie erkannt
hätte. Es ist zu sagen, daß Luftangriffe zu dieser Zeit noch
keineswegs dasselbe waren wie in späteren Perioden (wie auf
deutsche Städte etwa, die ganz vernichtet wurden), es war etwas,
dessen Schrecken eigentlich nur darin bestand, daß man es noch
kaum kannte. Ich verließ das Haus, nach vielleicht einer Stunde, ich
war weder in Angst noch Empörung: wohl waren mir die
unerschütterlichen Liebespaare neben den keuchenden
Feuerwehrmännern peinlich, aber da diese nicht die geringste
Verwunderung zeigten, sie stürzten hinein und wieder hinaus, sie
trachteten nicht aneinanderzustoßen, daß sie einander nicht
behinderten, war ihnen so wichtig wie den sich umklammernden
Paaren, daß sie nicht voneinander ließen. In beiden war
Entschlossenheit, ich staunte über diese Selbstbeherrschung der
Engländer, die sich von nichts und niemand beirren lassen, schämte
mich für meine Scham und begann zu ahnen, worin eigentlich der
Puritanismus der Engländer bestand, den ich immer bewundert und
gefürchtet hatte.

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