Über den Tod von Elias Canetti, 2003, Hanser-VerlagElias Canetti

Über den Tod

Im Alter von achtzig Jahren schrieb Canetti: »Aber ich verfluche den Tod. Ich kann nicht anders. Und wenn ich darüber blind werden sollte, ich kann nicht anders, ich stoße den Tod zurück. Würde ich ihn anerkennen, ich wäre ein Mörder.« [67] Die Pointe wirkt verblüffend, sobald sie generalisiert wird. Sind denn alle Menschen, die den Tod anerkennen – Philosophen, Leichenbestatter, Grabredner, Verfasser eines Nachrufs, ja selbst die Friedhofsbesucher – tatsächlich Mörder? Worin besteht ihr Verbrechen? Was haben sie versäumt? »Ich wäre ein Mörder«. So lautet der Schlüsselsatz einer ebenso radikalen wie ambivalenten Kritik des Todes, deren Überzeugungskraft aus zwei Regeln gewonnen wird.
Die erste Regel klingt noch vertraut: Du sollst den Tod niemals vergessen und verdrängen. Memento mori! Davon predigen die Priester, Philosophen oder Ärzte seit vielen Jahrhunderten. Platon hielt den Tod für den besten Ratgeber, Paulus bekannte, er sterbe täglich, und Montaigne unterstrich in seinen Essays, es komme darauf an, das Sterben zu lernen. Die Anerkennung des Todes wird heute auf beinahe jeder Couch eines Psychotherapeuten, in den TV-Talkshows, oder in der unüberschaubaren Literatur zur Glücksberatung empfohlen. Fast könnte man glauben, Todesangst sei unzeitgemäß oder geradezu das Symptom eines mißlingenden Lebens.
Die zweite Regel Canettis fordert dagegen: Du sollst dem Tod jederzeit Widerstand leisten und niemals mit dem Sterben einverstanden sein. Vordergründig bilden diese beiden Regeln einen Gegensatz. Sind denn nicht die Strategien der Verleugnung und Verdrängung des Todes die erfolgreichsten Formen des Widerstands gegen den Tod? Zwingt nicht gerade unser Gedächtnis – bevölkert von Toten – zu einer Anerkennung des Todes? Canetti verbietet die Verdrängung des Todes, aber er verbietet auch das Einvernehmen mit dem Sterben. Er will den Tod niemals verleugnen und zugleich niemals rechtfertigen. Kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs schrieb er: »Mein Haß gegen den Tod setzt ein unaufhörliches Bewußtsein von ihm voraus; es wundert mich, wie ich so leben kann.« [24]
Canettis provokante These lautet also: Gerade ein dauerndes Todesbewußtsein zwingt nicht zu einer Bejahung des Endes. Mit dieser These widersetzt sich Canetti – an wesentlicher und doch theoretisch schwer faßbarer Stelle – der einflußreichsten Todesdeutung im zwanzigsten Jahrhundert: dem 53. Paragraphen von Heideggers »Sein und Zeit«. In diesem Abschnitt seines Werks hatte Heidegger behauptet, das Individuum konstituiere sich in seiner Einzigartigkeit, in seiner »Eigentlichkeit«, durch ein »Vorlaufen« in den Tod. Erst dem »Vorlaufen« in die »ausgezeichnete Möglichkeit« des eigenen Todes entspringe die Freiheit des »Seins zum Tode«.
Canetti korrigiert diesen Gedanken an einem entscheidenden Punkt. Er postuliert kein »Sein zum Tode«, sondern ein »Sein gegen den Tod«. Dieses »Sein gegen den Tod« wird durch eine andere Bewegungsform charakterisiert: nicht durch ein »Vorlaufen«, erst recht nicht durch ein »Davonlaufen«, sondern durch ein Zurückstoßen. Nicht wir laufen dem Tod entgegen, so lautet Canettis Argument, der Tod kommt auf uns zu und muß weggedrängt werden. »Hier steht er und sieht sich den Tod an. Der kommt auf ihn zu, er stößt ihn zurück. Er erweist ihm nicht die Ehre, mit ihm zu rechnen. Wenn dann die Verwirrung doch über ihn hereinbricht, – er hat sich nicht vor ihm gebeugt. Er hat ihn genannt, er hat ihn gehaßt, er hat ihn verstoßen. So wenig ist ihm gelungen, es ist mehr als nichts.« [67]
»So wenig ist ihm gelungen«. Der Autor hat den Tod nicht abgeschafft, und er weiß sogar, daß er ihm irgendwann erliegen wird - »mit dem gelben Bleistift in der Hand über einem drohenden Wort gegen den Tod«. [135] Aber das Wenige ist doch »mehr als nichts«: Canetti hat kein Sterben akzeptiert, nicht einmal das Sterben der Tiere. Gegen Heideggers »Vorlaufen in den Tod« hat er den Standpunkt einer existentiellen Abwehr behauptet, und gegen Rilkes Mystifizierung des Todes – der in uns reife wie eine Frucht – die Wut einer untröstlichen Lebendigkeit. »Warum wehrst du dich gegen die Vorstellung, daß der Tod in den Lebenden schon da ist? Ist er nicht in dir? – Er ist in mir, weil ich ihn zu attackieren habe. Dazu, zu nichts anderem brauche ich ihn, dazu habe ich ihn mir geholt.« [52] In solchen Sätzen spiegelt sich die Absage an alle rhetorischen Pakte mit dem Sterben, ob sie sich nun philosophisch oder poetisch artikulieren. »Zu denken, daß einer für den Tod noch plädieren muß, als wäre er nicht ohnehin in erdrückender Übermacht! Die ›tiefsten‹ Geister behandeln den Tod wie ein Kartenkunststück.« [20]
Der Tod ist kein »Kartenkunststück«, kein Gedankenexperiment, er ist der Feind schlechthin, zu dem wir lediglich eine Art von Beziehung unterhalten: er greift uns ständig an und bedroht uns, wir wehren die Attacke ab und stoßen ihn zurück. Das Motiv dieses »Seins gegen den Tod« korrigiert nochmals Heideggers Analyse. In »Sein und Zeit« wird ja nur der eigene Tod philosophisch geadelt, während der Tod der anderen Menschen – als beliebige Erfahrung – rasch ausgeklammert wird. Canetti kritisiert diese Unterscheidung zwischen dem eigenen Tod und dem Tod der anderen. Wer in den eigenen Tod »vorläuft« und einwilligt, ist allzu schnell bereit, auch den Tod der anderen zu akzeptieren. Dagegen träumt Canetti von Solidarität unter allen vom Tod bedrohten Lebewesen. Denn der Tod ist der einzige Feind, und er ist »in erdrückender Übermacht«. Die Lebenden sollten »jedermanns Tod wie den eigenen hassen« und »mit allem einmal Frieden schließen, nie mit dem Tod«. [17] Im Namen der Todgeweihten, der Sterbenden und der Gestorbenen muß der Tod kritisiert werden, in utopischer Sehnsucht nach den »Freudentränen der Toten über den ersten, der nicht mehr stirbt«

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