Sie war zum Hund geworden
(aus: Über Tiere,
Erzählungen, Fabeln, Parabeln, 2002, Hanser-Verlag)
Eines Nachts erwachte
ich und sah jemand in meinem Zimmer. Frau Weinreb im Schlafrock stand vor dem Bild ihres
Mannes, hob es vorsichtig von der Wand und blickte, als ob sie etwas suche, dahinter. Ich
sah sie ganz deutlich, das Zimmer war von der Straßenbeleuchtung draußen hell, die
Vorhänge waren nicht zugezogen. Sie glitt mit der Nase ganz nahe an der Wand entlang, sie
schnüffelte und hielt unterdessen vorsichtig das Bild mit beiden Händen fest. Dann
beschnüffelte sie ebenso langsam die Rückseite des Bildes. Es war so still im Zimmer,
daß man das Schnüffeln hörte. Ihr Gesicht, das ich jetzt sah, sie kehrte mir den
Rücken zu, war mir immer wie das eines Hundes vorgekommen. Mit einer raschen Bewegung tat
sie das Bild an seine Stelle zurück und glitt an die benachbarte Wand, zum nächsten.
Dieses Bild war viel größer, es hatte einen schweren Rahmen, ich fragte mich, ob sie die
Kräfte hätte, es allein zu halten. Aber ich sprang nicht aus dem Bett, um ihr zu helfen,
ich dachte, sie sei im Schlaf, ich mochte sie nicht erschrecken. Sie hängte auch dieses
Bild ab und hielt es sicher in den Händen, nur war das Schnüffeln an der Wand dahinter
nicht mehr so leicht, ich hörte sie vor Anstrengung schnaufen und etwas stöhnen. Dann
stolperte sie, es sah aus, als würde sie das Bild fallen lassen, doch gelang es ihr, es
auf den Boden abzusetzen, mit der Rückseite nach vorn, ohne es aber ganz loszulassen. Sie
streckte sich wieder in die Höhe, und während die Fingerspitzen noch die obere Leiste
des Rahmens berührten, schnüffelte sie die Stelle des Bildes an der Wand weiter ab. Als
sie damit zu Ende war, kauerte sie sich auf den Boden nieder und machte sich an die
Rückseite des Bildes. Ich dachte, sie schnüffle wieder, es war dasselbe Geräusch, an
das ich mich in der kurzen Zeit schon gewöhnt hatte. Aber nun sah ich staunend, daß sie
die Rückseite des Bildes ableckte. Sie tat das geflissentlich, ihre Zunge hing weit
heraus, wie die eines Hundes, sie war zum Hund geworden und schien es zufrieden. Es
dauerte ziemlich lange, bis
sie fertig war, das Bild war groß. Sie stand auf, hob es mit einiger Anstrengung in die
Höhe, und ohne einen Versuch zu machen, die Vorderseite zu sehen oder damit in Berührung
zu kommen, hängte sie es an seinen Nagel und glitt lautlos und eilig zum nächsten. In
meinem Zimmer hingen vier Bilder des Herrn Dr. Weinreb, sie vergaß keines davon, sie
absolvierte alle. Die beiden anderen waren zum Glück nur so groß wie das erste, so
konnte sie ihre Übung stehend verrichten, und da sie nicht mehr am Boden kauerte, kam sie
nicht mehr zum Lecken und begnügte sich mit Schnüffeln.
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