Hochzeit des Lichts von Albert Camus, Arche

Albert Camus

Hochzeit in Tipasa
(Leseprobe aus: Hochzeit des Lichts, Roman, 2009, Arche - Übertragung Peter Gan und Monique Lang).

Im Frühling wohnen in Tipasa die Götter. Sie reden

durch die Sonne und durch den Duft der Wermutsträucher,

durch den Silberkürass des Meeres, den

grellblauen Himmel, die blumenübersäten Ruinen

und die Lichtfülle des Steingetrümmers. Zu gewissen

Stunden ist das Land schwarz vor lauter

Sonne. Vergebens suchen die Augen mehr festzuhalten

als die leuchtenden Farbtropfen, die an den

Wimpern zittern. Der herbe Geruch der Kräuter

kratzt in der Kehle und benimmt in der ungeheuren

Hitze den Atem. Kaum kann ich am Rande

der Landschaft die schwarze Masse des Chenoua-

Gebirges erkennen, das sich aus den dorfumschließenden

Hügeln erhebt und in ruhig gewichtigem

Rhythmus vorrückt, um sich im Meer niederzulassen.

Wir kommen durch das Dorf, das bereits am

Rande der Bucht sichtbar wird. Eine Welt von

Gelb und Blau tut sich auf und hüllt uns ein in den

bittersüßen Sommergeruch der algerischen Erde.

Rings branden die Bougainvillerosen über die

Mauern. In den Gärten leuchtet das noch blasse

Rot der Hibiskusbüsche, wuchern die dichten,

rahmfarbenen Teerosen und blühen in schmalen

Reihen die hohen blauen Schwertlilien. Alle Steine

sind heiß. Als wir aus unserem dottergelben Autobus

steigen, machen die roten Wagen der Schlachter

grade ihre morgendliche Rundfahrt und rufen

mit ihren Trompetensignalen die Einwohner aus

den Häusern.

Links vom Hafen führt eine Treppe aus ungemörtelten

Steinen zwischen Mastix- und Ginsterbüschen

zu den Ruinen.Dann läuft derWeg weiter,

vorbei an einem kleinen Leuchtturm und verliert

sich in der Ebene. Bereits am Fuß dieses Leuchtturms

wuchern derbe, dickblättrige Pflanzen mit

violetten, gelben und roten Blüten sich hinab zu

den Felsklippen, an denen das Meer mit Kussgeräuschen

schlürft und saugt. Aufrecht in dem

leichten Wind, unter der Sonne, die uns nur eine

Gesichtshälfte erhitzt, sehen wir das Licht vom

Himmel herabströmen auf die glatte Spiegelfläche

desMeeres, das uns mit seinen schimmernden Zähnen

anlächelt. Zum letzten Mal, ehe wir das Reich

der Ruinen betreten, sind wir Zuschauer.

Denn schon nach wenigen Schritten überwältigt

uns der Duft der Wermutbüsche. Ihre graue

Wolle bedeckt die Ruinen, so weit das Auge reicht.

Ihr Saft gärt in der Hitze und verbreitet über das

ganze Land einen Duftäther, der zur Sonne steigt

und den Himmel schwanken macht. Wir gehen der

Liebe und der Lust entgegen. Wir suchen weder

Belehrung noch die bittere Weisheit der Größe.

Sonne, Küsse und erregende Düfte – alles Übrige

kommt uns nichtssagend vor. Ich möchte hier nicht

allein sein. Oft bin ich hierhergekommen mit denen,

die ich liebte, und habe auf ihren Gesichtern

das leuchtende Lächeln der Liebe gelesen. Hier

überlasse ich andern, an Maß und Ordnung zu

denken, und gehöre ganz der ausschweifenden Ungebundenheit

der Natur und des Meeres. Auf dieser

Hochzeit der Ruinen und des Frühlings sind die

Ruinen wieder Steine geworden, haben die ihnen

von Menschen aufgezwungene Glätte verloren und

sind wieder eingegangen in die Natur. Und die

Natur hat verschwenderisch Blumen gestreut, die

Rückkehr dieser verlorenen Kinder zu feiern. Zwischen

den Fliesen des Forums erheben Heliotrope

ihre weißen, runden Köpfe, und über die Trümmer

– einst Häuser,Tempel und öffentliche Plätze –

strömt das Blut der roten Geranien. Wie viel Wissen

die Menschen wieder zu Gott zurückführt, so

haben viele Jahre diese Ruinen ins Haus ihrerMutter

zurückgebracht. Heute gibt ihre Vergangenheit

sie endlich frei; und nichts entzieht sie länger jener

ewigen Kraft, die sie, wie alle fallenden Dinge, in

sich zurücknimmt.

Wie viele Stunden habe ich damit verbracht,

den Wermut zu zertreten, die Ruinen zu streicheln

und das aufreizende Gemisch aus schwirrenden

Stimmen und Düften tief in mich einzuatmen! Begraben

unter den Gerüchen der wilden Kräuter

und dem einschläfernden Geschrill der Insekten

hebe ich Herz und Augen gegen die unerträgliche

Größe des gluterfüllten Himmels. Es ist nicht leicht,

der zu werden, der man ist, und die eigene Tiefe

auszuloten. Beim Anblick aber der überdauernden

Chenouaberge füllte mein Herz sich mit seltsam

beruhigender Gewissheit. Ich lernte atmen, ich

ordnete mich ein und erfüllte das eigne Maß.

Ich kletterte auf verschiedene Hügel, und jeder

hielt eine Belohnung für mich bereit: hier den Tempel,

dessen Säulen die Bahn der Sonne messen und

von dem aus man das ganze Dorf, seine weißen

und rosigen Mauern und seine grünen Lauben

überblickt, dort die Basilika auf dem Osthügel, um

deren gerettete Mauern, ausgegraben in weitem

Kreis, lauter Sarkophage stehen, größtenteils eben

erst aus der Erde geholt und halb ihr noch zugehörend.

Einst bargen sie Leichen; jetzt wachsen Salbei

und Goldlack in ihnen. Sainte-Salsa ist eine christliche

Basilika; blickt man aber durch irgendeine

Öffnung ins Freie, so dringt alsbald das Lied der

Welt herein: die Hügel mit ihren Zypressen und

Kiefern, oder das Meer, das seine weißen Hunde

kaum zwanzig Meter von hier den Strand hinaufhetzt.

Der Hügel, auf dem Sainte-Salsa steht, ist

oben flach, sodass der Wind kräftiger durch ihre

Säulengänge weht. Unter der Morgensonne wiegt

sich ein großes Glück im Raume.

Wie arm sind Menschen, die Mythen brauchen.

Hier trifft man die Götter wie Ruhepunkte im Lauf

der Tage. Ich sage: »Dies Ding ist rot und jenes

blau und jenes grün. Hier ist das Meer und dort

das Gebirge, und dort sind Blumen.« Wozu brauche

ich von Dionysos zu reden, um zu sagen, wie

gern ich die Mastixkügelchen unter meiner Nase

zerdrücke. Ist jener alte Hymnus wirklich der Demeter

geweiht, an den ich dereinst ohne Bedauern

denken werde: »Glücklich der Sterbliche auf Erden,

der diese Dinge sah.« Sehen! Auf dieser Erde

sehen! – Wie könnte man diese Lehre vergessen?

Bei den Eleusinischen Mysterien genügte es, nach

innen zu schauen. Ich aber weiß hier und jetzt,

dass ich nie nahe genug an die Dinge der Welt

herankommen werde. Nackt muss ich sein und

muss dann, mit allen Gerüchen der Erde behaftet,

ins Meer tauchen, mich reinigen in seinen Salzwassern

und auf meiner Haut die Umarmung von

Meer und Erde empfinden, nach der beide so lange

schon verlangen. Und dann der Schock im Wasser,

das Steigen der dunkelkalten klebrigen Flut;

das Untertauchen und das Sausen in den Ohren,

die strömende Nase und der bittere Mund; das

Schwimmen, die wasserglitzernden Arme, die sich

auftauchend in der Sonne bräunen und mit einer

Drehung aller Muskeln wieder eintauchen ins

Meer; das über meinen Leib hinströmende Wasser;

der schäumende Tumult, den meine Füße entfesseln

– und der verschwundene Horizont. Zurückgekehrt

an den Strand, werfe ich mich in den Sand,

gebe mich der Erde hin, fühle aufs Neue das Gewicht

meines Fleisches und meiner Knochen und

wage, betäubt von der Sonne, in langen Pausen

einen Blick nach meinen Armen, wo aus der tröpfelnden

Nässe trockne Hautstellen auftauchen mit

Salzstaub und blondem Haarflaum.

Hier begreife ich den höchsten Ruhm der Erde:

das Recht zu unermesslicher Liebe. Es gibt nur

diese eine, einzige Liebe in der Welt. Wer einen

Frauenleib umarmt, presst auch ein Stück jener

unbegreiflichen Freude an sich, die vom Himmel

aufsMeer niederströmt.Wenn ich mich jetzt gleich

in die Wermutbüsche werfe und ihr Duft meinen

Körper durchdringt, so werde ich bewusst und

gegen alle Vorurteile eine Wahrheit bekennen: die

Wahrheit der Sonne, die auch die Wahrheit meines

Todes sein wird. Spiele ich nicht und verspiele hier

mein Leben – ein Leben, das nach heißen Kieseln

schmeckt und sich betäubt an dem girrenden Branden

des Meeres und dem Geschrill der Grillen, die

jetzt zu singen beginnen. Die Brise ist frisch, der

Himmel ist blau. Ich liebe dieses Leben von ganzem

Herzen und will frei von ihm reden: Ich danke

ihm den Stolz, ein Mensch zu sein. Und doch hat

man mich oft genug gefragt, worauf ich denn so

stolz sei. Worauf? Auf diese Sonne und dieses

Meer, auf mein von Jugend überströmendes Herz,

auf meinen salzigen Leib und diese unermessliche

Pracht aus Glanz und Glück, aus Gelb und Blau.

Ich muss all meine Kräfte aufbieten, um dieser

Fülle standzuhalten. Alles hier lässt mich gelten,

wie ich bin; ich gebe nichts von mir auf und brauche

keine Maske: Es genügt mir, dass ich, geduldig

wie eine schwierige Wissenschaft, die so viel wichtiger

ist als all die Lebenskunst der andern, lerne:

zu leben.

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