Ich bedaure, daß wir uns nicht kennen von Italo Calvino, 2007, Hanser

Italo Calvino

Ich bedaure, daß wir uns nicht kennen
(Leseprobe aus: Ich bedaure, dass wir uns nicht kennen Briefe 1941-85, 2007, Hanser, hrsg. von Franziska Meier - Übertragung Barbara Kleiner)
               
Lieber Carlo,
ich muß Dir immer noch auf Deinen Brief und zu Deinem Projekt
antworten.
Mein erster, spontaner Einwand ist, daß die italienischen
Schriftsteller ihre Gedanken heutzutage ohnehin schon reich licher
denn je, und in einigen Fällen – wie Pasolini – in geradezu
überbordendem Ausmaß in Zeitungen kundtun. Man sieht, daß Du die Tageszeitung, an der Du
doch selbst mitarbeitest, nicht liest, wo sich [ständig] Pasolini,
Moravia, die Ginzburg, Parise, meine Wenigkeit (seltener)
verbreiten, ebenso wie in der Stampa Sciascia, Soldati, Siciliano, Arpino. Alle
sagen ständig ihre Meinung über Politik, Sitten, Moral, Ideen usw.
Und jede Woche taucht in Il Mondo ein Großteil der Namen auf, die
Du auf Deiner Liste nennst, ein jeder frei nach Laune, wenn auch innerhalb
der jeweiligen Rubrik. Man gewinnt den Eindruck – der Mann auf
der Straße gewinnt, glaube ich, den Eindruck –, daß diese
Schriftsteller zu viel reden und das, was sie wirklich zu sagen haben, entwerten.
Aber in Deinem Vorschlag gibt es auf den Seiten 5 ff einen Punkt,
der das Projekt charakterisiert und meinen Einwand in gewissem
Maß entkräftet. Nämlich Deine Polemik gegen die Aktualität, die
vom Wesentlichen ablenkt und es in der Masse von Nachrichten ertränkt.
Also wäre die Wochenschrift, die Du vorschlägst (aber warum
Wochenschrift? würde eine Monatsschrift nicht reichen?), ein Mittel
der politischen Stellungnahme, das über die Aktualität hinausweist, um
von den großen historischen Entscheidungen zu handeln, den
grundsätzlichen Problemen, den Ideen, die immer stillschweigend
mitgedacht, aber nie erörtert werden. Während die Zeitungen den Schriftsteller
drängen, zur Aktualität Stellung zu beziehen (so daß mir, sobald ich
etwas nicht unmittelbar Aktuelles schreibe, dies im Corriere fehl am
Platze erscheint), wäre die Zeitschrift, die Du vorschlägst, der Ort, um über
Probleme und Ideen nachzudenken, die nicht an die aktuelle Lage
dieser Woche oder dieses Monats gebunden sind, sondern unsere
historische Epoche betreffen. Dein eigener programmatischer Text
setzt Begriffe wie beispielsweise Revolution als selbstverständlich
voraus: Es wäre interessant zu hören, was für jeden von uns »…«
wirklich bedeutet. Ein Forum für diese Art von Überlegungen gibt es in
diesem Sinne nicht, und Dein Projekt hätte Sinn.
An diesem Punkt wird die Auswahl der Namen entscheidend. Deine
Liste ist zu breit und zu heterogen, um eine Richtung erkennen zu
lassen. Und Du selbst widersprichst Dir in dem, was Du vorher
sagtest, wenn Du Journalisten mit aufnimmst. Ich sage nicht, daß Du schlecht daran
tust, auch wenn Du etwas wahllos Namen darauf setzt, aber das
bedeutet dann doch, daß die Unterscheidung zwischen Schriftstellern
und Journalisten für sich gesehen gar nichts unterscheidet: Man kann
nicht a priori sagen, ein Schriftsteller sei, bloß weil er Schriftsteller
ist, fähiger, mit Ideen umzugehen und das Wesentliche zu erkennen,
als ein Journalist, wenn es ein guter Journalist ist.
Eine Wochenzeitung oder Zeitschrift wie diese muß von einer Person
oder einer homogenen Gruppe geleitet werden, die dann eine Liste
von Mitarbeitern erstellen, die kann so breit sein, wie Du willst, aber
wenn da nicht jemand ist, der das Ganze in der Hand behält, ist [der
Erfolg] vom Organisatorischen wie vom Kulturellen her [undenkbar].
Homogene Gruppen gibt es keine, aber da bist Du, und da ist
Cancogni, Ihr seid vertraute alte Freunde, und außerdem hat
Cancogni solide journalistische Erfahrung.
Wenn es Euch beiden gemeinsam gelingt, eine Wochen- oder
Monatszeitschrift ins Leben zu rufen, werden alle anderen Euch
folgen, einschließlich eines Skeptikers und Bedenkenkrämers wie
Dein alter Freund
Italo

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