Die unsichtbaren Städte von Italo Calvino, 1977, Hanser

Italo Calvino

Die Städte und der Wunsch
(Leseprobe aus: Die unsichtbaren Städte, Roman, 1977, Hanser - Übertragung Burkhart Kroeber)

Despina erreicht man auf zweierlei Weise: per Schiff oder per Kamel.
Die Stadt präsentiert sich unterschiedlich, je nachdem, ob man vom
Land oder vom
Meer zu ihr kommt.
Der Kamelreiter, der am Horizont der Hochebene die Spitzen der
Wolkenkratzer, die Radarantennen, die flatternden weißroten
Windsäcke und die
rauchenden Schlote auftauchen sieht, denkt an ein Schiff, er weiß,
daß es eine Stadt ist, aber er denkt sie sich wie ein großes
Wasserfahrzeug, das ihn
aus der Wüste fortbringt, ein Segelschiff, das gleich ablegen wird,
während der Wind bereits die noch nicht losgebundenen Segel bläht,
oder ein
Dampfschiff mit vibrierendem Kessel im eisernen Rumpf, und er
denkt an all die Häfen, an die Waren aus Übersee, die von den
Kränen auf den Docks
entladen werden, an die Tavernen, in denen Crews aus verschiedenen
Ländern einander Flaschen auf den Schädeln zerbrechen, an die
erleuchteten Fenster
im Erdgeschoß, jedes mit einer Frau darin, die sich kämmt.
Im Dunst der Küste unterscheidet der Seemann die Form eines
Kamelhöckers, eines mit glitzernden Fransen verzierten Sattels
zwischen zwei gefleckten
Buckeln, die schwankend näher kommen, er weiß, daß es eine Stadt
ist, aber er denkt sie sich wie ein Kamel, von dessen Tragsattel
Schläuche und
Doppelsäcke mit kandierten Früchten, Dattelwein, Tabakblättern
hängen, und er sieht sich schon an der Spitze einer langen Karawane,
die ihn aus der
Meereswüste fortbringt zu Süßwasseroasen im gestreiften Schatten
der Palmen, zu Palästen mit dicken Kalkmauern und gekachelten
Höfen, in denen
Tänzerinnen barfuß tanzen und die Arme mal unter, mal über dem
Schleier bewegen.

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