Maya mein Mädchen von Gyde Callesen, 2003, Wiesenburg

Gyde Callesen

Maya mein Mädchen
(Leseprobe aus: Maya mein Mädchen, Roman, 2003, Wiesenburg-Verlag).

Ich frage die Leute: Was ist ein Tag? Eine Zahl auf dem Kalender. Ein Schritt zwischen Geburt und Tod. Ein Stilleben, das in Erinnerung erstarrt. Das Nebeneinander von Flüchtigkeit und Festhaltenwollen. Ich habe sie alle gefragt, was ist ein Tag? Das Prinzip Hoffnung. So viele, die gescheitert sind hinter dir, und noch so viele vor dir, die gelingen können. Ein Blatt im Herbstlaub. 24 Stunden lang. Ein Zeiger, der sich im Kreis dreht. Der Tag, an dem alles anders wurde. Die Chance, es anders zu machen. Der Tag, der war wie kein anderer. Ein schwarzes Loch, untergegangen in der Vielzahl vergessener Stunden. Der Tag, an dem sie etwas verlor. Ein Tag, mit dem niemand gerechnet hatte. Der nie wiederkommen würde. Ein Entscheidung. Zu lieben oder zu hassen. Der Rosenkranz, der durch die Finger gleitet. Vielleicht zu verzeihen. Dieselben Worte. Guten Morgen. Guten Abend. Gute Nacht. Ein Tag. Eine unendliche Variation des immergleichen Themas. Leben. Und an einem Tag der Tod. Gehen, kommen, bleiben. Ein Feiertag. Zeit, die wertvoll war. Zeit wie eine Kristallkugel. In ihren Händen liegt der Tag. Am Anfang war ein Tag. Begegnung. Diesen Tag wird sie vergessen. Auswahl. Der schönste Tag wird überleben, und am Ende sind sie alle noch einmal da. Die scheinbar belanglosen, die dramatischen, die fröhlichen und die verlassenen Tage. Tage haben Sehnsucht, gefüllt zu werden. Vom Leben. Leere Tage im Wortregal. Sich den Tag nehmen. Zugreifen. Tage genießen, in die Länge ziehen. Stunden schnellen zusammen wie ein losgelassenes Gummi. Die verlorene Unschuld. Tage werden Gräber, wenn wir vergessen wollen. Tagträume und Tage auf der Flucht. Wenn er damals gesagt hättest, daß... Tage tragen Konjunktiv, verloren, verpaßte Chancen, aufgereiht, sorgfältig nebeneinander. Alles nebeneinander. Das Lächeln, ein Spiegelbild, Berührung, ein Stück Zeitung auf dem Boden, Tabakgeruch, Hoffnung, die trommelnden Finger auf der Tischkante. Dieses Mal, an diesem Tag, Gedanken, die zu Taten und bereut werden, spontane Tage, sie sah ihn an und vergaß, glaubte nicht, nur ein Tag, der sich ewig wiederholen wird. Ein Tag, der sich dreht, der aus der Tiefe steigt, versinkt und zurückkommt, ein Tag als Gedächtnis, bleibe, du Tag, wo du gewesen bist und sage, daß es nicht wahr ist. Was ist ein Tag?

Vierundzwanzig Stunden in meinem Leben. In deinem Leben. Und dazwischen liegt die Mauer der Zeit.

Rezension I Buchbestellung IV03 LYRIKwelt © G.C./Wiesenburg-Verlag