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Der blaue Cinquecento
(Leseprobe
aus: Der blaue
Cinquecento, Geschichte meiner Familie im Schatten des Terrorismus, 2008,
SchirmerGraf -
Übertragung Michaela Wunderle).
Im Frühjahr 1972 war ich gerade zwei Jahre
alt. Normalerweise sind die Erinnerungen an dieses Alter ausgelöscht. Lebendig
bleiben wahrscheinlich nur die intensiven Gefühle, wie man sie bei einer
Karussellfahrt, vor Fischen im Aquarium, bei einer bestimmten Geste empfunden
hat, wenn man geschimpft wurde oder sich besonders gefreut hat.
Ich habe zwei Erinnerungen an die damalige Zeit: an den 14. Mai, einen
Sonntag, und diese Erinnerung ist unscharf. Sie besteht aus einem starken,
schönen Gefühl, und es ist das einzig Fassbare, Reale, das ich von meinem Vater
habe. Und ich erinnere mich an einen Mittwochmorgen, den 17. Mai, an dem er
getötet wurde. Diese Erinnerung ist klar, detailliert und genau.
Als Kind packte ich sie weg, tat sie gleichsam in eine Schachtel, um sie auf
diese Weise die Zeit meines Heranwachsens überdauern zu lassen. In meinen
Gedanken schuf ich einen besonderen Raum dafür, um sie unversehrt bewahren zu
können. Ich behielt sie lange ganz für mich allein und holte sie nur nachts
heraus, im Dunkeln vor dem Einschlafen, mit großer Behutsamkeit, um sie nicht zu
beschädigen. Später erzählte ich meiner Mutter davon, aber da war ich schon auf
dem Gymnasium, und erst während der Prozesse sprach ich offen über die
Erinnerung an den Tag, an dem mein Vater starb. Bis ich bemerkte, dass sie durch
das wiederholte Erzählen zerfiel wie ein Film, den man zu oft angesehen hat: Das
Bild verschleißt, die Einzelbilder gehen verloren. Also schuf ich Abhilfe und
tat sie ins Archiv zurück, bestrebt, sie dadurch zu retten. Aber es war wohl zu
spät dafür, und heute hat sie einen Teil jener überwältigenden Kraft verloren,
die sie über zwanzig Jahre lang für mich besaß.Die andere dagegen hält stand.
Sie erinnert mich daran, dass ich sein Sohn bin.
Die Schüsse trafen meinen Vater am Morgen, um 9.15 Uhr, als er die Wagentür
des blauen Cinquecento meiner Mutter aufschloss. Papa hatte gerade das Haus
verlassen, nach einigem Hin und Her, das ihn mehrmals hat umkehren lassen. Beim
ersten Mal hatte er sein Haar
in Ordnung gebracht, beim zweiten Mal die Krawatte gewechselt. Die rosa
Krawatte, mit der er zuerst weggegangen war, legte er ab und band stattdessen
eine weiße um. Mama, die ihm kopfschüttelnd zusah und sich über ihn lustig
machte, entgegnete er: »Die hier ist mir lieber, denn
weiß ist die Farbe der Klarheit.« Sie schloss die Tür hinter ihm, ohne diesen
Worten Bedeutung beizumessen, denn sie wartete auf eine Frau, die eigentlich
schon hätte da sein müssen. Mama kannte sie noch nicht, aber sie sollte ihr von
diesem Tag an zweimal die Woche im Haushalt
zur Hand gehen, bei zwei Kindern und einem dritten, das bald kommen würde, war
Mama die Arbeit zu viel geworden. Die Frau traf verspätet ein. Sie war außer
Atem: »Signora, tut mir leid, aber unten auf der Straße ist der Teufel los: Ein
Kommissar ist angeschossen worden.«
In dem Buch, das meine Mutter 1990 veröffentlicht hat, schilderte sie diesen
Augenblick folgendermaßen: Wir wollten gerade in die Küche gehen. Paolo, noch im
Pyjama, war in seinem Laufställchen, Mario lief mit seinem Spielzeug durch die
Wohnung. Ich wurde blass, setzte mich
und spürte, wie der drei Monate alte Fötus in meinem Bauch bis zum Magen hoch
sprang. Die Frau holte rasch ein Glas Wasser: »Signora, ist Ihnen übel? Was
haben Sie?« »Ein Kommissar,
sagen Sie? Ein Kommissar ist angeschossen worden? Aber mein Mann ist doch
Kommissar.« »Jetzt rufe ich im Polizeipräsidium an, bei meinen Mann, damit ich
weiß, was los ist«, sagte ich, wählte und fragte nach Gigi. »Einen Moment bitte,
ich stelle durch«, sagte der Telefonist, und gleich darauf meldete sich jemand.
»Ist Doktor Calabresi da? Hier ist seine Frau«, sagte ich. Am anderen Ende der
Leitung ein kurzes Zögern, und dann: »Er ist noch nicht eingetroffen, Signora.
Keine Sorge, sobald er da ist, ruft er Sie zurück.« Sie wussten bereits, dass er
tot war. Ab diesem Moment war mein Telefon stumm, sie hatten es abstellen
lassen. Ein paar Mal versuchte ich noch, im Polizeipräsidium anzurufen, aber die
Leitung war tot.
Im Gegensatz zu den von düsteren Gedanken und Vorwarnungen erfüllten
vorangegangenen Wochen schien Mama nun nicht wirklich wahrhaben zu wollen, dass
es tatsächlich passiert war. Noch erfüllte sie eine irrationale Hoffnung.
Bis es klingelte. Sie ging zur Tür und öffnete. Vor ihr stand Signor Franco
Federico, ein mit Großvater befreundeter Schneider, der in der Nähe wohnte. Ein
Mann, der großen Mut bewies, als er aus echter Freundschaft eine der
undankbarsten Aufgaben übernahm, die das Leben bereithalten kann. »Signor
Federico, was gibt’s?«, fragte meine Mutter und rang sich ein Lächeln ab. Doch
er brachte kein Wort heraus. Unbeweglich stand er da, mit zusammengepressten
Lippen. Schlagartig brach das Gerüst der Hoffnung, das trotz allem immer noch
standgehalten hatte, in sich zusammen, und als wollte sie der Wahrheit
entkommen, stürzte sie mit einem Aufschrei in die Wohnung zurück.
Hier, bei diesem verzweifelten »Nein!«, setzt meine Erinnerung ein.
Ich hing an ihrem Rock, Signor Federico versuchte, etwas zu sagen, sie wirbelte
wie von Sinnen herum und ich mit ihr. In meiner Erinnerung drehen wir uns immer
weiter, endlos lang. Ein Bild, eingefroren, schwarz-weiß. Ich dachte, er wolle
ihr wehtun, und wusste nicht, wie ich sie beschützen sollte. Bis sie stehen
blieb. Er redete, sie weinte, ich umklammerte ihre Beine und fühlte mich
verloren.
Danach habe ich mich jahrelang vor Signor Federico gefürchtet. Sobald er in
meine Nähe kam, fing ich an zu weinen. Jedes Jahr zu Weihnachten brachte er mir
ein schönes Geschenk, aber ich ging ihm aus dem Weg und wollte es in den ersten
Jahren nicht einmal auspacken. Wenn Signor Federico zum Aufbruch bereit war,
erhob mein Großvater die Stimme, um mir zu signalisieren, dass es so weit war.
Dann bedankte ich mich und lugte dabei ein ganz klein wenig hinter der Tür
hervor. Er hatte immer noch einen Schnauzbart und sehr dichtes schneeweißes
Haar, als ich ihn zum letzten Mal sah. Das ist jetzt über zehn Jahre her. Damals
lag er in
einem Bett der San-Carlo-Klinik, in die auch mein Vater gebracht worden war, und
er lag im Sterben. Er erkannte mich sofort, als ich das Zimmer betrat, obwohl er
mich seit meiner Kinderzeit nicht mehr gesehen hatte, und seine Miene erhellte
sich. Wir sprachen ziemlich
lange miteinander. Schließlich strich ich ihm über sein Haar, es war sehr weich,
und er sagte: »Du hast mir das schönste Geschenk gemacht, das ich mir hätte
wünschen können.«
Es gibt Menschen, die führen eine Liste der im Leben verpassten Gelegenheiten.
Ich hingegen merke mir die Chancen, die ich genutzt habe, und dieser Nachmittag
rangiert auf der Liste ganz oben.
»Signor Federico« – so nannten wir ihn sein ganzes Leben lang – hatte damals
zu ihr gesagt: »Gemma, er ist angeschossen worden, er befindet sich in einem
kritischen Zustand, sie tun ihr Möglichstes.« Sie hatte mit weit aus holender
Armbewegung auf die Wohnung und die Dinge darin gedeutet und leise etwa
Folgendes gesagt: »Das alles hat keinen Sinn mehr.«
Kaum hatte Signor Federico die Tür hinter sich zugezogen, klingelte es
wieder. Diesmal war es der stellvertretende Polizeichef, der außer sich vor
Aufregung sinngemäß sagte: »Er ist an der Schulter verletzt worden. Wir haben
ihn ins Krankenhaus gebracht, und jetzt fahren wir Sie dorthin.« Und dann:
»Alles in Ordnung, Signora? Wie fühlen Sie sich?« »Ich bin
mit dem dritten Kind schwanger.« Er schlug sich mit der flachen Hand gegen die
Stirn, als wolle er sagen: »Mein Gott, auch das noch!«
Niemand von uns kehrte jemals in diese Wohnung zurück. Die Großeltern lösten
sie auf. Mama setzte nie wieder einen Fuß auf jenen Bürgersteig, an dem nichts
an die Tat erinnert. Sie hat sich geschworen, den Ort erst an dem Tag wieder
aufzusuchen, an dem die Stadt beschließt, dem Tod meines Vaters ein Andenken zu
widmen. Ich aber ging wieder hin, mehr oder weniger heimlich, jedenfalls
erzählte ich weder meiner Mutter noch meinen Geschwistern davon. Ich hatte
Schuldgefühle, denn um Alessandra, meine liebste Schulkameradin, zu Hause zu
besuchen, brach ich ein Tabu. Damals war ich schon auf dem Gymnasium. Ich
wusste, wo sie wohnte. Und als sie mich eines Tages fragte, ob ich sie nach
Hause begleiten wolle, bemühte ich mich nicht um eine Ausrede. Ich habe es ihr
zu verdanken, dass ich mich mit jenem Ort versöhnte. Jedes Mal betrachtete ich
alles ganz genau und stellte mir die Schritte meines Vaters auf diesem
Bürgersteig vor. Ich versuchte, das zu sehen, was er in der letzten Minute
seines Lebens gesehen hatte.
Am Abend zuvor hatten wir noch Versteck gespielt. Dieser Abend war ein
Geschenk des Schicksals, das ihm einen Tag mehr mit seiner Frau und seinen
Kindern gewährte. Ein Abendessen und ein paar Seiten mehr in dem Buch, das auf
seinem Nachttisch lag, Chruschtschows Erinnerungen, in dem er im Morgengrauen
las, noch vor dem Kaffee. Die Möglichkeit, eine weiße Krawatte auszusuchen. Der
Zufall war es, der sein Leben um genau vierundzwanzig Stunden verlängerte, und
in diesem Fall sah es aus, als sei der Zufall ein Parkplatz gewesen.
Mein Vater hatte nämlich keinen Garagenplatz, auf den er den Cinquecento
jeden Abend hätte stellen können, also parkte er das Auto fast immer auf der
Straße. Die zur Garage hinunterführende Rampe bot jedoch ausreichend Platz für
einen kleinen Wagen: Wer von den Hausbewohnern zuerst nach Hause kam, parkte
dort. Mein Vater, der stets der Letzte war, hatte also keine Chance, obwohl er
es immer wieder versuchte, vor allem, weil er sich dort sicherer gefühlt hätte.
Dass er am 15. Mai ein einziges Mal früher nach Hause kam, es schaffte, den
Platz auf der Rampe zu erobern, und am nächsten Morgen auch noch spät aus dem
Haus ging; dieser Umstand schenkte uns noch einen Abend mit gemeinsamen Spielen.
Herausgefunden haben wir das während des ersten Prozesses. Wie Leonardo
Marino [der als Kronzeuge gegen den Angeklagten Adriano Sofri und andere
aussagte, A. d. Ü.] berichtete, war der Mord eigentlich für den 16. Mai geplant.
Sie bezogen zwar frühzeitig Posten vor dem Haus, fanden den blauen Cinquecento
aber selbst nach ein paar Kontrollrunden nicht. So warteten sie über die
festgesetzte Stunde hinaus, glaubten dann jedoch, es sei zu spät,
und mein Vater habe das Haus wohl schon am frühen Morgen verlassen. Deshalb
beschlos sen sie, es am nächsten Tag wieder zu versuchen.
Dieses Detail schien nicht überprüfbar zu sein. Bis zum Tag, an dem meine
Mutter vor Gericht befragt wurde. Im Verlauf ihrer Aussage erzählte sie, wie sie
einige Monate vor dem Mord begonnen hatte, ein Tagebuch über die tatsächliche
Arbeitszeit meines Vaters zu führen. Sie benutzte dazu einen kleinen Kalender,
ein Geschenk des holländischen Tourismusverbands, auf dessen Deckel »Holland
’72« stand. Halb im Spaß, halb im Ernst hatte sie dieses Tagebuch begonnen, denn
sie war der Meinung, meinem Vater würden nicht alle Überstunden erstattet.
Daher notierte sie, wann er morgens das Haus verließ und wann er wieder heimkam
– oft mitten in der Nacht. Man bat sie, diese Notizen vor Gericht zu verlesen.
Ihr wurde alles klar, als sie zum 15. Mai kam. Da stand: »Gigi kommt heute
früher zurück.« Das bedeutete, er hatte den Stellplatz auf der Rampe erobert,
das Auto stand im Innenhof und war von der Straße aus nicht zu sehen. Dann, am
16. Mai, der Vermerk: »Gigi geht um 9.30 Uhr.« Auf derselben Seite unten noch
zwei weitere Zeilen: »Gigi kommt mit Schokolädchen und Karamellbonbons zurück,
wir
spielen mit Mario Verstecken.«
Am 17. Mai ein einziger Satz, an diesem Morgen war er pünktlicher: »Gigi geht um
9.10 Uhr.«
Die Erinnerung an den letzten Sonntagmorgen, den wir gemeinsam verbracht
haben, habe ich mit Hilfe des holländischen Kalenders rekonstruiert. Dort steht:
»14. Mai. Gigi geht mit Mario zur Parade der Gebirgsjäger. Er kommt mit Kuchen,
Eis und Rosen zurück.« Meine Mutter hat aus diesem Strauß noch eine vertrocknete
Rose, deren Farbe, ein mit roten Einsprengseln durchsetztes Rosa, immer noch zu
ahnen ist. Sie bewahrt sie in einer großen Kassette zusammen mit den vielen
tausend Briefen auf, die sie im Lauf der Jahre erhalten hat.
Auf das Datum sind wir gemeinsam gekommen, nachdem das Tagebuch wieder
aufgetaucht war.
Ich sah damals auf eine dichte Menschenmenge, einer Piazza und einer
Blaskapelle. Ich saß auf seinen Schultern und war über das Gedränge und den Lärm
ein wenig erschrocken, zugleich aber unglaublich angezogen von der großen
vergoldeten Öffnung einer Posaune. Er fragte mich, ob ich sie anfassen wolle,
aber ich war zu schüchtern, außerdem tat es sonst niemand, die Leute standen
alle am Straßenrand und sahen der Parade zu. Niemand übertrat die unsichtbare
Grenzlinie. Er dagegen kletterte über etwas hinü ber, stieg über das
Absperrgitter. Ich klammerte mich an seine Haare, er drückte meine Beine an
sich, ich fürchtete mich, spürte,
dass wir etwas Verbotenes taten, aber er flößte mir Vertrauen ein. Wir traten zu
der Blaskapelle, er wechselte mit irgendjemandem ein paar Worte und fragte
etwas, dann
beugte er sich über die Posaune, und ich durfte sie anfassen, nur für einen
Augenblick. Wir gingen an den Straßenrand zurück, ich war glücklich und fühlte
mich groß und stark und stolz, weil ich auf seinen Schultern saß, und glaubte,
wir hätten etwas sehr Mutiges gemacht. Ich fürchtete mich nicht mehr vor der
Menge, die ganze Welt war in ein sonnenhelles und warmes Licht getaucht. Es war
ein sehr intensives Gefühl, ich spüre es heute noch, lebendig und klar. Ein
erfüllen des Gefühl.
Ich habe oft daran gedacht, in der Schule, im Gedränge am Ausgang des
Stadions, im Parlamentsgebäude Montecitorio, während der aufwühlenden Tage von
Prodis Sturz oder von Ciampis Wahl, als vor dem Sitz des NBC im Rockefeller
Center in New York die Leute davonrannten, weil man einen Briefumschlag mit
Anthraxsporen gefunden hatte, oder als wir
beschlossen, welche Korrespondenten am 11. März 2004 kurz nach den
Bombenanschlägen auf die Züge nach Madrid entsandt werden sollten, und auch in
der Nacht, als wir die Sonderausgabe zum Beginn des Irakkriegs herstellten.
Ich habe dieses warme Gefühl gespürt und an ihn gedacht. Das ist das, was er mir
vermacht hat: Gelassenheit inmitten von Unordnung, eine Art Frieden, der mich
erfüllt, wenn sich alles um mich herum beschleunigt, und je schneller alles
wird, desto eher kommen in mir die Dinge
zum Stillstand, werden klarer und scheinen einfach zu sein.
Es war zwar nur eine Blaskapelle der Gebirgsjäger, aber ich habe sie seit
über fünfunddreißig Jahren in mir.
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