Das Königsmal
(Leseprobe aus: Das Königsmal, Roman, 2008,
Fredebold und Fischer).
Atemlos hatte das Mädchen hinter ihrem
duftenden Blättervorhang den Worten ihrer Mutter gelauscht. Wiebkes Gedanken
wanderten zurück zu einer seltsamen Begegnung, die sie im vergangenen Sommer
gehabt hatte, als sie hinten auf dem Feld bei der Ernte half. Zur Mittagszeit
hatte sie sich zwischen den Brombeeren ausgeruht und dort von den Beeren
genascht.
Plötzlich hörte sie es hinter sich im dichten Gebüsch rascheln und eine fremde
Frau stand vor ihr. Die dunklen Augen und das lange schwarze Haar zeigten
Wiebke, dass die Fremde dem umherziehenden Zigeunervolk angehören musste.
„Wem gehört dieses Land?“, fragte die Frau.
„Dem Bauern Henneke Kruse.“
„Und wer bist du?“
„Seine jüngste Tochter.“
„Dann habe ich dich vielleicht früher schon einmal gesehen“, sagte die
Zigeunerin lächelnd. „Du wirst dich nicht erinnern, aber ich habe dich nicht
vergessen. Ein hübsches Mädchen bist du geworden, schlank und mit hohen Wangen
und klugen Augen. Obwohl du nicht mehr das Mal auf deiner Stirn trägst wie
damals. Das haben sie dir wohl bei der Taufe gründlich abgewaschen, bist ja
jetzt ein gutes Christenkind. Gib mir deine Hand, damit ich sehen kann, ob ich
damals richtig gelesen habe.“ ...
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