Naked Lunch von William S. Burrouhgs, 2009, Nagel&Kimche

William S. Burroughs

Naked Lunch
(Leseprobe aus: Naked Lunch, 1959/2009, Nagel&Kimche, hrsg. von James Grauerholz und Barry Miles - Übertragung Michael Kellner).

Hauptsache, man wartet lange genug, dachte sie, wenn man

nur lange genug wartet, passiert etwas. Russell saß an einem

Tisch in der Bar und sah aus dem Fenster. Es war zehn vor

acht, und es war bestimmt das erste Mal, dass er pünktlich

zu einer Verabredung mit ihr kam. Als sie noch zusammen

waren, kam er immer zu spät, oft eine Stunde oder zwei,

immer mit einer Erklärung oder einem schiefen Lächeln. Er

kam zu spät oder tauchte überhaupt nicht auf.

Er hatte sie noch nicht bemerkt, saß mit dem Rücken zu

ihr, und als er sich zur Straße drehte, sah sie sein Gesicht

im Profil. Einen Moment lang war sie nicht sicher gewesen,

ob er es wirklich war. Seine Haare waren grau geworden,

damit hatte sie nicht gerechnet. Sie hatte so viel an ihn gedacht,

aber sie hatte nie damit gerechnet, dass er graue

Haare bekommen würde. Er trug auch eine Brille, eine

Hornbrille, die ihm gut stand. Sie erkannte ihn an seiner

Haltung, an der Art, wie er mit einer Zigarette in der Hand

dasaß. Er kehrte ihr den Rücken zu, aber ihm gehörte der

ganze Raum.

Sie ging durch die Lobby zur Damentoilette. Sie musste

sich eine Minute oder zwei sammeln, bevor sie sich ihm

näherte. Auf diese Situation war sie nicht vorbereitet gewesen.

Sie war die ganze Zeit davon ausgegangen, dass sie

auf ihn warten müsste, dass sie noch ein paar Minuten zum

Nachdenken hätte.

Vor dem Spiegel begann sie zu zittern. Sie hielt sich die

Hände vors Gesicht, als würde sie ihren eigenen Anblick

nicht ertragen.Vor langer Zeit hatte etwas in ihr begonnen,

ein Ziehen, das sie jetzt nicht mehr kontrollieren konnte.

Eine gutgekleidete Frau mit orientalischen Gesichtszügen

kam in die Toilette, blieb vor dem Spiegel stehen und berührte

sie an der Schulter.

Alles in Ordnung?, fragte die Frau.

Sie nickte.

Ganz sicher?

Sie wischte etwas Schminke weg und schloss die Augen,

bevor sie die Tür öffnete. Dann ging sie nach draußen, unbewusst

nahm sie Geräusche wahr, sie hörte eine Tasse, die

auf einen Tisch gestellt wurde, ihre eigenen Schritte auf

dem gefliesten Boden. Sie spürte das Gewicht jedes einzelnen

Schrittes. Sie versuchte, den Kopf auszuschalten, nicht

zu denken, nicht zu überlegen, einfach nur zu gehen, weiterzugehen.

Sie ging, ohne einen Blick auf Russ zu werfen, vorbei an seinem

Tisch, an dem er mit dem Rücken zu ihr saß, vorbei

an der Rezeption, zur Tür.Wieder auf der Straße ging ihr

Atem schneller, und sie eilte den Bürgersteig entlang. Überrumpelt

von ihrem eigenen Verhalten, dachte sie: So war es

nicht geplant, das war nicht das, was ich wollte.

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