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Naked Lunch
Hauptsache, man wartet lange genug, dachte sie, wenn man
nur lange genug wartet, passiert etwas. Russell saß an einem
Tisch in der Bar und sah aus dem Fenster. Es war zehn vor
acht, und es war bestimmt das erste Mal, dass er pünktlich
zu einer Verabredung mit ihr kam. Als sie noch zusammen
waren, kam er immer zu spät, oft eine Stunde oder zwei,
immer mit einer Erklärung oder einem schiefen Lächeln. Er
kam zu spät oder tauchte überhaupt nicht auf.
Er hatte sie noch nicht bemerkt, saß mit dem Rücken zu
ihr, und als er sich zur Straße drehte, sah sie sein Gesicht
im Profil. Einen Moment lang war sie nicht sicher gewesen,
ob er es wirklich war. Seine Haare waren grau geworden,
damit hatte sie nicht gerechnet. Sie hatte so viel an ihn gedacht,
aber sie hatte nie damit gerechnet, dass er graue
Haare bekommen würde. Er trug auch eine Brille, eine
Hornbrille, die ihm gut stand. Sie erkannte ihn an seiner
Haltung, an der Art, wie er mit einer Zigarette in der Hand
dasaß. Er kehrte ihr den Rücken zu, aber ihm gehörte der
ganze Raum.
Sie ging durch die Lobby zur Damentoilette. Sie musste
sich eine Minute oder zwei sammeln, bevor sie sich ihm
näherte. Auf diese Situation war sie nicht vorbereitet gewesen.
Sie war die ganze Zeit davon ausgegangen, dass sie
auf ihn warten müsste, dass sie noch ein paar Minuten zum
Nachdenken hätte.
Vor dem Spiegel begann sie zu zittern. Sie hielt sich die
Hände vors Gesicht, als würde sie ihren eigenen Anblick
nicht ertragen.Vor langer Zeit hatte etwas in ihr begonnen,
ein Ziehen, das sie jetzt nicht mehr kontrollieren konnte.
Eine gutgekleidete Frau mit orientalischen Gesichtszügen
kam in die Toilette, blieb vor dem Spiegel stehen und berührte
sie an der Schulter.
Alles in Ordnung?, fragte die Frau.
Sie nickte.
Ganz sicher?
Sie wischte etwas Schminke weg und schloss die Augen,
bevor sie die Tür öffnete. Dann ging sie nach draußen, unbewusst
nahm sie Geräusche wahr, sie hörte eine Tasse, die
auf einen Tisch gestellt wurde, ihre eigenen Schritte auf
dem gefliesten Boden. Sie spürte das Gewicht jedes einzelnen
Schrittes. Sie versuchte, den Kopf auszuschalten, nicht
zu denken, nicht zu überlegen, einfach nur zu gehen, weiterzugehen.
Sie ging, ohne einen Blick auf Russ zu werfen, vorbei an seinem
Tisch, an dem er mit dem Rücken zu ihr saß, vorbei
an der Rezeption, zur Tür.Wieder auf der Straße ging ihr
Atem schneller, und sie eilte den Bürgersteig entlang. Überrumpelt
von ihrem eigenen Verhalten, dachte sie: So war es
nicht geplant, das war nicht das, was ich wollte.
Rezension I Buchbestellung I home 0I10 LYRIKwelt © Nagel&Kimche