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aus: Pollok und die Attentäterin
Schöne Ines! Ryckoff, immer noch?
Größer geworden, oder war ich geschrumpft, nein, die Absätze, solche Schuhe
hatte ich an ihr nie gesehen, niemals einen Rock, so schmal und kurz. Immer in
bequemer Einheitskluft, früher, auch ungeschminkt, nur die Haare färbte sie
damals schon, rot und röter. Jetzt waren sie fast schwarz, glatt und streng
nach hinten gekämmt, eine Herrenfrisur, neu wie alles an ihr, dachte ich, aber
vielleicht schon da gewesen, nur unsichtbar, als ich sie zum letzten Mal sah. An
einem bitterkalten Tag. Ich erkannte sie nicht gleich, sie trug einen
Armeemantel und eine Mütze mit Ohrenklappen, die flatterten, während sie auf
mich zulief, noch im Laufen von ihrem Glück erzählte. Sie hatte das Stipendium
bekommen, nächste Woche ab nach Amerika. Wohin, an welche Universität, wußte
ich nicht mehr. Nun stand sie wenige Schritte vor mir. Sie kickte die Blechdose
an den Straßenrand. Sie breitete die Arme aus und rief lachend: Mensch,
Karenina! Helle Wollfädchen auf meinem Mantel, ein leichter Moschusgeruch. Ich
zupfte und schnupperte an den Beweisen, daß ich wach in der Wirklichkeit neben
Ines Ryckoff saß, die einen Milchkaffee trank und zwischen den Schlucken fünf
Jahre zusammenfaßte. Mir schwirrte der Kopf.
Ach, Providence, Ödnis außerhalb des Campus.
Aber Boston, ja, und die Neuenglandküste weiter rauf nach Kanada. Mit John aus
Saint John, New Brunswick, einmal quer durch, von Montreal bis Vancouver, Ende
der Beziehung. Beinah Heirat in Las Vegas, eine Magengrippe kam dazwischen,
einen Monat später Trennung von John, heiße Liebe, plötzlich vorbei, und
jeden Tag über die Brücke von Brooklyn nach Manhattan, Schwarzarbeit in Johns
Indianerschmuckladen. Die Dissertation? Klar, daß ich danach fragte! Russische
Reiseliteratur des achtzehnten Jahrhunderts, du lieber Himmel!
Ich behielt den Satz: Das war doch ein Projekt aus Zeiten, als einem vor
Klaustrophobie nichts Besseres einfiel. Mich wollte sie damit nicht kränken,
überhaupt: Wie sei es bei mir denn so gelaufen inzwischen?
Ich konnte mich kurz fassen.
Ines empört: Arbeitslos! Ausgerechnet du! Und wieder: Karenina!
Das Tolstoiseminar – eine längst verblaßte Episode, der Spitzname aber hatte
überlebt. Schon wollte ich von Bolli X erzählen. Doch Ines war bei den
Medienwissenschaften, Konstanz, dann Hamburg. Endlich das richtige Studium und
nebenher kleine Arbeiten für verschiedene Zeitungen, den Rundfunk. Ihr
Schreibtalent hätte sie nie entdeckt hier an der Uni, in der Wisssenschaft und
immer so weiter. Nein, Feature und Reportage! Ermutigungen da und dort, auch von
namhaften Journalisten. Ihre Namen sagten mir nichts.
Paß auf, eines Tages liest du etwas von mir in deiner Zeitung!
Ich schwieg und versuchte mich zu erinnern, bei welcher Gelegenheit wir mit dem
du angefangen hatten, auf einer Demonstration oder einer Versammlung im kleinen
Hörsaal, wo es nach Mensa roch und den Ausschüssen, die unentwegt dort tagten,
und sah durch die neuen Glasscheiben hinaus auf die getönte Straße. Ines
folgte meinem Blick, sie lenkte ihn nach rechts, genau, in dem Bürohaus
drüben, dritte Etage, aber zum Hof hin. Die Zeitung, ein Wochenblatt, war vor
kurzem erst gegründet worden und im Aufstieg begriffen, bald würde jeder sie
kennen, die Redaktion sich ausbreiten in großen Räumen an der Straßenfront
und Ines bald, auch in dieser Zuversicht bestärkt von berufener Seite, mit
festem Vertrag dort – jedoch fürs erste ein Vertrag als feste Freie
Rezension I Buchbestellung I home III03 LYRIKwelt © Klett-Cotta