Geheimbrief von Erika Burkart, 2009, Ammann

Erika Burkart

ABENDSTUBE
(Leseprobe aus:
Geheimbrief, Gedichte, 2009, Ammann).

Abendstube, es dämmert,
unter der Decke das Mobile, golden,
regt sich, dreht sich, hat Flügel,
funkelt und blitzt, fällt ins Dunkel, verhält.
Der Lebensfaden. Hier rollt er sich auf.
Du sinnst, ich sinne, wir spinnen
uns ein in Wortlosigkeit.
Das Mobile blinkt, wir sprechen, wir holen
Bild um Bild in die Winterstube,
jetzt kannst du reden, jetzt bist du frei
von Mutterquerelen,
jetzt bin ich frei von Vaterangst.
Die Rehe äugen ins Fenster,
schauen, wissen, wie Kinder,
nicht was sie sehn.
Ihre bebenden Körper, die Witterung warnt,
schwinden wie Wind, sind eins mit dem Wald,
der in den Raum wächst, der sich zurückholt
Menschen und Dinge.

Dreiäugig wacht das Haus unterm Schneehelm,
das Mobile schwebt in den Zweigen,
Zaubervogel und Irrstern,
hinterrücks unsrer Spiegelgesichter, –
an einem von Fernschein
verwobenen Fenster
tasten die Schatten der Vornacht.

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