Grundwasserstrom von Erika Burkart, 2001, Ammann

Erika Burkart

Tiefes Licht
(Leseprobe aus:
Grundwasserstrom, Essay, 2000, Ammann-Verlag)

In der Schrift wird das aus der Gedankenpuppe befreite Wort selbständig, der Falter setzt sich ab, hebt sich weg. Der Preis der Freiheit ist Ausgesetztheit. Beim Freischälen von Erinnerungen stoße ich in Dunkelkammern auf Negative, die zu entwickeln ich das schriftliche Wort benötige. Im Prozedere der Niederschrift präzisieren sich die Bilder. Falls Vergessen und Verschweigen natürliche, nicht durch Krankheit bewirkte Vorgänge sind, haben Vergessenes und Verschwiegenes ihre eigene Dichte und teil an der Fülle der Existenz.

Rosebud hieß der Kinderschlitten des Citizen Cane. Auf dem unsrigen stand Davos, ein magisches Wort, das eingelöst wurde. Als ich, 40 Jahre später, den Ort und seine Region kennen lernte, die Davoser Landschaft, war ich nicht enttäuscht. (Die Zauberwörter unserer Kindheit, verbindlich nur für den Gedenkenden, der kraft ihrer unpersönliche, nur entfernt mitteilbare Erinnerungen abrufen kann. »Du ahnst nicht, was mir das bedeutete.«)

»Des Menschen Alger, von innen gesehen, ist ewige Jugend.«
Hugo von Hofmannsthal

Die Kunst, Oberflächen zu lesen.

»Wir müssen lernen, unerkannt zu leben.«
Ernst Halter, Irrlicht

Die Wolken zogen weiter, die Schatten blieben.

An den Menschen, der man gewesen ist, wie an einen Toten denken. »Von Klippe zu Klippe geworfen«, nähern wir uns dem Meer.

Das weiße und das schwarze Segel. In den späten Lebensjahren erscheint das weiße grau. Schatten vom Andern Ufer fallen darauf.

Von der Landschaft, die ich liebe, stelle ich kein Foto auf. Lebendiger anwesend ist sie im Bild eines Malers. Eine sogenannte »Kunstkarte« vom Format einer simplen Postkarte enthält einen Sektor Welt, der in der Umsetzung durch den Künstler Teil eines Ganzen wird, oder: ein Kunstwerk von Rang suggeriert das Ganze, davon es ein Teil ist. (Die Landschaft im Moment, da sie einen Aspekt der Schöpfung darstellt). In seiner Komposition zeigt der Maler Substanz an einer Oberfläche, die als Palimpsest gelesen sein will. Eine Fotografie erreicht selten die Vielschichtigkeit eines Dokuments. Die gemalte, untermalte, übermalte, weg- und umgemalte ist eine die Zeit integrierende, zeitlose, unverwechselbare, weil durch ein bestimmtes Auge wahrgenommene intime Landschaft.

Der Prozeß des Entstehens kann durchaus ein spontaner sein. Auch ein einmaliger manueller Akt holt Gestaffeltes und Gestuftes in die Oberfläche. (Was sich nur marginal auf die Verfremdungseffekte der malerischen Perspektive bezieht.) Auf eine Bildfläche übertragene innere Dimensionen erweitern und vertiefen diese zum unabsehbaren Feld.

Der Künstler selbst ist das Palimpsest. – Die immateriellen Werkpläne gewisser Meister. – Summa: Ernst Ludwig Kirchners Bild zeigt nicht die reale Landschaft, sondern Ansichten dessen, was sie ihm bedeutet.

Schriftliche Monologe als Dialoge mit definitiv Abwesenden.

Vorzüglich im Gedicht lassen Worte ihr unbeschränktes Umfeld ahnen.

»Wenn es um eine poetische Komposition geht, muß man die Existenz, ja sogar das Primat dessen in Rechnung stellen, was Wordsworth›das großartige elementare Prinzip der Freude‹ nannte – und diese Freude rührt von der Versprachlichung bestimmter Dinge her.«
Seamus Heaney

»Man sieht sich nicht mehr, trifft sich nicht mehr. Nur ist da eben etwas, was nicht aufhören will und worüber man keine Macht hat.«
Peter van Matt, Liebesverrat

Auf dem Brunnenrand der gemauerten, laubüberdachten alten Zisterne finden sich folgende zu einem Stilleben angeordnete Gegenstände: zwei Tannzapfen, ein großes und ein kleines Schneckenhaus, vier leere Nußschalen, zwei Mörtelbrocken.

Das der Obhut des Betrachters überlassene Sinn-Bild aus objets trouvés hat die anspruchslose Eindringlichkeit eines anonymen Kunstwerks; Gabe eines Kindes. Solange man sie betrachtet, solange der Blick auf ihr ruht, scheint gerettet, wofür wir uns in Unruhe abquälen. Was? Die letzte Insel? Ein Funken der Energie, die die Welt »im Innersten zusammenhält«? Das Signet eine mehr denn je verborgenen Instanz?

Anschauungsmaterial der Hoffnung. Die vier rahmenden Kiesel plazierte der vierjährige Junge zuletzt: »Die Steine sind die Wächter, sie wachen, daß niemand kaputtmacht oder wegnimmt, was ich dir schenke, mein Schatz.«
Für Robin

Gefunden im Gras unter einem Baum der Wilden Hecke ein bis auf ein kleines Hackloch intaktes längliches (»oblonges« hatte mein Vater gesagt), haselnußbraun und meergrün gesprenkeltes Vogelei, evozierend das sehnliche Grün des Meeres, auf welchem, von Botticelli gemalt, die Muschel schwimmt, die Aphrodite an Land trägt.

Formal erinnert das Ei an den Kopf eines afrikanischen Idols. Ein gefundenes Vogelei ist ein Idol.

Drösle ich nachts mein Lebensgarn auf, weil ich nicht schlafen kann, oder kann ich nicht schlafen, weil die Überprüfung der einzelnen Fäden und Fasern (Abschnitte, Knoten, Risse) nicht zu umgeben ist, soll der dunkle Rest des Knäuels sich nicht verwirren. – Der Kern, um den das Garn gewunden war, wird erst sichtbar, wenn dieses bis auf ein Netz abgewickelt ist.

Die Gestirne im April. Nachts hypnotisches Mond-, am Tag irr grelles Sonnenlicht. Die Luft knistert von Wachstums-Energien. Fühlen Knospen die Spannung im wachsenden Zellgewebe? – Stille, sobald das, was sie enthielten, als grüner Schleier ausliegt. Indem er verhüllt, bringt der einem lichtgrünen Nebel ähnliche Flor die Bäume einander näher. – Kahle Bäume sind Solitäre. (Die Einsamkeit des toten Baums, dem keine Blätter mehr sprießen.)
21. Mai 94.

Von Südwesten schiebt sich eine Warmluftschicht über einen Kaltluftbereich aus Nordwesten. Vier Tage vier Nächte Dauerregen.

Die Felder des Muri-Mooses sind lokal überschwemmt. In den im Tageslicht kaum wahrnehmbaren Senken der schwarzen Äcker und grünen Weiden haben sich Regenpfützen und Grundwasserlachen zu Weihern erweitert, erinnernd die Teiche im Torfland von einst. In ihnen spiegelt sich der strichweise leergeregnete Abendhimmel, primelgelb, trübrot, silbergrau, während ich am Fenster stehe, von welchem aus das Kind auf die Moorteiche hinunterschaute.

Die brennenden Wasser verlöschen zu weißen Augen, die noch lange offenstehn. Von entgegengesetzten Seiten kommend, halten der Nachtgänger und die Abendgängerin im Moor draußen aufeinander zu, berühren sich, gehn Seite an Seite über einen Torfacker (wie der damals federte unter unsern jungen Füßen), entfernen sich über das Wasser.

Es sind die Schatten, die wir nicht sehen wollten, die uns einholen.

Der Verschollene. In der Kunst der Selbstverflüchtigung kam ihm niemand gleich. Mich begleitete ein grauer, blauer, grüner Schatten, spürbar als Lufthauch an der linken Schläfe, falls er neben mir ging; trat er hinter mich, fröstelte es mich im Nacken –, lautlos weht es mich an, kein Wortwechsel, Hermes schweigt. Seine Mission ist das Geleit über Wege, die er selbst nicht kennt. Weniger denn je in diesem Jahrhundert der Schmach.

Hermes. Seine nicht beflügelten Schuhe tippen den Boden an, er rollt die Sohle nicht ab, tritt nicht auf. Ein Zehenspitzengänger, der sachte abhebt und streckenweise in der Luft geht, eine Spanne Leerraum unter sich? Oder schrumpft er ein, bleibt er zurück, ist er voraus? – Plötzlich fehlt auch der Schatten; an seiner Stelle eine Figur aus Glas, ein Profil, durchsichtig auf jede Umgebung, jeden Hintergrund, deren Farben und Strukturen er automatisch annimmt bis zur Unkenntlichkeit, Unsichtbarkeit seiner selbst. Legt sich eine Tarnkappe zu, wer sich in der Kindheit kleinmachen lernte, wer zum Seepferdchen wurde? einem Wesen, das Arme und Beine versteckt im Körper? Bloß keine Tentakel. Fühler sind verletzlich.

Jäger oder Wild? Seiner Anwesenheit versuchte ich mich zu versichern, indem ich mich nach der Seite wandte, wo er zu gehen pflegte: Niemand, nahezu niemand. Geblieben waren die Augen, Angst war darin, Unruhe, eine schwarze zuckende Ader spaltete die Stirn.

Wenn ein Wort fällt – Worte fallen, wie Steine die einen, andere wie Samen –, hat es Mühe, nicht verlorenzugehn in der Zone des Schweigens, in die schon das Kind sich zurückzog, mit Schnecken spielend, Kartenhäuser bauend, die sie dir zerstörten, die du zerstören lerntest, Architekt von Türmen aus Wolken und Wind.

2. Juni 94

Depressiver abnehmender Drittelmond zwischen 3 und 4 Uhr nachts im bleichen Osten. Globale Stille einer Welt, in der die Menschen nicht schlafen, sondern tot sind.

Impuls. Von der einen zentralen Erschütterung gehen die Bewegungen aus, die das Ganze erregen. – Oder: ein Stein schlägt in eine Scheibe. Die Risse bilden eine Spinne, einen bizarren Stern, der sich über die Einschlagfläche verzweigt. – Gehen unentrinnbare Lebensmuster auf Einschläge zurück?

… »ist es nicht bloß ein Wahn unsrer Natur, daß wir dann, wenn vieles Unglück zusammentrifft, uns vorbilden, das Beste sei nah?«
Goethe, Das Märchen

Unter dem Schnee. Nie haben wir herausgefunden, woraus die vulkanartige Ausstülpung im Weidehang oberhalb des Wanderweges bestand. Unter hohem, in tiefem Schnee verbarg sich ein Körper, dessen durch die weiche Ummantelung entschärfte Form sich mehrdeutig abhob von den Höcker und Dellen ausgleichenden Schneedecken auf der Kuhtrift. Schnee auf Schnee. Eine verharschte kam unter eine weiche Decke zu liegen, bis auch letztere so hart wurde, daß ein Reh ohne einzusinken entfliehen konnte in Sprüngen, die im Kristall der Landschaft noch eine Weile sichtbar blieben als nachschwingende Wellenlinie.

So hätte er ausgesehen, der Vulkan des Kleinen Prinzen, wäre je Schnee gefallen auf dem Planeten, wo es die Rose zu schützen und die Streusaat des sternsprengenden Giganten auszureuten galt. Keine zum eisigen Todessymbol erstarrte Schneeplastik, sondern ein über alle Masse vollkommenes, von anfühlsamem Stoff verhülltes Objekt: Erdaufschüttung, Stein- oder Dünghaufen, ein Pneuring (Salzlecke der Kühe), ein Bottich, oder ein altertümliches, uns nicht mehr bekanntes Gerät, das im Herbst infolge überraschenden Schneefalls liegengeblieben war? – Verpackungsmagier Schnee.

Der lavendelblaue Morgenschatten füllte die weiche Gipfelmulde, die durch ihn erst eigentlich in Erscheinung trat und durch den violetten Abendschatten zum Krater vertieft wurde.

Fern lag der Gedanke, sich durchzugraben, durchzuschaufeln. Einem sakralen Mal in Weiß tritt man nicht nahe. Schon eine Spur darauf zu wäre einer Verletzung gleichgekommen. Heiliges sähe man gerne von einer dem Zutritt entzogenen Zone geschützt.

Wer durch einen Krieg gegangen ist, sieht anderes unter dem Schnee. Jeder sieht, was er kennt oder zu kennen glaubt. Manche sehen gar nichts.

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