Die Vikarin von Erika Burkart, 2006, Ammann

Erika Burkart

Lehren lernen
(Leseprobe aus: Die Vikarin, Bericht und Sage, 2006, Ammann-Verlag)

Ich werde Johann Peter Hebels Kalendergeschichte nicht erzählen, ich werde sie vorlesen, ist doch in einer Meistererzählung der Stoff nicht zu trennen von der Sprache, die ihn mitteilt. Ich stelle mir vor, daß auch für leseungewohnte Zuhörer Wortwahl und Syntax nicht bedeutungslos sind. In den fünf Nächten, die mich noch trennen von meinem ersten Schultag, denke ich über Dinge nach, die mich bis anhin keine Minute beschäftigt haben. Da waren, noch vor kurzem, die Trockenlektionen in der Übungsschule Aarau, die ich nie ernst genommen habe, wußte man doch nicht einmal die Namen der Kinder, die man nur stundenweise sah. In B. werde ich erst mal die Namen mit ihren Trägern in Verbindung zu bringen versuchen. Auch Kannitverstan ist, unter anderem, eine Namensgeschichte. In der sinnierenden Einfalt eines landfremden Handwerksburschen wird ein urmenschlicher Satz zum Namen jenes aus drei Personen zusammengeklitterten Jedermanns, der reich, glücklich und tot ist innerhalb eines Tages. Ein mißverstandener Satz täuscht maskenhaft die Identität eines in der Realität nicht existierenden Individuums vor, das bewundert, beneidet und betrauert wird von einem Gesellen, der nach der Bestattung des reichen Mannes, an der er gerührt teilnimmt, in einem Gasthaus mit Gusto sein Mahl verzehrt. Ein fröhliches Leichenmahl, denn er, Geselle K. aus Tuttlingen, Schwaben, lebt.

Die Schule begann um 7 Uhr. Nach einer beinahe schlaflosen Nacht war ich um fünf aufgestanden. Auf dem Spirituskocher hatte die Mutter Kartoffelscheiben gebraten und Milchkaffee zubereitet. Der Kocher stand auf dem Schlafzimmertisch; die Mutter, die keinen Morgenmantel besaß, kochte im Nachthemd. Als ich das Rad über den bekiesten Vorplatz zur Gartentreppe schob, winkte sie aus dem Fenster. Viel zu früh fuhr ich weg. Wer lange Wege gewohnt ist, hat Angst, auf diesen seinen langen Wegen könnte ihm etwas Ungutes zustoßen, das ihn verhinderte, rechtzeitig am Arbeitsort zu erscheinen, was zur Entlassung, zum Rausschmiß führen könnte, denn ein Unglück, hatte man am eigenen Leib erfahren, kam selten allein. Ein Schatten zieht den andern nach.
Hier stehe ich, morgens 7 Uhr, vor Hutters Pult, wir beten. Ein katholisches, ein wortreiches Gebet, das mir Zeit läßt zum Veratmen. Zum Nachdenken ist es jetzt zu spät. Nachgedacht habe ich in der letztvergangenen Nacht und bin zum Schluß gekommen, daß sich Hebels Geschichte keinesfalls eignet für den ersten Auftritt. Ich stelle mich nicht vor mit einem Stück, das endet mit dem Wort Grab. »...und wenn es ihm wieder einmal schwerfallen wollte, daß so viele Leute in der Welt so reich seien und er so arm, so dachte er nur an den Herrn Kannitverstan in Amsterdam, an sein großes Haus, an sein reiches Schiff und an sein enges Grab.« Ein moralisches Stück, eine als Kalendergeschichte verkleidete Belehrung, die letztlich keiner hören will. Auch heute, 1942, nicht, da sie zu Tausenden sterben, gemäht werden im Krieg, Reiche und Arme und Ärmste. In Amsterdam sind jetzt wiederum Deutsche, betet aber kein Deutscher aus Tuttlingen oder Emmendingen am Grab eines Holländers, alldieweil nicht, wenn dieser Kannitverstan oder gar Ausländer heißt.
Das Gebet endet mit der Bitte an die Jungfrau Maria, sie möge in der »Stunde unseres Absterbens« Fürbitte leisten für uns arme Sünder. Amen. Mit mehr oder weniger ausfahrender Gebärde bekreuzigen sich neunundzwanzig Halbwüchsige, dann geht ein Ruck durch den Raum: Die Pultdeckel sind niedergeklappt worden, die Kinder haben sich gesetzt, in die zu engen Bänke gezwängt, große schwere Jungens, die Arme in den zu kurzen Ärmeln wie Werkzeuge vor sich, jenseits des Grabens die Zweierreihe. Ausgesetzt erwartungsvollen, mißtrauischen, abweisenden, werbenden, listig lauernden und zudringlich neugierigen Blicken, zieht sich die Vikarin aufs Pult zurück, versteckt sich halbleibs hinter und in der Kanzelkiste, findet die Namensliste unter dem Pultdeckel. Namen sind Brücken. Ein Mensch, den wir verbinden mit einem Namen, ist weniger fremd. Bevor wir einen Namen vergessen, erlischt das Gesicht dessen, der ihn trug. Oder vice versa.
Hutter hatte die Freundlichkeit, einen Sitzplan aufzuzeichnen. »Karl Haller.« Es erhebt sich, plangetreu, der in der vordersten Bank am Fenster sitzende Junge. Steht, lächelt verlegen, setzt sich wieder auf Geheiß. »Max Meier! Fritz Steiner!« Es erheben sich aus derselben Dreier- bzw. Zweierbank Karls Bankkameraden. – Der Versuch der Unerfahrenen, beim Namenverlesen einen Eindruck zu gewinnen, auf den ersten Blick ein Gesicht mit einem Namen zusammenzubringen, neunundzwanzig Gleichungen herzustellen, die zu lösen Wochen nicht genügen werden, scheitert. Vor dem Block von 29 Anonymi steht eine namenlose Person, Fräulein Lehrerin, so mein Name in den nächsten zwölf Jahren. Ob die Namenlosigkeit – Titel statt Name – als respektfördernd galt?
Vom Verlauf des ersten Schulmorgens in B. gibt es zwei Versionen: eine reale, bis auf den letzten Erinnerungsfetzen vergessene, und eine imaginäre, die das Loch verwebt; ein Spinngewebe, grau, doch schimmernd, Fäden, die weiterhelfen.

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