Schilten
(Leseprobe aus:
Schilten, Roman, 1976, S.
Fischer/2009, Nagel+Kimche).
ERSTES QUARTHEFT
Die Schwierigkeit einer exakten Schilderung der Schiltener Lehr- und Lernverhältnisse hängt damit zusammen, daß die Beschreibung des Schulhauses, in dessen Dachstock meine Wohnung eingebaut ist, nahtlos in die Darstellung meines Unterrichts übergehen sollte, Herr Inspektor. So wie ich hier hause, doziere ich auch. Die klare Trennung von Schulsphäre und Privatsphäre existiert nur in den dumpfen Köpfen der Eltern meiner Schüler. Ich will und kann nicht zwei Leben nebeneinander leben. Absonderlichkeiten des Schulhauses sind Absonderlichkeiten des Unterrichts. Der Schulmeister von Schilten ist ein Scholarch.
Ich bedaure, daß Sie meiner wiederholten Einladung, unsere hinterstichige Landturnhalle zu inspizieren – und zwar im Morgengrauen oder an einem trüben Sonntagnachmittag, wie ich ausdrücklich verlangte –, nie Folge geleistet haben, Herr Inspektor. Ansonsten hätten wir nun wenigstens eine gemeinsame Turnhallenbasis. Überhaupt sind Ihre überfallartigen Blitzbesuche, Ihre Unterrichts-Stichproben in den letzten Jahren gänzlich ausgeblieben. Dies war ja Ihr berüchtigtes Vorgehen: an einem x-beliebigenVormittag des Jahres in einem x-beliebigen Schulhaus Ihrer fetten Inspektions-Pfarre unangemeldet in eine x-beliebige Lektion zu platzen und einen Unterrichts- Pfropfen auszustechen. Gott weiß, womit ich Ihre Vernachlässigung – oder aber Ihr grenzenloses Vertrauen – verdient habe! Item, Sie haben Schilten ausgeklammert, links liegen gelassen, und so bin ich auf den schriftlichen Dialog mit Ihnen angewiesen. Die zunehmende Verschriftlichung meiner Existenz ist, so paradox dies klingen mag, durch Ihr Inspektions-Vakuum ausgelöst worden. So kommt es, daß Armin Schildknecht, vormaleinst Ihr Schützling in der äußersten pädagogischen Provinz dieses Kantons, jenen Schulbericht, der eigentlich von Ihnen erwartet würde, selber in Angriff nehmen muß, sozusagen als Explorand der hohen Inspektorenkonferenz, und dies um so dringlicher, als ja ein seit Jahren kunstvoll in der Schwebe gehaltenes Disziplinarverfahren gegen mich hängig ist.
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