Rosa Marie Bunt

Karlotta Kürbis’ feuerrotes Abenteuer
(Leseprobe aus: Karlotta Kürbis‘ feuerrotes Abenteuer, 2017, Burg-Verlag)

Ein kleiner Freund

Karlotta Kürbis war ein ungewöhnliches Kind. Wenn sie scheinbar ziellos durch das feuchte Laub streifte, das jetzt im späten Oktober schon fast von allen Bäumen gefallen war, flogen ihre zerzausten, feuerroten langen Zottelhaare wie wuselnde Fangarme eines Kraken wild umher. Dann leuchteten ihre kastanienbraunen Augen, die immer etwas auszuhecken schienen und die man nur sehen konnte, wenn der Wind es wollte, vor lauter Glück noch heller, und ihr löcheriger flammenroter Schal schlug ihr ungestüm auf die Schulter, als freute er sich mit.

Fest, ganz fest hatte sie mit ihren klammen Fingern seine dicke wärmende Wolle um den Hals geschlungen. Dabei war dieser Schal doch recht schäbig und schmutzig und obendrein viel zu lang für ein Kind in ihrem Alter. So lang nämlich, dass er bequem wie ein U-Boot unter Wasser jede Pfütze durchtauchte, um sich daraufhin um morsche Äste, Sträucher, Hecken und Gestrüpp zu winden.

Sollte dieser schmuddelige wollene Fetzen etwa der Grund sein, dass dieses Kind so besonders war? Nein! Wer das behauptete, der hatte niemals ein Kind gesehen. Schon gar nicht Karlotta! Doch was war es dann, dass jeder, der sie hier am Rande des Waldes spielen sah, insgeheim dachte, dieses Mädchen mit den Sommersprossentupfen auf der Nase sei irgendwie ungewöhnlich, nicht so wie jedes andere eben?

Karlottas Eltern ahnten es wohl seit jener geradezu mystischen Novembernacht, in der Karlotta geboren wurde und sie zum ersten Mal in ihre sternenblank geputzten Augen sahen. Dichter Nebel hatte damals dem Mondlicht den Weg auf die Erde versperrt und Spinnweben an Hauserwänden und Dachvorsprüngen kündeten von einer dunklen gespenstischen Zeit. Es regnete in Strömen und der Herbstwind brauste laut pfeifend durch die Blätter der knorrigen alten Eiche vor dem Haus. An ihren ächzenden Ästen schlugen sie wütend hin und her. Fast so, als kämpften sie ums Überleben, um dann doch aufzugeben und mit letzter Kraft hinabzusausen auf ihrer Reise ins Ungewisse. Sekunden später wie leer gefegt – der Baum ganz nackt und nass – und dann: Stille, absolute Stille. Der Sturm war nicht langer ein Sturm. Es war Ruhe. Nur in dem kleinen Zimmer im Dachgeschoss des winzigen, ein wenig windschiefen Hauses tönte … Babygeschrei!

Rezension I Buchbestellung I home II17 LYRIKwelt © Rosa M. Bunt