Liebe und andere Unglücksfälle von Ivan Bunin, 2000, Eichborn

Ivan Bunin

Der Sohn
(aus: Liebe und Unglücksfälle, Erzählungen, 2000, Eichborn)

Mme. Mareau wurde als Tochter rechtschaffener Eltern in Lausanne geboren und wuchs dort auf. Ihren Mann heiratete sie aus Liebe, Im März 76 war unter den Passagieren des alten französischen Dampfers Auvergne, der von Marseiile nach Italien fuhr, ein jungvermähltes Paar. Die Tage waren still und kühl, das Meer verlor sich silbern spiegelnd in dunstigen frühlingshaften Fernen, die Neuvermählten wichen nicht vom Deck. Alle hatten ihre Freude an den beiden, alle betrachteten ihr Glück mit wohlwollendem Lächeln: Bei ihm äußerte es sich in der Munterkeit und Forschheit seines Blickes, im Bedürfnis nach Bewegung und lebhafter Freundlichkeit zu den Mitreisenden, bei ihr in freudigem Interesse an allem, was sie umgab. Diese Jungvermählten waren die Mareaus.
Er war älter als sie, klein von Wuchs, kraushaarig und von braunem Teint, sein Arm war sehnig, die Stimme wohllautend und klar. Sie hingegen verriet Merkmale nichtromanischer Abkunft, denn sie wirkte eine Spur zu groß und hatte bei dunklem Haar graublaue Augen. Über Neapel, Palermo und Tunis reiste das Paar nach Konstantine in Algerien, wo Monsieur Mareau eine ziemlich bedeutende Stellung antrat. Die vierzehn Jahre in Konstantine, die diesem glücklichen Frühling folgten, bescherten ihnen Wohlstand, ein harmonisches Familienleben und gesunde, hübsche Kinder.
In den vierzehn Jahren veränderten sich die Mareaus äußerlich sehr: Er wurde dunkelhäutig wie ein Araber, grauhaarig und hager, weshalb viele ihn für einen gebürtigen Algerier hielten; doch auch in ihr hätte niemand mehr die junge Frau erkannt, die einst mit der Auvergne gereist war: Damals hatten selbst ihre Schuhe durch jugendliche Anmut bezaubert, jetzt schimmerte auch ihr Haar silbrig, war ihre Haut zarter und goldbrauner, waren die Arme magerer geworden, auch verwendete sie schon zuviel Sorgfalt auf Frisur und Körperpflege, Wäsche und Kleidung. Jeder führte sein eigenes Leben: ihn füllte die Arbeit aus - er war noch genauso besessen und nüchtern wie früher -, sie die Sorge um ihn und die Kinder, zwei bildhübsche Mädchen, von denen die ältere schon fast ein Fräulein war; und alle waren sich einig, daß es in Konstantine keine bessere Hausfrau und Mutter und keine angenehmere Gesellschafterin gab als Mme. Mareau.
Ihr Haus stand in einem ruhigen, sauberen Viertel. Von den durch die geschlossenen Jalousien stets halbdunklen Salons im ersten Stock aus sah man auf das ob seiner Schönheit weltberühmte malerische Konstantine, die an schräge Felsen geschmiegte französische Stadt und einstige arabische Festung. Die Fenster der schattigen, kühlen Schlafgemächer gingen in den Garten, wo in ewig glitzernder Glut, von hohen Mauern umgeben, jahrhundertealte Eukalyptusbäume, Sykomoren und Palmen träumten. Die Hausfrau führte das zurückgezogene Leben, zu dem in den Kolonien alle Europäerfrauen verurteilt sind. Sonntags ging sie regelmäßig in die Kirche. Wochentags fuhr sie selten aus und verkehrte in einem kleinen auserwählten Kreis. Sie las, machte Handarbeiten und beschäftigte sich mit den Kindern; manchmal nahm sie die schwarzäugige Marie auf den Schoß, spielte einhändig auf dem Flügel und sang ihr alte französische Liedchen vor, während vom Garten warmer Wind durch die weit geöffneten Fenster wehte. Konstantine, das in der gnadenlos sengenden Sonne alle Läden geschlossen hielt, wirkte in diesen Stunden wie eine tote Stadt; nur die Mandelkrähen kreischten in den Gärten, und auf den Hügeln am Stadtrand, wo ab und zu dumpfe Kanonenschüsse die Erde erschütterten und weiße Soldatenhelme blinkten, verriet melancholischer Hörnerklang Kolonialistenheimweh nach dem Mutterland.

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