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Das Billardzimmer
(Leseprobe aus: Das
Billardzimmer, Roman, 2007, Eichborn)
Er versuchte, die Blaulichter zu zählen. Ihr
Flackern pulsierte durch den Nebel und hackte leuchtend blaue Stücke aus der
Nacht, immer wieder für den Bruchteil einer Sekunde. Blau leuchteten die dürren
Äste der Bäume und die Fassaden der Häuser, deren Fensterläden längst
geschlossen waren. Die Thujahecken standen blau und drohend, und das Garagentor
rechts sah aus wie ein Computerbildschirm in Wartestellung. Ihm gefiel die blaue
Welt, aber ihm gefiel nicht, dass sie immer wieder verschwand.
Es konnten höchstens ein oder zwei Streifenwagen sein, nicht viel, aber genug,
um ihn hier anzuhalten. Ihn konnte man problemlos stoppen, das konnte jeder
einsame Streifenpolizist, der mit seiner Kelle winkte, und erst recht ein
Polizeiwagen mit Blaulicht. Sein Großvater hätte nicht gehalten, der wäre
weitergefahren. Man erzählte, dass er in seinem Maybach einmal auf eine Straßensperre
zuhielt, die Faust auf der Hupe und sich der Gendarm – es war in Frankreich
kurz nach dem Krieg – nur durch einen Sprung in den Straßengraben retten
konnte. Aber der Mann in dem Wagen war nur der Enkel und stellte den Motor ab.
In dem blauen Nebel erkannte er zwei Männer, die mit jedem Aufleuchten des
Lichts ein wenig näher kamen. Er ließ die Hände auf dem Lenkrad und starrte
nach vorn. Das hatte er in den USA gelernt. Wer im Handschuhfach nach dem Führerschein
kramt, wird erschossen. Das wollte er nicht, trotz allem. Außerdem wusste er
nicht, wo sein Führerschein war.
Keine Papiere also, sagte kurz darauf der schmale Mund in dem schmalen Gesicht,
das durch die heruntergekurbelte Scheibe in den Wagen starrte, während der
Strahl einer Stablampe durch den Wagen glitt. Besoffen, fragte der andere
Polizist. Er war höchstens zwanzig.
Besoffen, sagte der mit der Lampe, und kein Führerschein. Der Fahrer des Wagens
tastete über die Mittelkonsole, den Beifahrersitz und suchte in seinen Taschen.
Das ist eine Einbahnstraße, sagte der junge Polizist. Da darf man nur in eine
Richtung rein. Wussten Sie das?
Im Prinzip ja, sagte der Fahrer, aber die Straße gehört mir. Das ist meine.
Ich darf hier fahren, wie ich will. Er hatte den Führerschein hinter der
Sonnenklappe gefunden und reichte ihn nach draußen. Der ist nicht besoffen,
sagte der junge Polizist, der ist irre.
Der andere richtete das Licht auf den Führerschein und murmelte halblaut: Gero
von Nohlen, kenne ich doch, den Namen, und schwenkte den Strahl auf das Straßenschild.
Gero-von-Nohlen-Straße, las der junge Polizist. Der Name stand in geschwungenen
weißen Buchstaben auf blauem Emailgrund, umrahmt von schmiedeeisernen Blüten.
Genau das habe ich Ihnen doch gerade erklärt, sagte der Mann in dem Wagen.
Meine Straße. Wenn Sie jetzt die Freundlichkeit hätten, Ihr Auto aus dem Weg
zu schaffen, damit ich heimkomme. Es ist nicht mehr weit.
Der mit der Lampe leuchtete abwechselnd auf das Gesicht des Fahrers und das Straßenschild.
Er sah aus, als wollte er überlegen, aber als ob das nicht wirklich
funktionierte. Er biss sich auf die Lippen, die jetzt noch schmaler wurden. Dann
ging er näher an das Schild, um die klein gedruckte Erklärung zu lesen.
Gero von Nohlen, Konstanzer Bürgermeister von 1946–52, rief er seinem jüngeren
Kollegen zu. Du kriegst keine Straße, solange du lebst, das solltest du wissen,
lernt ihr so was nicht mehr? Der Jüngere antwortete ihm nicht, sondern beugte
sich zu dem Fahrer hinunter.
Da haben Sie Glück, dass es nicht Ihre Straße ist, sagte er. Sonst wären Sie
womöglich schon tot. Sie nahmen ihn vorsichtshalber mit und steckten ihn in die
Ausnüchterungszelle. Ein Tisch. Ein Stuhl. Ein Metallbett. Die Wolldecke auf
der Pritsche roch nach Lavendel; ein unpassender Duft in diesem Raum, doch das
störte nicht weiter. Hin und wieder schlief Gero von Nohlen gerne auswärts.
Hinterher gefiel es ihm zu Hause wieder besser.
Als sie ihn am nächsten Morgen rausließen, fuhr Gero direkt zur Zeitung, wo die Morgenkonferenz der Lokalredaktion gerade erst angefangen hatte. Es war das erste Mal seit langem, dass er rechtzeitig kam, obwohl er sich mehr Mühe geben sollte, denn er war kein Redakteur, sondern freier Mitarbeiter und daher ständig vom Rauswurf bedroht.
Ein kürzerer Aufenthalt im Gefängnis kann
durchaus resozialisierend wirken, sagte Quante und lächelte Gero so an, dass er
sich einen Moment lang überlegte, ob sie es wirklich so meinte.
Alle mäkelten ein bisschen an dem Lokalteil von gestern herum. Schlechtes
Layout, blasse Fotos, zwei Tippfehler im Aufmacher und überhaupt, wo bleibt
denn die politische Relevanz?
Relevanz könnt ihr haben, kündigte Quante an, lehnte sich in ihren Sessel zurück
und schoss ihren rechten Zeigefinger auf Gero ab.
Sein Bruder geht in die Politik, sagte sie. Er will Oberbürgermeister werden,
hier in Konstanz. Blödsinn, sagte Gero. Frau Quante, das ist sogar unter Ihrem
Niveau.
Als Antwort zog Quante ein Fax aus der Konferenzmappe mit dem Briefkopf der
Firma von Dietmar, seinem Bruder:
Eine Einladung für morgen Abend ins Konzil für eine Podiumsdiskussion über
die mögliche Ansiedlung von High-Tech-Unternehmen in Konstanz. Gleichzeitig
werde Dietmar von Nohlen seine Kandidatur bekannt geben.
Na, was meinst du dazu, fragte Rotmöller, in der Redaktion zuständig für
Soziales. Was soll ich dazu sagen? Bin ich der Hüter meines Bruders, fragte
Gero ihn. Das ist die Antwort Kains, predigte Rotmöller, und wer so redet und
wer so denkt, der wird seine Hand gegen den eigenen Bruder erheben und für den
Rest seines Lebens gezeichnet durch die Welt gehen. Amen, sagte Quante, und
jetzt an die Arbeit. Gero suchte sich einen freien Computer und begann einen
Artikel über die große Jubiläumsausstellung der Konstanzer
Modelleisenbahnbauer zu tippen, die er am Vortag besucht hatte.
Er kam nicht weit, weil das Telefon klingelte und die Zentrale Maelzer
durchstellte, den Leiter des Bankhauses Giebendorff & Söhne.
Was ist los? Haben Sie Geld für mich, fragte Gero. Vielleicht ja, mein lieber
Herr von Nohlen, sagte Maelzer. Vielleicht auch nicht. Lieber Herr von Nohlen!
Gero legte auf. Gleich darauf rief Maelzer wieder an und fing an zu sprechen,
bevor Gero den Hörer aus der Hand legen konnte.
Maelzer sagte, dass das Bankhaus im kommenden Jahr sein fünfzigjähriges
Bestehen feiern würde und dass dafür eine Festschrift geplant sei, in der auch
Geros Großvater gewürdigt werden solle, dessen unermüdlicher Einsatz bei der
Gründung der Bank zeige, dass Geschäftssinn und Idealismus, humanitäre
Vorstellungen und ökonomische Zielsetzungen, kurz und gut also Geld und Moral
kein Gegensatz seien, wie fälschlicherweise häufig angenommen werde, sondern
zumindest die Grundlage der Arbeit ihres Bankhauses, und da die journalistischen
Arbeiten des Enkels ja durchweg gerühmt würden, hätte er die Ehre, ihn zu
fragen, ob er möglicherweise geneigt sei, diesen Part der Festschrift zu übernehmen.
Steckt mein Bruder dahinter, fragte Gero ihn, aber Maelzer schüttelte den Kopf
so heftig, dass Gero das noch am anderen Ende der Leitung spüren konnte.
Vielleicht könnten Sie vorbeikommen und alles Weitere mit mir besprechen, am
besten jetzt gleich, schlug er vor.
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