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Abrahams Irrtum
Eine unglaubwürdige Geschichte
(Auszug aus: SOMMERTRAUMS LIEBESLEBEN
und andere Erzählungen, 2007, Engelsdorfer
Verlag)
Abraham hatte sich geirrt. So
furchtbar, so folgenschwer, dass er selbst im hohen Alter noch daran zu kauen
hatte. Und niemand, weder Gott noch Mensch noch Engel noch Teufel konnte die
Sache bereinigen, niemand. Niemand außer ihm selbst.
So etwas durfte einfach nicht passieren. Er hatte auch nie von einem ähnlichen
Fall gehört, nicht einmal während der komplizierten Planungsphase um den
Untergang von Lemuria und was danach kommen sollte. Weder die Osterinsel noch
Hawaii waren ein Fehler gewesen, weder Mikronesien noch die Galápagos, von
deren Überdauern beispielsweise Luzifer nur schwer überzeugt werden konnte.
Einfach so mir nichts dir nichts in die falsche Zeit einzutauchen und an den
falschen Ort zu gelangen, dass hatte wahrlich noch keiner fertiggebracht. Nur
er, Abraham; und es grauste ihn davor, ins Lichtreich zurückzukehren, wenn er
sich vorstellte, wie sie alle über ihn lachen würden. Göttlich lachen oder
zumindest homerisch, wie man das auf diesem Planeten gelegentlich nannte.
Ihm war nichts anderes übriggeblieben, als das Beste aus der ganzen Geschichte
zu machen. Nun, da die wildesten und verwirrendsten Tage vorüber waren, saß er
vor seinem Haus in der Sonne und fragte sich, ob er seine Aufgabe nicht
vielleicht doch erfüllt hatte.
Seine Reise durch Zeit und Raum, sein Weg auf diesem verrückten Planeten hatte
an einem Punkt begonnen, den man hier das Jahr Neunzehnhundertneunundzwanzig
nannte. Am ersten Tag des Monats April. Das einzige Plus, das er für sich
verbuchen konnte, war der Umstand, dass er nur wenige Tropfen von dem
Vergessenselixier zu sich genommen hatte. Das im Lichtreich festgelegte Maß lag
bei einer vollen Halbliterflasche, jedenfalls wenn man eine sogenannte
Lebenszeit auf diesem blauen, beinahe kugelförmigen Chaosspielplatz verbringen
wollte, wenn man in das Minuten-, Stunden-, Tage-, Wochen- und Jahreabenteuer
eintauchte. Sie hielten es für das Beste, um den Leidensdruck für die
Betroffenen gering zu halten, denn die Erde galt drüben als außerordentlich rückständig.
Wenigstens an dieser Stelle hatte er, Abraham, nicht mitgespielt. Allzu
neugierig war er, und das Spiel hier zu erleben, ohne sich an seinen Hintergrund
zu erinnern, ohne überhaupt den Plan zu verstehen, davor hatte er sich schlicht
und einfach gefürchtet.
Als es zu spät gewesen war, den Irrtum zurückzunehmen, lag er als schreiender
Säugling in einem alten Haus am Rande des schlesischen Städtchens Lauban. Vier
Schwestern versammelten sich um sein Bett, hinter denen sich ein Vater mit
strengen, verbissenen Zügen aufbaute. Die Mutter, an deren Brust er nach
Nahrung suchte, war furchtbar erschöpft und glich eher einem bloßen Schatten
als einem körperhaften Wesen. Und der Name, auf den er fortan hören sollte,
lautete: Hans. Das klang dumpf und bedeutungslos und war der reinste
Alptraum.
Noch während der Kleinkindjahre begriff er, dass er sich mit dem
Nicht-vergessen-Trick keinen Dienst erwiesen hatte. Einerseits war das
Lichtreich in ihm, die grenzenlose Liebe und die unvorstellbare Freiheit und
Leichtigkeit des NICHTS, in das ALLES wiederum eingebettet war; andererseits
aber saß er nun in einem düsteren, alptraumschweren Gefängnis, umgeben von Trübsinn,
Enge und der dumpfen Vorstellung, es gebe nur armselige, blutig-grausige
Vergangenheit und eine vielleicht ein wenig hellere Zukunft. Von
Gegenwart wollte niemand etwas wissen, und selbst die kleinen Kinder, die noch
einen Funken davon in sich trugen, wurden frühzeitig gezwungen, ihn zu leugnen,
damit sie desto schneller abstumpften. Mit unverhohlenem Neid betrachtete er
sie, denn sein Gedächtnis erinnerte sich. Und nicht nur das: Er wusste,
was all denen bevorstand, die ihn hier umgaben, er kannte die Idee, den Prozess,
den Fluss, das, was sie Schicksal nannten oder Verhängnis. Einzig
die eigenen Abenteuer, die zu erleben er angetreten war, die blieben ihm
verborgen. Ausgenommen von diesem Gesetz war niemand, so dass sogar, wenn einer
seine Berufung einigermaßen kannte, sich nicht voraussehen ließ, ob es ihm
gelang, ihr zu folgen.
Es war mehr, als Hans’ Kinderschultern tragen konnten. Nur ein Weg blieb ihm,
um sein Inneres vor dem Außen zu schützen, dafür zu sorgen, dass niemand
merkte, wer er war: Er durfte nicht erwachsen werden!
Die Eltern schöpften lange keinen Verdacht, obwohl er es der Mutter nicht
leicht machte. Bereits im Alter von vier Jahren fügte er sich ständig
Verletzungen zu, entwendete Messer aus der Schublade des klobigen Küchenschrankes
und schnitt sich in Finger und Wade, oder er glitt auf einer der Treppenstufen
aus und rollte schreiend nach unten. Zumeist benutzte Alma, seine Mutter, eine
Art Allzweckmittel, um Schnitt- und Schürfwunden heilen zu lassen: eine
tiefschwarze, ekelhaft riechende Salbe, die sie zwei- bis dreimal auf die
betreffenden Stellen strich, und die die wundersame Eigenschaft besaß, alles
Giftige und Schadenbringende an sich zu binden und den Patienten gewissermaßen
zu reinigen. Von der Schwärze und dem Gestank der wundertätigen Paste war Hans
reinweg fasziniert. Er merkte sich die Stelle, wo sie aufbewahrt wurde, und als
eines Tages die Mutter das Haus verließ, nachdem sie ihm wieder eine
Schnittwunde verarztet hatte, machte er sich ans Werk: Mit Hilfe eines Stuhls
angelte er sich das kleine Glas von dem Wandbord, öffnete es, schnüffelte genüsslich
am Inhalt und begann, die in blassem hellrot gestrichene Tür des elterlichen
Schlafzimmers damit einzufärben.
I see a red door and I want it painted black, sang es in seinem Inneren,
und ein eigentümlicher Rhythmus beflügelte sein Tun. No colors anymore I
want them to turn black… Wohl hatte niemals jemand zu ihm in dieser
Sprache gesprochen, doch er kannte sie trotzdem, denn sie passte zu den
Reisenden, denen, die sich unterwegs fühlten so wie er selbst. Auch das Lied
war schon immer da, aber hier auf dem Planeten Erde zählte man Zeit, und das
hieß, sie würden noch etwa vierzig Jahre warten, bis sie es sangen, und viele
mochten es auch dann nicht einmal singen wollen.
Obwohl Hans das wusste, focht es ihn nicht an. Stattdessen bestrich er alles,
was in seine Reichweite gelangte, mit der schwarzen Reinigungssalbe: Teile des mütterlichen
Nachtschränkchens, des Lakens, der Kissen, auch den Stuhl, den er selbst
benutzt hatte und zu guter Letzt die Türschwelle.
Als das Glas leer und der kleine Künstler ausgesprochen zufrieden war, kam die
Mutter zurück, erschrak heftig, schimpfte entsetzlich und begann mit verweintem
Gesicht und einem Eimer Seifenwasser, die stinkende Farbe zu beseitigen.
Seltsamerweise schlug sie ihn nicht, und Hans fragte sich dumpf, ob sie
ebenfalls heimlich wusste, was er so frech zur Ansicht gebracht hatte: dass die
Welt, in der sie alle so um ihr Dasein kämpften, in Wahrheit schwarz
war, finster, grauenerregend. Und stinkend. Jedenfalls im Vergleich zu einer
anderen.
Vorsichtig beschloss er, sich noch ein paar Schritte in die Düsternis
hineinzubegeben. Wenige. Vielleicht drei Schuljahre weit. Dann musste er
aufpassen, dann durfte er nicht weitermachen. Nichts mehr lernen, nichts mehr
verstehen. Damit sie nicht merkten, dass er zuviel wusste. Aber noch
bevor man ihm den ersten Buchstaben des lateinischen Alphabets beibrachte,
staunte er darüber, dass die Farbe, die aus der Mischung von Rot und Schwarz
entstand, Braun genannt wurde.
Mit dem Schuleintritt empfand Hans die Schlinge deutlicher, die sich um seinen
Hals zusammenzuziehen drohte. Er beschloss, dass nun der Zeitpunkt gekommen war,
endlich auf seinem Weg in die Welt der Gegensätze und der Feindschaft
innezuhalten. So stand er zwei Schuljahre durch, blieb schließlich sitzen und
verweigerte sich jedwedem Förderversuch seiner Mutter. Zu Beginn des
Folgeschuljahres riet ihr der Schuldirektor unter vier Augen und im Flüsterton
zu einem Ausbildungsverzicht.
Der Vater verhielt sich gleichgültig und verbot seinem Sohn nur gelegentlich
den Ausgang, weil er fürchtete, wegen eines derart ungeratenen, behinderten
Nachkommen ins Gerede zu geraten. Zudem standen die Zeiten auf Sturm. Ein
Einwohner Großdeutschlands sollte nach Möglichkeit hochgewachsen, blond
und blauäugig sein, und wenn es sich um einen männlichen handelte, standen
diesem überdies beachtliche Muskeln gut an, unterstützt von brutalen Gesichtszügen.
Mit einem wie Hans ließ sich wahrlich kein Staat machen.
Ängstlich und eifrig war die Familie bemüht, nirgends aufzufallen. Nicht
einmal in die Kirche durfte der Junge neuerdings mit. Dafür war dieser ziemlich
dankbar, tat so, als interessiere ihn das altbackene Christentum trotzdem und blätterte
oft in der schweren Familienbibel, besonders wenn die Mutter oder mindestens
eine der Schwestern zugegen waren. Die Zuschauer lächelten dann milde und
geringschätzig, ließen ihn gewähren und meinten verständnisvoll: „Das
verstehst du sowieso nicht, du unser kleiner dummer Hans.“
Ihn freute es indes, wenn sie „kleiner, dummer Hans“ zu ihm sagten, denn
daran konnte er ablesen, was sie von ihm glaubten und sich sicher fühlen. In
Wahrheit verstand er ungleich viel mehr als sie, und das, was ihm zu schaffen
machte, las er heimlich: die Abrahamsgeschichten im Ersten Buch Moses,
Genesis genannt. Wie kam es, dass dieses Buch das vollständige Geschehen
dessen beschrieb, das er selbst verfehlt hatte zu leben? Begebnisse, die über
das planerische Konzept nicht hinausgekommen waren? Hier wurde so getan, als sei
er, Abraham, völlig selbstverständlich da gewesen, habe auf diesem Planeten,
der Erde, geweilt und den Ursprung mehrerer Völker gebildet. Als habe er ein
Ritual wie die Beschneidung eingeführt, die nicht nur zum Erkennungsmerkmal der
Juden, sondern auch der Anbeter Allahs geworden war. So als sei ein Irrtum
ausgeschlossen, als gebe es nie einen Irrtum und werde auch in Zukunft nie einen
geben. Aber tatsächlich wusste er ohne den Schatten eines Zweifels, dass
er sich geirrt hatte.
Wieviel bequemer wären die Kinder- und Jugendtage inmitten einer reichen
Hirtenfamilie gewesen, in jenem Ur Chaldäas? Reichtum, Kultur, Weisheit,
Verbundensein mit fruchtbarer, Leben atmender Flusslandschaft, Umhegt- und
Geliebtsein von mehreren Frauen. Dann die Stimme Gottes, die einfach so zu einem
sprach, unvermittelt und klar. Wenn es da hieß Geh in ein Land, das ich dir
zeigen werde!, da ging man eben, mit Kind und Kegel und -einem Riesentross.
Mitten durch die Wüste. Zweifel? Angst? Einem Abraham, dem Vater vieler Völker
fremd und verächtlich. Wie einfach wäre alles gewesen, wie leicht, wie überzeugend!
Trotz der folgenden Irritationen, dem Zwischenspiel in Ägypten, der peinlichen
Rivalität, die die kinderlose Sarah gegenüber der Nachkommenschaft verheißenden
Sklavin Hagar empfand, trotz des Untergangs von Sodom und Gomorrah.
Stattdessen nun daran zu denken, was in den nächsten Jahren bevorstand: Die
wilde Judenhatz der Braunen, der selbstzerstörerische Krieg, der ungekannte
Ausmaße erreichen sollte, dazu dann die Flucht oder der Wegtrieb Tausender aus
ihren heimatlichen Regionen. Das war nichts für einen verirrten Abraham, der
noch nicht einmal den Kinderschuhen entwachsen war, der das vorerst auch gar
nicht beabsichtigte!
Dieses idiotische Gehirn, dass er für sein Abenteuer mit auf den Weg bekommen
hatte, reichte nicht aus, um die Erinnerung an die eine mit den
Erfahrungen der anderen Welt zu verbinden. Es war zum Verrücktwerden!
Wollte man versuchen zu ergründen, weshalb vor mehreren tausend Jahren ein
Abraham hier war, der sich in Wahrheit verfehlt hatte und dummerweise erst viel
später kam, setzte der Denkapparat aus. Der Menschenverstand konnte ZEIT nicht
mit JETZT UND HIER verbinden, dafür war er überhaupt nicht ausgelegt. Vor
allem, wenn man ihn um Antworten anging, wie Hans sie suchte.
Da beschied er sich und hörte auf, an der Sache herumzurätseln. Aber er lächelte
herablassend, als sie ihn zu den Konfirmationsgottesdiensten der Schwestern
mitnahmen, so dass er die Reden des Schwarzgewandeten auf der Kanzel hören
konnte. Ein völlig Umnachteter, der von Farbe sprach, von ihr Behauptungen
aufstellte, die keiner der vor ihm sitzenden Blinden zu widerlegen gewagt hätte.
Schwarz lag am äußersten Rande des Lichtreiches, von dort aus war es unmöglich,
bis zur Mitte zu sehen. Dieser Mensch, der so tat, als wisse er, hatte den Trunk
des Vergessens bis zum letzten Tropfen geschlürft, und man sah ihm die Todesangst
an, den Glauben an ein Phantom, das es nicht gab.
Die Dunkelheit nahm zu. Die braungekleideten Gewaltwesen, die Hans, der seine
Abenteuer auf Mittelerde ebenfalls nicht vergessen hatte, manchmal an Orks
erinnerten, donnerten mit ihren Stiefelabsätzen über die Straßenpflaster der
Städte und huldigten unsinnigerweise Fahnen, auf denen Swastika prangte,
das uralte indische Glückszeichen. Ihre Wut und ihr Hass war zunächst auf
Juden gerichtet, doch wenn sie nicht genügend davon ausfindig machen konnten,
wurde es auch für andere gefährlich.
Alma, Gotthard und ihre Kinder wohnten weitab von diesem Geschehen und vernahmen
davon herzlich wenig. Trotzdem munkelten die Nachbarn dies und jenes, und
deshalb wurde die Familie von einer unbewussten Furcht zernagt, setzte verstärkt
auf Unscheinbarsein und tarnte sich unter dem Alltagsgrau. Die Töchter
behielten markige Sprüche ihrer Schullehrer im Gedächtnis und flüsterten mit
ihren Eltern. Der missratene Sohn aber, der Dumme, durfte daraufhin nur
noch selten ans Tageslicht, denn seine Erscheinung glich nie und nimmer dem
germanischen Ideal.
Er verstand und widersetzte sich nicht. Viele Stunden saß er in einem
abgedunkelten Zimmer und ließ seine armen Gedanken um die Frage kreisen, wieso
es überhaupt Juden gab, da er, Abraham, in Wirklichkeit niemals vorher da
gewesen war geschweige denn die Beschneidung eingeführt hatte. Nun durfte er
nicht einmal mehr auf dem Feld oder im Stall helfen und mit den beiden Pferden
sprechen, bei ihnen Hilfe und Trost suchen. Denn die Tiere erkannten ihn, und in
ihren Augen glomm der Schimmer des Lichtreiches. Aber ihr Wissen behielten sie für
sich, und sie verspotteten ihn auch nie wegen seines folgenschweren Fehlers.
War er selbst in Wahrheit ein Jude, wenn auch unbeschnitten? Sie nannten Abraham
ihren Stammvater, doch in jener fernen Vergangenheit konnte weder von einem Volk
noch von einer Religion dieses Namens die Rede sein. Juda galt als Sohn
Jakobs, und dazwischen lag immer noch Isaak, bevor man bei dem Patriarchen
ankam, der aus Chaldäa ausgewandert war, um sich in dem für seine
ausschweifenden Fruchtbarkeitskulte berüchtigten Kanaan niederzulassen. Alle überlieferten
Fakten zusammengenommen, dürfte weder der unbekannte Hans noch der berühmte
Abraham zum Tragen des Davidssternes verurteilt werden, und das beruhigte
die beiden nicht wenig.
Als der große Krieg ausbrach, wurde Gotthard, der gestrenge Vater, zum Militär
einberufen. Mutter und Schwestern fühlten sich verwaist und von der Feld- und
Stallarbeit erdrückt. Das kleine, vertrottelte Brüderchen wurde nun wieder an
die frische Luft gelassen, denn sie brauchten die Hilfe jeder noch so kleinen
Hand.
Abends saßen sie alle trübsinnig um den Familientisch und lauschten, wie das
Radio Siegesnachrichten von der vorrückenden Ostfront ausspie. Da geschah es,
dass Hans sich zu einer erschreckenden Bemerkung hinreißen ließ.
„Es dauert bloß ein paar Jahre“, sagte er trocken. „Höchstens fünf oder
sechs. Dann ist alles vorbei.“
Zwei Minuten lang saßen sie da wie versteinert.
„Du hast keine Ahnung, Kleiner“, erwiderte die Mutter endlich. „Red kein
dummes Zeug!“
Aber sie zitterte heftig.
Else, die älteste Schwester, musterte den unvermuteten Propheten eindringlich.
Sie war bereits zweiundzwanzig Jahre alt, und man munkelte, sie habe eine
Liebschaft mit dem einarmigen Sohn des Bäckers.
„Was verleitet dich denn zu dieser Annahme?“ fragte sie gestelzt und spöttisch.
„Was soll dann, bitte sehr, vorbei sein?“
Hans hatte sich verstiegen, und der Satz, den er lieber für sich behalten hätte,
war gesagt worden.
„Ich weiß nichts“, beruhigte er die Frauensleute, und sein Blick wandte
sich wieder nach innen. „Der Krieg, denke ich.“
Er war nahe daran gewesen, sich zu verraten.
„Sag uns alles, was du darüber denkst“, beharrte die Schwester, plötzlich
über die Maßen neugierig. „Du bist ein Dummkopf und hast Narrenfreiheit.“
Die anderen lachten brüchig, und Hans versuchte es mit einem Trick.
„Ich bin kein Narr“, widersprach er leise. „Ich bin Abraham.“
„Nun hör sich doch einer diesen Blödsinn an!“ Ärgerlich hieb die Mutter
mit der Hand auf die Tischplatte. „Was soll aus dir denn bloß mal werden,
wenn du nicht aufhörst, unsinniges Zeug zu faseln?!“
Mit Bravour war Hans der Gefahr ausgewichen und atmete auf. Nun konnte er dicker
auftragen, denn ziemlich sicher glaubten sie an seine Unzurechnungsfähigkeit.
„Der Krieg ist nicht zu gewinnen, und wir müssen hier weg, alle“, stieß er
dreist hervor. „Weil ich Abraham bin. Da muss ich meine Heimat verlassen und
in ein neues Land ziehen. Mit allen, die zu mir gehören.“
Die mütterliche Ohrfeige traf seine Wange mit voller Wucht. Für den Bruchteil
einer Sekunde wurde ihm schwarz vor Augen.
„Die Heimat ist heilig!“ schrie Alma, rot im Gesicht. „Darüber macht man
keine Witze!“
„Auch über den Krieg nicht“, fügte Else hinzu. Aber den geheimen Spott in
ihrer Stimme vernahmen alle, obwohl sie, nachdem Hans trotzig hinausgegangen
war, erneut in verzweifeltes Schweigen fielen.
In täglich gleichförmiger
Plackerei und tausend Zukunftsängsten flossen Wochen, Monate und Jahre dahin.
Else und der Bäckerssohn verschwanden urplötzlich; der Einarmige, davon überzeugt,
die bevorstehenden Einberufung geflüchtet, hieß es. Von seinem und seiner
Liebsten Verbleib wusste indes niemand im Ort.
Unter vorgehaltener Hand flüsterte man, das Paar habe recht getan. Obwohl es
aus den wenigen Rundfunkgeräten, die die Leute besaßen, immer noch Sieg!
Sieg! quäke, habe sich das Kriegsglück gewandelt, und die Russen seien im
Vormarsch. Es könne leicht sein, dass sie nun jeden an die Front
schicken wollten, ohne Rücksicht auf Einarmige, Lahme, Blinde und Tattergreise.
Hans wusste, was er wusste. Er verlor kein Sterbenswörtchen mehr darüber, denn
es hatte keinen Sinn. Wenn die Soldaten der Sieger eines Tages vor der Tür
standen und sie alle davonjagten, würden sich die braven Leute immer noch
einbilden, es sei alles nur für kurze Zeit. war heilig, blieb heilig,
musste immer heilig sein. Hei, hei, hei! Heil Heimat,
Heil Hitler! Ihre jahrhundertealten, brüchigen Weltbilder stürzten ein
wie Kartenhäuser, und sie sahen es nicht. Sie wollten es nicht sehen.
Trotzdem fürchteten sie vor allem das. Die Panik schrie aus ihren Augen.
Ihre Seelen hatten verstanden; nur ihre Köpfe weigerten sich hartnäckig. Hans
blickte ihnen verstohlen in die Gesichter und grinste zufrieden.
Als das Jahr Neunzehnhundertfünfundvierzig anbrach, kamen sie, die wilden
Krieger aus dem Land der wodkaseligen Schwermut. Bevor sie das Dorf erreichten,
entdeckten sie ein ganzes Arsenal mit Hochprozentigem, ein riesiges Lager, das
bis knapp unter die Decke mit dem Elixier des taumelnden Vergessens angefüllt
war. Gierig fielen sie darüber her, leerten Flasche für Flasche, sangen und
tanzten, grölten und schlugen, raubten und brannten; und wenn sie ein Wesen
erblickten, bei dem sie eine spannungslösende, weiche Öffnung zwischen den
Beinen vermuteten, ergriffen sie es und erleichterten sich.
Warnende Rufe eilten von Haus zu Haus. Die Frauensleute um Hans taten es den
meisten ihrer Nachbarn gleich und beluden einen Pferdewagen. Winter war es, und
sie fühlten sich schwach und nicht gesund, aber die Angst trieb sie an. Solange
die Russen im Schnaps schwelgten, blieb ihnen Zeit zu handeln.
Frierend und weinend fuhren sie los, durch nassen, mit Regen durchmischten
Schnee und eisige Windböen. Nach Westen, nur immer nach Westen.
Nun ist es soweit, vermutete Hans, obwohl er sich damit täuschte. Denn
sie legten höchstens fünfzehn Kilometer zurück. Hunderte von Fuhrwerken
standen vor ihnen, soweit das Auge reichte.
Die Straßen sind verstopft, hieß es. Kein Durchkommen Richtung Neiße.
Aussichtslos.
Bei Bekannten verbrachten sie eine Nacht und durften länger bleiben. Die
Scheune war geräumig und das Heu hinreichend warm. Nun galt es abzuwarten.
Hier sah Hans die Langzöpfige zum ersten Mal. Doch als ihre Augen sich
begegneten, wandte sie sich ab. Für einen Dummen hielt sie ihn wie alle
anderen. Und da sie zur Familie im Haus gehörte, verlief sie sich selten in die
Scheune, ins Heu, wo die Flüchtenden wohnten. Was scherte sie schon ein Fünfzehnjähriger,
den unvermutet eine Sehnsucht überkam, die er sich wegen der Tragweite seiner
Bestimmung nicht einmal leisten durfte?
Nach zwei Tagen gelang es ihm endlich, ihr den Weg zu verstellen. In dem
schmalen Durchgang zwischen Scheune und Kuhstall, wo er hoffte, dass niemand sie
sah.
„Wie alt bist du?“ fragte er drängend. „Ich muss wissen, wie alt du
bist.“
„Sechzehn“, entfuhr es ihr. „Aber das geht dich gar nichts an.“
Offenbar fühlte sie sich überrumpelt.
„Was tust du, wenn die Russen kommen?“ bohrte er weiter. Den Weg um den heißen
Brei liebte er nicht.
Endlich begegnete ihr Blick dem seinen. Ihr rötliches, herrlich langes Haar überstrahlte
das Grau des Wintertages und ließ das nicht allzu ferne Donnern der Geschütze
verebben.
„Was bist du für einer, dass du solche Reden führst?“ wollte sie wissen.
Ihre Stimme war dunkel und schön und zitterte.
„Ich bin Abraham“, bekannte er und biss sich auf die Zunge. Nirgendwo und
nirgendwann wäre eine Lüge angebrachter gewesen als hier und jetzt.
Sie schrak zurück. „Bist du Jude?“
„Quatsch!“ versuchte er die Situation zu retten. „Ich hab gerade an einen
Traum gedacht. Hans heiße ich.“
Wie angewurzelt stand sie da, starrte ihn an und schwieg.
Er überlegte kurz, wie er es anstellen sollte, ihren Zweifel und ihr Misstrauen
zu überwinden.
„Ich kann’s beweisen“, flüsterte er und nestelte an seiner Hose. „Ich
bin nicht…“
Doch sie rannte bereits. An der Scheune vorbei, zurück in den Hof, hinein in
das Wohnhaus.
Rezension I Buchbestellung I home III07 LYRIKwelt © Engelsdorfer