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Waffen, die aus der Erde wachsen
(Auszug aus dem 1. Band der
Roman-Triologie "Die Kohle ist es nicht allein": Stiefel
Stuben Stoppelfelder, 2002, Engelsdorfer
Verlag)
Wolfgang und Thomas erkundeten neues
Gelände. Es begann ein ganzes Stück hinter Rosings Kirschplantage und war
durch Schilder mit der Aufschrift Betreten verboten! gekennzeichnet,
darunter die warnende Zusatzbemerkung Eltern haften für ihre Kinder. Die
Schaufelradbagger, die sich kurz vor Koblitz in das Erdreich gewühlt hatten und
bereits ungeheure Mengen zähen Lehms auf endlose Förderbänder luden, sollten
sich im Laufe der nächsten drei Jahre durch diese Gegend fressen, bis sie
schließlich Persewitz erreichten.
Nachdem sie die ersten Verbotsschilder hinter sich gelassen hatten, entdeckten
die Jungen zaunlattenähnliche Pfähle, die in Abständen von zwanzig bis dreißig
Metern aus der schlammigen Erde ragten. Sie bestanden aus rauhem, ungehobeltem
Holz, und an ihrem oberen Ende leuchtete ein handbreiter roter Anstrich. Thomas
zog einen von ihnen heraus und bemerkte, dass die ideale Länge und die gut
gearbeitete Spitze den Markierungspfahl zu einem handlichen Spielschwert
machten.
Seine Augen leuchteten. „Wemmr ä Haufm davon sammln, hammr Waffm for zwee
Mannschaftn. Da gämm’r Riddr schbieln. Da brauch mr nie Schwertr zusammbaun,
wenn die hier alle so rumschdehn.“
„Die gehn abbr nich so leicht raus“, wandte Wolfgang ein, der sich mit dem nächsten
abmühte.
„Ich zieh se raus, un du dräächst se“, ordnete der Ältere an, und sein
Gefolgsmann nickte zustimmend.
Gesagt, getan. Thomas ruckelte einen Pfahl nach dem anderen aus der
herbstnassen, lehmigen Erde und überreichte ihn seinem gefügigen Lastesel.
Durch breite Pfützen und knietiefen Schlamm stiefelten die beiden, bis sie
schließlich mit etwa dreißig „Schwertern“ umkehrten, um ihre Beute an
geeigneter Stelle abzulegen.
Dafür gab es nichts besseres als Alts Scheune. In einem besonderen Verschlag
stand dort eine fest verankerte, seit langem nicht mehr genutzte Dreschmaschine.
Daneben und da-runter konnten sie ihr „Waffenarsenal“ einrichten. Das
jedenfalls war Wolfgangs Idee, und der Ältere nahm sie freudig auf.
Während sie durch den Hof staksten und dem Scheunentor zustrebten, stellte sich
ihnen Gunther in den Weg.
„Was habt’n ihr da?“
„Schwertr“, erwiderte sein Bruder trocken. „Die schtandn offm Felde
rum.“
„Hää?“ stutzte der Große. „Was soll das sein?“
„Na, Schwertr“, wiederholte Wolfgang, machte eine ungeschickte Bewegung und
ließ die Hälfte der Pfähle, die er unter dem Arm trug, auf das Pflaster
fallen. „Die gehn eiwanfrei als Schwertr.“
Sein Bruder bückte sich nach den vermeintlichen Waffen. Allmählich begann er
zu verstehen.
„Un geechn wän wollt’r damit kämpfm?“ fragte er belustigt.
„Mir machn zwee Bandn“, erklärte Thomas, der seine Last inzwischen neben
dem Scheunentor abgelegt hatte und dem Kleineren helfen wollte. „Wenn de
willsd, gannste bei uns mitmachn. Als Fiehror oder so, weilde dr Ältsde bisd.
Da baun mr unse Bude hier in eir’r Scheine, un da hammr unse Waffm glei
hier.“
Gunther lachte. „Und die andrn? Wer solln das sein?“
„Na, de Gieslschdrohms, un es ,Messr‘ un dr Dicke. Weil mr die nich leidn
kenn.“
Mit dem „Dicken“ meinte Thomas Bernd, und das „Messer“ war Rainers
Spitzname, den jedoch nur wenige benutzten. Diese Aufzählung war eine bloße
Idee, ein Vorschlag. Immerhin brauchten sie Feinde, da sie jetzt „Schwerter“
besaßen.
„Wusste gar nich, dass ihr die nich leidn gennt“, meinte Gunther. „Un die
wissn beschdimmt ooch nich, dass ihr Schwertr habbd, un die in unsr Scheine
rumliechn. Un dass’r hier ne Bude hamm wollt.“
„Das solln die ja ooch nich wissn!“ rief Wolfgang, der sich bemühte, die
heruntergefallenen Pfähle aufzusammeln und sie vor dem Scheunentor zu stapeln.
„Mir machn das alles geheim!“
„Geheim“ war ein herrliches Wort und versprach Abenteuer. Ein Geheimnis
verband mehr als ein gemeinsamer Kampf.
„Passt off“, erklärte der Große. „Ich bin dr Bandnschef. Abbr dreie sinn
zu wenich. Mir misstn noch mindestns een findn, der mitmacht bei uns. Blooß gee
Mädchn, das is gloar. Sowas is nischt for Weibr.“
Thomas freute sich. „Mir duun die Schwertr näbm de Dreschmaschine. Da is ä
Haufm Blatz, un mir genn ooch noch mehr holn. Un dann baun mr ne richtche Bude
im Hei.“
„Ich kann eich jetz abbr nich helfm“, bremste Gunther seinen Eifer. „Ich
muss enne Henne fangn un där än Gobb abhackn. Die wolln mr nämich schlachtn.“
„Ooarh, da gugg’ch zu!“ rief Wolfgang. „Das is scheen.“
Eilig schafften die Jungen ihre Beute in die Scheune und beschlossen, weitere
„Waffen“ zu sammeln und in dem Verschlag neben der Dreschmaschine
einzulagern.
Zurück auf dem Hof staunten sie, dass Gunther bereits eine Henne gefangen
hatte. Er hatte sie bei den Beinen gepackt und hielt sie in seiner linken Hand
fest, während sie ängstlich und aufgeregt gackerte und mit den Flügeln
schlug. Mit der rechten griff er nach einem Beil, das eigens für solche und ähnliche
Zwecke neben der Hauswand lag. Dann stellte er sich vor den breiten Hackklotz.
„Wenn’ch än Gobb abhabbe, lass ich se loos. Da genntr ma offpassn, wie se
rennt“, kündigte er an. „Manchema renn se ganz scheen weit ohne Gobb.“
Thomas, dem die Sache nicht recht geheuer vorkam, blieb im Hintergrund und hielt
schützend die Hand vor seinen Bauch. Er befürchtete eine blutrünstige Szene,
die ihm leicht den Magen umdrehen konnte. Aber er war neugierig genug, um zu
bleiben und abzuwarten.
Wolfgang hingegen freute sich: „Das is gut, das habb’ch schon ma gesähn.
Die renn wie de Bleedn un hamm keen Gobb mehr.“
Gunther legte das Huhn mit dem Kopf auf den Hackklotz und hielt es mit der
anderen Hand eisern an den Beinen fest. Eigenartigerweise zappelte es nicht mehr
und erstarrte regelrecht. Ohne Zögern hob der junge Schlächter das Beil und
schlug zu.
Es war ein treffsicherer Hieb. Der Hühnerkopf lag abgetrennt auf der Richtstätte,
und aus dem heftig zuckenden Körper des Federviehs sprudelte stoßweise das
Blut. Ungeachtet zahlloser Flecken, die er selbst dabei abbekam, setzte Gunther
den Rumpf des Huhnes auf den Boden und ließ ihn los. Wie von einem unsichtbaren
Motor getrieben, jagte das kopflose Tier durch den Hof, stieß sich an Hauswand
und Scheunentor und kam sogar beinahe bis zum Hackklotz zurückgerannt, bis es
endlich stürzte und neben der verwaisten Hundehütte liegen blieb, während die
Beine sich immer noch bewegten.
„Die is woo noch lange nich richtch dood, wenn se keen Gobb mehr hat?“
fragte Thomas mit leichenblassem Gesicht.
„Weeß nich.“ Gunther zuckte mit den Schultern. „Die renn immr so, wemmr
än Gobb abhackt. Ooch bei Entn is das so, un bei Gänsn. – Das fetzd, hä?“
Wolfgang nickte heftig. „Ich hab das schon a baarma gesähn. Das sieht gut
aus, hä?“
„Das Huhn, das rumrennt ohne Gobb, is fertch for unsrn Subbndobb“, dichtete
sein Bruder aus dem Steigreif. Er näherte sich dem blutenden Hühnerkörper,
dessen Bewegungen sich zwar verlangsamt hatten, aber noch andauerten, hob ihn
auf und steckte ihn in einen bereitgestellten Eimer.
„So, un jetz geh’ch ärscht ma scheißn.“ Gunther hatte seine Arbeit getan
und verschwand hinter der bewussten Tür mit dem Herzausschnitt. Ihr leuchtend
rotbrauner Anstrich stach gegenüber dem Grau der Stall- und Schuppeneingänge
auffällig hervor.
Thomas war fasziniert von Gunthers grob-freche Benehmen, obwohl er ihn deswegen
längst nicht so bewunderte, wie seine Schwester es tat. Das flaue Gefühl in
seinem Magen hatte sich wieder gelegt. Nun aber musste er sich vor Herrn Brandt
in Sicherheit bringen, der im Eiltempo auf den Hof geradelt kam und zehn
Zentimeter vor den Jungen aus dem Sattel sprang.
„Wo is denn euer Vater?“ fragte der Vorsitzende gehetzt. Seine
Kurzsichtigkeit erlaubte ihm wohl, zwei Personen zu erkennen, jedoch
keinesfalls, sie ihren Familien zuzuordnen.
Wolfgang zuckte mit den Schultern.
„Weeß nich!“ erwiderte er wahrheitsgemäß.
„Ihr müsst doch wissen, wo euer Vater is!“ fauchte der Mann ungeduldig.
Offensichtlich erwartete er von dem größeren Jungen eine Antwort, den er stur
für den Bruder des anderen hielt.
Thomas aber schwieg sich hartnäckig aus. Stattdessen meldete sich Gunthers
Stimme hinter der Holztür: „Ich weeß, wo’r is!“
„Hää?“ Überrascht fuhr der Kurzsichtige herum. „Wer bist’n du?“
„Na, dr Sohn vom Altn“, erhielt er zur Antwort. „Ich weeß ooch, wo ä
is.“
„Na wo?“
„In Hosn.“
„Was???“
„Na, in Hosn! Sie hamm mich gefraachd, wo mei Vatr is, und ich saach: In Hosn.“
Wolfgang und Thomas hielten erst den Atem an und dann die Hand vor den Mund, um
nicht loszulachen. Denn der Genossenschaftsvorsitzende begriff immer noch nicht.
„Was soll’n das bedeuten?“ rief er und zog seine Stirn in harte
Denkfalten.
„Das bedeuded, dass ä ärschndwo is und Hosn anhat“, erläuterte die Stimme
hinter der rotbraunen Herz-Tür sanft. „Sie hamm gefraachd, wo ä is, un ich
saache: In Hosn. In Hosn iss ä. Sonst wärdn se ’n nämich wegfangn, wenn ä
draußn rummloofm wärde.“
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