Geschichten zum Nachdenken von  Jorge Bucay, Ammann, 2006

Jorge Bucay

Habgier
(Leseprobe aus: Geschichten zum Nachdenken (2006, Ammann - Übertragung Stephanie von Harrach).

Beim Ausheben eines Grabens, der mein Gartengrundstück von dem meines Nachbarn abgrenzen sollte, stieß ich auf eine alte Truhe, randvoll mit Goldmünzen.
Für den Wert interessierte ich mich nicht, sehr wohl aber für die Herkunft dieses außergewöhnlichen Fundes.
Ehrgeizig bin ich nie gewesen, und materielle Güter bedeuten mir nicht viel.
Als ich die Truhe freigeschaufelt hatte, holte ich die Münzen heraus und polierte sie. Die armen Dinger waren ganz schmutzig und verrostet.
Ich stapelte sie ordentlich auf meinem Tisch auf und zählte sie.
Es handelte sich um ein wahres Vermögen!
Zum reinen Zeitvertreib begann ich, mir all die Dinge vorzustellen, die man sich davon kaufen könnte.
Ich malte mir aus, wie sehr es einen habgierigen Menschen gefreut hätte, wäre er auf einen solchen Schatz gestoßen.
Zum Glück ...
Zum Glück war das bei mir nicht der Fall ...


Heute ist ein Herr gekommen, der Anspruch auf die Münzen erhebt.
Es ist mein Nachbar.
Dieser Satansbraten versuchte mir glaubhaft zu machen, daß sein Großvater diese Münzen vergraben hätte und daß sie deswegen ihm gehörten.

Ich habe mich derartig aufgeregt ...
... daß ich ihn umgebracht habe!

Wenn er nur nicht so sehr darum gebettelt hätte –
ich hätte sie ihm gegeben,
denn wenn es etwas gibt, das mir gar nichts bedeutet,
dann sind es Dinge, die für Geld zu haben sind ...

Eins kann ich allerdings auf den Tod nicht ausstehen,
und das sind habgierige Menschen.

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