|
|
Schiedsrichter Fertig
(Leseprobe aus: Schiedsrichter Fertig, Eine Litanei, 2007, Residenz)
Für Dietrich Simon
Als ich das Gerichtsgebäude verließ, kam mir der
Gedanke in den Kopf, daß die Redensart Irren ist
menschlich in hervorragender Weise das Kriterium erfüllt,
das auf nahezu alle Redensarten zutrifft: Sie ist
hohl. Hohler als Das Beste kommt immer zum Schluß,
sogar hohler als die ohnehin schon bodenlos dumme
Redensart Die Ausnahme bestätigt die Regel. Es gibt so
viele offensichtlich hohle, dumme und lächerliche Gedanken,
die, in eine Redensart gegossen, von frustrierender
Zählebigkeit sind, doch Irren ist menschlich ist
zweifellos die hohlste aller Redensarten. Als ob uns erst
der Irrtum zu Menschen macht! Als ob Irren erstrebenswert
wäre, als ob der Irrtum den Menschen adelt,
als ob Tiere nicht irren! Als ob Urheber und Verbreiter
dieser Redensart glauben, sich irrende Tiere seien
menschlich! Was ist an einem Vogel, der gegen eine
Scheibe fliegt, menschlicher als an einem Piloten, der
sein Flugzeug sicher landet? Die Methode, Wörter
beim Wort zu nehmen, erlebte ich das erste Mal und
auch am eindrucksvollsten bei Herrn Lüdemann, dem
Vater meiner Mitschülerin Judith Lüdemann, in die ich
mit zehn, elf Jahren verliebt war und die auch im selben
Haus wohnte. Wenn Herr Lüdemann von seiner Arbeit
nach Hause kam, nahm er einen Stuhl, stellte ihn in die
Zimmermitte und begann ein Gespräch mit mir, er
brach mit mir das Brot seines Wissens, indem er unnachahmlich
lustvoll einfach Wörter beim Wort nahm.
Daran dachte ich, während ich aus dem Gerichtsgebäude
trat, wo ich eben als Antragsteller und namens
des Antragsgegners auftrat und dadurch einen Prozeß
gleichzeitig gewinnen und verlieren werde, allerdings
nicht so, wie ich es mir gewünscht hatte, denn als Antragsteller
schätzte ich meine Chancen schlechter ein
als meine Chancen namens des Antragsgegners. Wenn
es andersherum kommt, werde ich den Prozeß zwar
auch gleichzeitig gewinnen und verlieren, aber ich, der
ich auf beiden Seiten stehe, werde ihn dann für die
richtige Seite gewinnen und für die andere Seite verlieren.
Auf beiden Seiten zu stehen ist nicht das gleiche
wie auf keiner Seite zu stehen, dachte ich, aus dem
Gerichtsgebäude tretend, es ist etwas grundsätzlich
anderes.
Auf zwei Seiten zu stehen, das kann ich überhaupt
nicht, darin fehlt mir die Übung, während ich
mir mit dem anderen, dem Auf-keiner-Seite-Stehen,
einen Namen gemacht habe. Auf keiner Seite zu stehen,
unparteiisch zu sein, und das auf hohem Niveau, ist ein
gefragtes Talent. Seit zwei Jahren bin ich sogar weltweit
unparteiisch, doch die paar Klienten, die in mein
Versicherungsbüro kommen, weil sie mit einem FIFASchiedsrichter,
wie es offiziell heißt, plaudern wollen
über berühmte Profis und wie sie wirklich sind, rein
menschlich, stehen in keinem Verhältnis zu den allgegenwärtigen
Feindseligkeiten, wegen vermeintlich fehlerhafter
Pfiffe, in Spielen, an die ich mich selbst kaum
noch erinnere. Das bißchen Interesse und Respekt, das
ich gelegentlich erlebe, wenn ich mich gegenüber Unbekannten
als Schiedsrichter vorstelle, steht in keinem
Verhältnis zu dem Schock und dem Mißtrauen, das mir
viel öfter bei derartigen Gelegenheiten entgegenschlägt.
Wir Schiedsrichter müssen damit leben, in der öffentlichen
Meinung als größenwahnsinnige, herrschsüchtige
und hagestolze Bürokraten zu gelten, die nur Schiedsrichter
geworden sind, um sich an ihrer gottgleichen
Macht zu berauschen. Eitle Pedanten sollen wir sein,
fragt man den Mann auf der Straße, die aus der hündischen
Unterwerfung ihres Alltags ausbrechen und die
Schiedsrichterrolle benutzen, um ihre unterdrückten
Allmachtsphantasien auszuleben. Zu-kurz-Gekommene
sollen wir sein, die nie im Leben was zu melden
haben und auf dem Spielfeld lang angestaute Defizite
kompensieren. So ungefähr sieht die Meinung der
Straße über uns aus. Wobei die sogenannte Meinung
der Straße, nach allem, was ich in den letzten Jahren
beobachtet habe, grundsätzlich die Beute von Kamerateams
ist, die vorzugsweise an Tankstellen Meinungen
einholen, natürlich auch Meinungen über uns Schiedsrichter.
Die Meinung der Straße ist in Wirklichkeit die
Meinung der Tankstelle, und der einfache Mann auf
der Straße ist in Wahrheit jeder, der mit einer Zapfpistole
hantiert. Nirgends sonst auf der Welt werden so
dumme Sachen gesagt wie in Gegenwart von Fernsehteams
an Tankstellen. Ohnehin ist nichts so dumm wie
die sogenannte öffentliche Meinung, aber das Dümmste
an öffentlicher Meinung sammeln immer Fernsehteams
und immer an Tankstellen. Als ob in der benzolhaltigen
Luft das Hirn weich wird und aus der Frage
eine Art Essenz zieht, auf das reflexhaft entfernt verwandte
Stichworte assoziiert werden, die im benzol-
durchweichten Hirn hin und her und schließlich über
die Lippen schwappen. Schiedsrichter? Sind doch alle
blind, die korrupten Verbrecher, der war niemals hinter der
Linie, ist doch alles Schiebung! Tankstellenmeinungen
sind das Unterste und Peinlichste an Meinung, was
über den Sender geht, viel peinlicher als Fußgängerpassagenmeinungen,
peinlicher als Rathausplatzmeinungen
und sogar peinlicher als Bahnhofshallenmeinungen.
Jedes Tankstellenkamerateam scheint zudem
eine Art Untergrenzenerweiterung von öffentlicher
Meinung im Sinn zu haben, denn jeder neue Beitrag
von Tankstellenmeinungen stellt den vorigen Tankstellenmeinungsbeitrag
noch in den Schatten und verwandelt
ihn posthum gleichsam in einen Philosophiekongreß,
so atemberaubend rasant ist die Talfahrt des
Niveaus der Tankstellenmeinungen. Die Tankstellenmeinung
sieht uns Schiedsrichter als lächerliche und
letztlich bemitleidenswerte Wichtigtuer, die sich einen
Trillerpfeifenmachtrausch verschaffen. Zugegeben,
wenn ich einem Superstar Rot zeige, dann fühle ich
mich wie ein Henker, der einen König hängt. Wie ein
Jakobiner, der Adlige köpft. Wie ein Bolschewik bei der
Erschießung des Zaren. Dazu legitimiert zu sein, sich
an jemandem zu vergreifen, dessen Ansehen weit über
dem eigenen steht, ist mit widersprüchlichen Gefühlen
begleitet. Doch anders als die Tankstelle von uns denkt,
hat jeder von uns Schiedsrichtern im kleinen Finger
mehr angeborene Autorität, als alle Tankstellenmeinungen
der ganzen Gilde zubilligen. Kein Schiedsrichter,
der nicht von sich aus eine gewisse Autorität ausstrahlt,
kann auf dem Spielfeld etwas darstellen. Ohne Ausstrahlung,
ohne instinktives Durchsetzungsvermögen
schafft es kein Schiedsrichter auch nur bis zum Münzwurf
im Mittelkreis. Wer schon im Leben versagt, wird
auf dem Spielfeld erst recht versagen. Wer ein verkorkstes
Leben hat, wird auch auf dem Spielfeld verkorkste
Vorstellungen bieten. Was uns im übrigen von den
Fußballern unterscheidet, denn manche der sogenannten
Genies am Ball waren die bedauerlichsten Versager
im Leben. Daß keines der sogenannten Genies am Ball,
egal, ob sie im späteren Leben versagen oder nicht versagen,
wichtigster Mann auf dem Spielfeld sind, sondern
daß der Schiedsrichter der wichtigste Mensch auf
dem Spielfeld ist, muß so wenig betont werden wie die
Tatsache, daß der Chirurg der wichtigste Mensch im
Operationssaal ist. Obwohl die Bedeutung des Schiedsrichters
als dem wichtigsten Mann auf dem Spielfeld
sonnenklar ist, wird sie doch hartnäckig geleugnet,
dachte ich, als ich die Freitreppe vor dem Gerichtsgebäude
hinunterlief. Geleugnet und mit aller Macht
totgeschwiegen. Geleugnet und mit aller Macht totgeschwiegen,
obwohl doch jeder weiß, daß sich, wenn sich zwei Mannschaften
in identischer Aufstellung innerhalb einer Woche begegnen,
zwei völlig unterschiedliche, ja grundsätzlich andere Spiele entwickeln
können,
so wie auch ein und dieselbe Patientin ein gänzlich entgegengesetztes
Schicksal erwarten kann, je nachdem, ob
sie von diesem oder von jenem Chirurgen operiert wird.
So wie eine Operation gleichsam mit den Schnitten
entsteht, an ihnen entlang vollzogen wird und mit
jedem Schnitt mehr Gestalt annimmt, so entsteht auch
ein Spiel mit den Pfiffen, wird an ihnen entlang vollzogen
und nimmt mit jedem Pfiff mehr Gestalt an.
Ich habe es in der Hand, ein Spiel völlig zu zerpfeifen,
wie es ein Chirurg in der Hand hat, seine Patientin völlig
zu zersäbeln, und mir kann ein Spiel aus dem Ruder
laufen, wenn ich die nötigen Pfiffe scheue, wie auch ein
zaghafter Chirurg dem Übel nicht Herr wird, wenn er
die nötigen Schnitte scheut. Während jedoch Chirurgen
mit ihrer Bedeutung kokettieren und ohne mit der
Wimper zu zucken die ungeheuerliche Bemerkung
stehenlassen, der Chirurg sei der wichtigste Mensch
im Operationssaal, wo es doch der Patient ist, ist es mir
nur unangenehm, wenn die überragende Bedeutung
der Schiedsrichter betont wird. Gewiß, der Schiedsrichter
ist im wahrsten Sinne des Wortes der Spielgestalter,
der eigentliche Spielmacher – aber kein Schiedsrichter kostet
diese Rolle auch noch aus. Und darf sie auch nicht auskosten.
Als der beste Schiedsrichter gilt derjenige, den man gar nicht merkt.
Das meinen jene, die sich zumindest oberflächlich mit dem Schiedsrichter
beschäftigen.
Der überwiegende Teil des Publikums beschäftigt sich
ja nicht mal oberflächlich mit Schiedsrichtern, sondern hat sich in der Meinung
eingerichtet, daß Schiedsrichter erstens blind und zweitens
bestechlich sind. Aber jenseits von dieser Tankstellenmeinung
hat es der Gedanke, daß man den besten
Schiedsrichter nicht merkt, zu einiger Popularität ge-
bracht. Der Schiedsrichter sollte dieser Ansicht zufolge
ein über den Platz oszillierendes Neutrum sein, das nie
dem Ball oder den Spielern im Wege steht und sozusagen
ein Medium ist, das den in Worte gefaßten Fußballregeln
zu ihrer Geltung im Spiel verhilft. Der Dolmetscher,
der die Theorie der Fußballregeln mittels
Trillerpfeife und Gesten in die Praxis des Spielgeschehens
übersetzt. Unparteiisch, unbestechlich, blind und
taub gegenüber den Zuschauern, wie überhaupt alles
ignorierend, was außerhalb des Spielfeldes stattfindet.
Träfe die hohle Redensart Irren ist menschlich zu, wären
unmenschliche Schiedsrichter gleichsam erwünscht,
denn jeder schiedsrichterliche Irrtum zieht bekanntlich Diskussionen
nach sich – und schon spräche man über
den Schiedsrichter, was wiederum dem Anspruch entgegensteht,
daß man ihn nicht merken darf. Eine Art
Bürokrat im Weberschen Sinne soll er also sein, also
einer, der mit Regeln gefüttert wurde und Entscheidungen
produziert, ohne Ansehen der Person, dank sturer
und zuverlässiger Regelauslegung. Das klingt ungeheuer
staatstragend, und die Tatsache, daß ein Schiedsrichter,
der es weit bringen will, spätestens mit sechzehn Jahren
anfangen muß, tritt zuverlässig weitere Lawinen von
Verdächtigungen los. Denn daß Spitzenschiedsrichter
ihre Pubertät damit verbracht haben, ihre eigene Regelgläubigkeit
zu entdecken und sich in eine fanatische, lebenslang
vorhaltende Regelwütigkeit hineinzusteigern,
liegt weit jenseits der Norm, nach der die Pubertät
mit Trotz, Rebellion und antiautoritären Affekten zuzubringen
sei. Was meine Person angeht, spielte ich Fußball,
seit ich zehn war, wie tausende auch, und machte
mit sechzehn einen Wochenendkurs für Schiedsrichter,
weil mein Verein einen Schiedsrichter stellen mußte.
Die Wahl fiel auf mich, weil ich wegen einer Roten
Karte für zwei Spiele gesperrt war und demnach an
dem Kurs teilnehmen konnte, ohne der Mannschaft bei
den Wochenendspielen zu fehlen, denn aufgrund der
Sperre fehlte ich ihr ja sowieso. Nichts daran ist außergewöhnlich,
nichts deutete darauf hin, daß ich es weit
bringen würde, und das Kuriosum, daß ich einer
Schiedsrichterentscheidung, und zwar einer Schiedsrichterentscheidung
gegen mich, den Beginn meiner
Schiedsrichterkarriere verdanke, ist ein Happen, auf den
sich noch jeder Pressemensch dankbar gestürzt hat;
Geschichten dieser Art mögen sie. Die Pointe, es hätte
sich um eine unberechtigte Rote Karte gehandelt und
ich wäre nun Schiedsrichter geworden, um es besser zu
machen, um das Unrecht von den Fußballplätzen zu
verbannen, kann ich denen, die mich interviewen, nicht
bieten, obwohl sie eine solche Pointe sehr gern hören
würden, denn eine Pointe, die ein stimmiges Bild von
einem Schiedsrichter erzeugt, das lieben sie. Wie sie
überhaupt stimmige Bilder lieben. Die ganze Welt mag
unstimmig sein, widersprüchlich, dissonant, unerklärlich
und völlig gaga, doch die Zeitungen zeichnen
stimmige Bilder, die Kommentare sind logisch, das
Fernsehen berichtet von simplen und übersichtlichen
Konflikten, und nach dreieinhalb Minuten oder hundertfünfzig
Zeilen ist alles klar, eindeutig und geordnet.
Die Geschichte von dem zu Unrecht vom Platz Gestellten,
der daraufhin auszieht, Schiedsrichter zu werden,
hätte ins Bild gepaßt. Doch mit dieser Geschichte
kann ich nicht dienen, woraufhin all diese Reporter
und Interviewer enttäuschte Gesichter machen, als sei
daran schuld, daß meine Schiedsrichterwerdung dieser
oder irgendeiner anderen Pointe entbehrt.
Rezension I Buchbestellung I home IV07 LYRIKwelt © Residenz