Die gute alte Zeit von Günter Brus, 2002, Jung und JungGünter Brus

Die gute alte Zeit
(Leseprobe aus: Die gute alte Zeit, 2002, Jung und Jung)

Später erhielten meine Eltern über den Weg meines Zeichenlehrers Mlekusch, welcher mit mir zusammen im Grazer Künstlerhaus vor einem Akt von Lovis Corinth geheim errötet war, den Tatsachenbericht, daß ich für eine künstlerische Laufbahn unbedingt geeignet wäre. Dann hob ein großes Nachdenken an, welche Kunst zu Gunsten meiner Zukunft für mich am geeignetsten wäre. Man eignete sich rasch auf "Schaufenstergestalter".

In Wahrheit: Mir ekelte meistens vor meiner Kunst. Oft, wenn ich ein Gedicht auf ein unbescholtenes Blatt bringen wollte, wurde mir speiübel, und vor manch einer Zeichnung erbrach ich mich. Vor jeder Bild-Dichtung erzitterte ich am ganzen Leib, und vor jeder Aktion verschluckte ich eine Dose gekelteter Rebläuse.

Die Kindheit ist ein Rätsel, ein Rebus aus Bildfragmenten. (...)
Die Erinnerung ist neunundneunzig Prozent Vergessenheit. Ein Prozent Wahrheit wird, wie man so sagt, ins Leben hinübergerettet.
Das Nachdenken gleicht einem Flugzeug, das im Absturz einen Lebenslauf durchwandert.
Die Zeit spielt im Leben keine Rolle, denn der Raum ist zu eng, um der Zeit im Todeskampf die Erinnerung einzuräumen.
Nur wer nie geboren wurde, kann sich an alles erinnern.

Schon damals stellte ich insgeheim fest, daß Kunst und Leben sich vertragen wie Sonne und Butter.

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