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Der Weg zum Tode
(aus: Geheime Zimmer, Roman,
2002, DVA)
Plötzlich war Post von Nico Sibelijn da. Ein zusammengefaltetes Blatt aus handgeschöpftem Papier mit Wasserzeichen. Darauf stand die mit pseudogotischen Lettern gedruckte Einladung zu seiner akademischen Antrittsrede. Mit Füllfeder – dünner Spitze, schwarze Tinte – hatte er dazu gekritzelt: Du kommst doch? Herzlich. Nico.
Wir hatten uns viele Jahre weder gesehen noch gesprochen, geschrieben hatten wir uns auch nicht mehr. Mit dem Abschluß unseres Studiums, kurz nacheinander im selben Jahr, hatte die Entfremdung zwischen uns begonnen und war mit der Zeit gewachsen. Wie so was eben geht. Beruf, Heirat, Kind, Hypothek, Karriere – obwohl letzteres auf mich nicht zutrifft.
Nach einer Dozentur von ein paar Semestern ließ Nico sich für lange Zeit in Florenz nieder, um Material für sein gelehrtes Thema zu sammeln. Unsere Korrespondenz von ständig kürzer werdenden Briefen schlief ein. Schließlich hörten auch die Urlaubs- und Neujahrsgrüße auf.
Ich habe ihn nie vergessen, aber im Laufe der Zeit verblaßte die Erinnerung an ihn. Manchmal las ich seinen Namen in der Zeitung. Daher wußte ich, daß er es bis zum Professor gebracht hatte. Manchmal sah man ihn kurz im Fernsehen. Irgendein Kongreß über ein prähistorisches Thema, den er leitete oder auf dem er sprach. Allerdings blieb seine Adresse all die Jahre in meinem Adreßbuch stehen, mit mehrmaligen Änderungen. Wenn ich mir ein neues anschaffte, übertrug ich brav seine
Auch ich erschrak so, daß mir einen Augenblick lang blutrot, pechschwarz vor Augen wurde und mein Herz zu hämmern anfing. Im Raum neben der Aula hatte es einen fürchterlichen Schlag getan, dann folgte das Scheppern von fallenden Gegenständen und zerbrechendem Glas. Nico schob sich die heruntergerutschte Brille wieder hoch. An diese Gebärde, zum zigmillionsten Mal in seinem Leben, erinnerte ich mich. Mit der Spitze des linken Zeigefingers rückte er die Brille mit einem kleinen Stoß über den Nasensattel nach oben und drückte sie einige Sekunden in den Fleischwulst, der sich dort gebildet hatte. Während die Geräuschexplosion noch nachhallte, sah er mir, mit der Fingerspitze zwischen den Augen auf seine Stirn zeigend, direkt ins Gesicht. Er erkannte mich nicht gleich. Doch dann hellte sich seine Miene auf, und er lächelte zerstreut. Während er an mir vorbeiging und wieder vor sich sah, stieß die von seinem Barett baumelnde Troddel leicht an seine Ohrmuschel und blieb dort wie eine Spinne hängen.
Während seiner Rede und beim Empfang danach wiederholte sich das endlos, wobei Nico die Troddel jedesmal mit einem jähen Ruck des Kopfes wieder zum Baumeln brachte. Wobei seine Brille abrutschte. Die er mit der stereotypen Bewegung auf ihren Platz zurückstieß. Jeder andere hätte das Barett ein paar Zentimeter verschoben, jeder andere hätte längst etwas an der Brille ändern lassen. Nicht so der hochgelehrte Sibelijn. Es wird wohl mit seiner Lebenshaltung zu tun haben. Er trug seine Rede mit derselben Stimme vor, mit der er früher mit mir und anderen diskutiert hatte. Ruhig, bedächtig, selbstsicher, mit ängstlich verdeckter Leidenschaft. In der kirchenartigen Aula bekamen seine Sätze einen diffusen Hall, der ebensogut zum Thema seiner Vorlesung paßte wie die feuchte Luft, die den Raum füllte, während der Regen über die bunten Glasszenen rann. Anschrift, und sei es nur, weil ich wußte, daß er noch nicht zu den durchgestrichenen Toten gehörte, die aus einem solchen Büchlein alle paar Jahre ein Friedhofsverzeichnis machen.
Die Antrittsrede handelte von Fossilien. Ich saß hinten in der vollen Aula auf einem Platz am Mittelgang. Draußen regnete es. In dem feierlichen Raum mit den Säulen und den farbigen Glasfenstern roch es schon bald nach feuchten Kleidern.
Es war an einem Nachmittag im Oktober vor drei Jahren, das heißt vor drei Jahreszahlen, zwei Herbste ist es her. Ich hatte eine vierstündige Autofahrt hinter mir, die Viertelstunden, die ich durch eine falsche Ausfahrt verloren hatte, mit eingerechnet. Endlich in Sterdrecht angekommen, konnte ich das Gebäude, in dem die Feierlichkeit stattfinden sollte, nicht finden. Parkte das Auto an einer verbotenen Stelle am Flußufer und ging zu Fuß weiter, während der Regen sich dann und wann zu nassem Schnee verdichtete.
Nico hatte sich verändert. Älter geworden natürlich. (Als ob man mir die ewige Jugend ansähe!) Als der Zug der Professoren in die Aula schritt und alle Anwesenden sich erhoben, sah ich ihn wie aus der Vergangenheit auftauchen. Er ähnelte dem Bild, das ich im Gedächtnis bewahrt hatte, doch so, wie ein Dreiundvierzigjähriger seinem Porträt von vor zwanzig Jahren ähnelt.
In seiner roten Toga, Barett auf dem Kopf, ging er als letzter in der Reihe, beide Hände über dem sichtbar gewachsenen Embonpoint. Seine Brille hatte jetzt stärkere Gläser, hinter denen seine trägen, von Grübelfältchen umspielten Augen wie in Gelatine schwammen. Anderthalb Meter von mir entfernt hob er plötzlich den Kopf und erstarrte, erschrocken wie alle anderen.
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