Martyn Pig von Kevin Brooks, 2004, dtv

Kevin Brooks

Mittwoch
(Leseprobe aus: Martyn Pig, Jugendroman, 2004, dtv - Übertragung Uwe-Michael Gutzschhahn)

Schwer zu sagen, wo ich anfangen soll. Ich meine, ich könnte natürlich aufzählen, wo ich geboren bin, wie es gewesen ist, als Mum noch da war, was passiert ist, als ich ein kleiner Junge war, den ganzen Kram, aber es ist nicht wirklich wichtig. Oder vielleicht ist es ja doch wichtig. Ich weiß es nicht. An das meiste erinnere ich mich sowieso nicht mehr. Sind alles nur Schnipsel von Dingen, die vielleicht, vielleicht auch nicht passiert sind - Bilderfetzen, vage Gefühle, verblichene Fotos von namenlosen Leuten und vergessenen Orten - solche Sachen. Egal, räumen wir erst mal den Namen aus dem Weg.
Martyn Pig.
Martyn mit y, Pig mit i und einfachem g.
Martyn Pig.

Ja, ich weiß, Pig wie Schwein. Keine Sorge. Es macht mir nichts mehr aus. Ich hab mich dran gewöhnt. Aber du kannst dir ja vorstellen: Es hat eine Zeit gegeben, da schien nichts anderes von Bedeutung. Mein Name machte mein Leben unerträglich. Martyn Pig. Warum? Warum musste ich damit klarkommen? Mit den erschrockenen Blicken, dem höhnischen Gelächter und Gegrinse, dem Schnauben, den ewigen Schweinewitzen, tagein, tagaus, immer und immer wieder. Warum? Warum ich? Warum konnte ich keinen normalen Namen haben? Keith Watson, Darren Jones - so was in der Art. Warum war ich mit einem Namen geschlagen, der jeden den Kopf umdrehen ließ, mit einem Namen, der mir immer sofort Bekanntheit verschaffte. Einem komischen Namen. Warum?

Es war auch gar nicht nur dieses Namen-Hinterherrufen, das ich aushalten musste, sondern einfach alles. Jedes Mal, wenn ich jemandem meinen Namen sagen musste, fühlte ich mich krank. Physisch krank. Schwitzige Hände, totales Zittern, Bauchschmerzen. Ich habe jahrelang mit der ständigen Angst gelebt, mich irgendwo vorstellen zu müssen.
»Name?«
»Martyn Pig.«
»Wie bitte?«
»Martyn Pig.«
»Pig?«
»Ja.«
»Martyn Pig?«
»Ja, Martyn mit y, Pig mit i und einfachem g.«

Wenn du nicht selbst einen sonderbaren Namen hast, kannst du dir nicht vorstellen, wie das ist. Du verstehst es nicht. Es heißt, Stock und Stein sind gemein, aber Wörter können dir nicht wehtun. Ach ja? Also, wer sich den Spruch ausgedacht hat, mussein Vollidiot gewesen sein. Ein Vollidiot mit ganz normalem Namen wahrscheinlich. Wörter tun weh. Porky, Piggy, Pigman, Oink, Bacon, Stinky, Porker, Grunt... Möchtest du vielleicht Fettsack, Schweinchen, Schweinemann, Speck, Stinker, Mastvieh oder Grunz heißen?
Ich gab meinem Dad die Schuld. Es war sein Name. Ich hatte ihn mal gefragt, ob er nie daran gedacht hätte, ihn zu ändern.
»Wen?«
»Unsern Namen. Pig.«
Er griff nach seinem Bier und sagte nichts.
»Dad?«
»Was?«
»Nichts. Egal.«

Ich brauchte ziemlich lange, bis ich kapierte, wie man mit dem Namen-Hinterherrufen am besten fertig wird - man ignoriertes einfach. Es ist nicht leicht, aber inzwischen weiß ich: Wenn man die Leute tun und denken lässt, was sie wollen, und dabei die eigenen Gefühle einigermaßen im Griff hat, wird ihnen nach einer Weile langweilig und sie lassen dich in Ruhe.
Bei mir hat es jedenfalls genützt. Ich muss mich zwar immer noch jedes Mal, wenn ich meinen Namen sage, mit komischen Blicken rumschlagen. Neue Lehrer, Bibliothekare, Ärzte, Zeitschriftenhändler, alle verhalten sich gleich: Augen zusammenkneifen, Stirn runzeln, zur Seite schauen - soll das ein Witz sein? Und dann die Verlegenheit, wenn sie merken, es ist kein Witz. Aber ich komm damit klar. Wie ich schon sagte: Ich hab mich dran gewöhnt. Man kann sich so ziemlich an alles gewöhnen, wenn es nur lang genug anhält.

Wenigstens nennt mich keiner mehr Porky. Na ja... jedenfalls nicht mehr so oft.
Das, wovon ich dir erzählen werde, ist alles vor gut einem Jahr passiert. Es war die Woche vor Weihnachten. Ein Mittwoch.
Ich war in der Küche und füllte einen Plastikmüllsack mit leeren Bierflaschen, Dad stand gegen den Türrahmen gelehnt, rauchte eine Zigarette und beobachtete mich mit blutunterlaufenen Augen.
»Du bringst sie aber nicht zum Container?«, meinte er.
»Nein, Dad.«
»Scheiß Unweit hier, Unweit da ... wenn die Scheißkerle meine leeren Flaschen wiederhaben wollen, sollen sie zahlen. Ich krieg sie auch nicht umsonst.«
»Nein.«
»Warum soll ich sie hergeben? Was hat denn die Unweit für mich getan?«
»Hmmm.«
»Scheiß Container...«

Er unterbrach sich, um an seiner Zigarette zu ziehen. Ich überlegte, ob ich ihm sagen sollte, dass es nicht Unweit heißt, aber es war mir egal. Ich füllte den Müllsack, band ihn zusammen und schnappte mir einen zweiten. Dad betrachtete sein Spiegelbild in der Glastür und rieb sich die Tränensäcke. Er hätte ein ganz stattlicher Mann sein können, wenn nicht das Trinken gewesen wäre. Stattlich auf seine Art, klein und brutal. 1,70 groß, Mund wie ein knallharter Typ, kantiges Kinn, öliges schwarzes Haar. Er hätte aussehen können wie ein badguy im Film - einer, bei dem die Weiber schwach werden, obwohl sie genau wissen, dass die Typen mies sind -, aber das tat er nicht. Er sah aus wie das, was er war: ein Trinker. Dicker kleiner Bauch, rot geäderte Haut, gelb verfärbte Augen, hängende Wangen und ein großer wulstiger Nacken. Alt und verbraucht mit vierzig.

Er beugte sich über die Spüle, hustete, spuckte und schnippte Asche in den Ausguss. »Die grässliche Alte kommt am Freitag.«
Die grässliche Alte war meine Tante Jean. Dads ältere Schwester. Eine furchtbare Frau. Stell dir die schlimmste Person vor, die du kennst, und nimm alles mal zwei - was du dir dann ausmalst, kommt immer noch nicht ran an Tante Jean. Um die Wahrheit zu sagen, ich halte es kaum aus, sie zu beschreiben. Rasend ist das Wort, das einem zuerst einfällt. Verrückt, hässlich und rasend. Eine knochige Frau, kalt und hart, mit blauem Kraushaar und einem Gesicht, das einen schaudern lässt. Ich weiß nicht, welche Farbe ihre Augen haben, aber sie sehen aus, als ob sie sie nie schließen würde. Sie strahlen ungefähr so viel Wärme aus wie zwei bodenlos tiefe Teiche. Ihr Mund ist schmal und rot wie ein englischer Briefkasten, den ein geistig gestörtes Kind gemalt hat. Und sie geht schneller, als die meisten Menschen rennen. Sie bewegt sich wie eine Jägerin, leise und flink, auf ihre Beute fixiert. Früher hatte ich Alpträume von ihr.

Sie kam jedes Jahr in der Woche vor Weihnachten. Ich weiß nicht, wozu. Sie saß bloß rum und stöhnte drei Stunden lang über alles. Und wenn sie nicht stöhnte, schwirrte sie durchs Haus, fuhr mit ihren Fingern über den Staub, untersuchte die Schränke, runzelte ihre Stirn über die schmutzigen Fenster und nörgelte an allem rum.
»Mein Gott, William, wie kannst du so leben.«
Für alle andern hieß mein Dad Billy, aber Tante Jean nannte ihn immer bei seinem vollen Namen, wobei sie die erste Silbe des Wortes total übertrieben betonte - William sagte sie, was ihn jedes Mal zurückzucken ließ. Er verabscheute sie. Hasste sie. Die Frau jagte ihm Todesängste ein. Was er tat, war alle seine Flaschen zu verstecken, bevor sie kam. Meistens oben auf dem Boden. Leiter rauf, wieder runter, Arme voll mit klirrenden Flaschen, und sein Gesicht wurde von Minute zu Minute röter, während er die ganze Zeit murmelte: »Scheiß Weib, scheiß Weib, scheiß Weib, scheiß Weib...«

Normalerweise machte er sich nichts draus, was andere Leute von seiner Trinkerei hielten, aber bei Tante Jean war das anders. Als Mum uns verließ - das ist Jahre her -, hat Tante Jean nämlich versucht das Sorgerecht für mich zu bekommen. Sie wollte, dass ich bei ihr lebe und nicht bei Dad. Weiß der Teufel, warum, gemocht hat sie mich jedenfalls nie. Andererseits: Dad mochte sie noch weniger, sie hat ihm die Schuld an der Scheidung und allem gegeben, sie hat gesagt, er hätte Mum an den Rand der Verzweiflung getrieben und sie würde nicht zusehen, wie er auch noch das Leben eines unschuldigen kleinen Jungen ruiniert. Was natürlich totaler Blödsinn ist.

Mein unschuldiges Leben war ihr komplett egal, sie wollte bloß Dad noch zusätzlich eins reinwürgen, als er schon am Boden war, wollte dahin treten, wo es so richtig schön wehtut, und ihm alles nehmen. Sie verachtete ihn genauso stark, wie er sie verachtete. Ich weiß nicht, warum. Irgend so ein Bruder-Schwester-Ding. Egal,jedenfalls war ihr Plan, Dad als Trinker bloßzustellen. Sie rechnete damit, dass das Amt, wenn es erst mal erfuhr, wie oft Dad komplett betrunken war, zu ihren Gunsten entscheiden würde. Nie würde man zulassen, dass ich mit einem Säufer zusammenlebte. Aber sie machte ihre Rechnung ohne Dad. Er brauchte mich mehr, als sie es tat. Ohne mich war er einfach nur ein Trinker. Aber mit mir war er ein Trinker mit Verantwortung, ein Trinker mit Kindergeld, ein Trinker mit jemandem, der das Erbrochene aufwischt.

Nachdem er erfahren hatte, dass sich Tante Jean um das Sorgerecht bemühte, rührte er zwei Monate oder länger keine einzige Flasche mehr an. Keinen Tropfen. Keinen Schluck. Es war beachtlich. Er rasierte sich, wusch sich, trug einen Anzug und lächelte sogar ab und zu. Ich fing schon fast an ihn zu mögen. Tante Jeans Sorgerechtsfall war ein Rohrkrepierer. Sie hatte nicht die geringste Chance. Was den Rest der Welt betraf, so galt Mr William Pig als der ideale Vater.
Am Tag, als ich offiziell Dads liebevoller Fürsorge überschrieben wurde, ging er einen heben und kam drei Tage nicht nach Hause. Und als er schließlich zurückkam - unrasiert, mit verschwommenem Blick, stinkend -, kam er in die Küche geschlurft, wo ich gerade Tee machte, beugte sich zu mir runter, grinste wie ein Irrer und nuschelte mir ins Gesicht: »Kennste mich noch?«

Dann stolperte er hinüber zum Ausguss und übergab sich. Das war also der Grund, warum er die Flaschen versteckte. Er wollte Tante Jean keinen Vorwand liefern, die Sorgerechtsdebatte neu aufzurollen. Es war weniger der Gedanke, mich zu verlieren, der ihm Kummer machte, als vielmehr die Vorstellung, noch mal zwei Monate absolut gar nichts trinken zu können.

»Scheiß Weib«, murmelte er von neuem, als ich mich jetzt über Dosen hermachte und sie zu flachen Scheiben stampfte, mit denen ich einen weiteren Müllsack füllte. »Sie kommt um vier«, fuhr er fort, »übermorgen, also sorg dafür, dass hier alles aufgeräumt ist.«
»Ja«, sagte ich, wischte mir das abgestandene Bier von den Handflächen und holte einen weiteren schwarzen Sack. Dad sah noch eine Weile zu, dann drehte er sich um und schlurfte ab ins Wohnzimmer.
Weihnachten bedeutete uns gar nichts. Es war einfach ein paar Wochen schulfrei für mich und eine gute Entschuldigung für Dad zu trinken, auch wenn er dazu eigentlich keine Entschuldigung brauchte. Es herrschte keine festliche Stimmung bei uns, es gab kein Wohlgefallen anderen Menschen gegenüber, keine Stechpalmen und keinen Mistelzweig - es waren nur kalte, verregnete Tage, an denen nichts weiter passierte.

Ich verbrachte den größten Teil des Mittwochnachmittags in der Stadt. Dad hatte mir ein bisschen Geld gegeben - vier versiffte Fünf-Pfund-Scheine - und gesagt, ich solle »ein paar Sachen für Weihnachten kaufen: Truthahn, Kartoffeln, Geschenke... Rosenkohl, solche Sachen«. Es war eigentlich zu früh, jetzt schon die Essenssachen anzuschleppen, Weihnachten war noch eine ganze Woche hin, aber ich hatte nicht vor mit ihm über dieses Thema zu diskutieren. Wenn er wollte, dass ich einkaufen ging, dann ging ich eben. So hatte ich wenigstens was zu tun.

Auf halbem Weg die Straße runter hörte ich es plötzlich hinter mir brüllen - Mar'n! -, und als ich mich umdrehte, sah ich Dad, der sich mit nackter Brust und Zigarette zwischen den Lippen aus dem Schlafzimmerfenster beugte.
»Vergess nich die scheiß ... wie heißt das Zeug?«, schrie er und machte mit beiden Händen eine reißende Bewegung, als ob er an zwei unsichtbaren Bändern zöge.
»Was?«, rief ich zurück.
Er nahm die Zigarette aus dem Mund, schaute einen Moment mit leerem Blick in die Ferne und platzte dann heraus: »Kracher! Kauf so scheiß Weihnachtskracher. Große, ja, nicht die winzigen Scheißdinger.«

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