Schampanninger von Max Bronski, 2008, Kunstmann

Max Bronski

Schampanninger
(Leseprobe aus: Schampanninger, Roman, 2008, Kunstmann).

Zuerst machte es heftig Klack, ein derber Handschlag von Kontakt zu Kontakt, den sonst nur alte Eieruhren beherrschten, die ihre Minuten zu Ende gezählt hatten. Dann ging ein Rauschen durch mein Schlafzimmer.

– Guten Morgen, München!

Dieser Gruß kam scheppernd von links unten. Mein Radiowecker. Leicht beduselt, aber von preußischem Geist beseelt, hatte ich ihn gestern Abend unter das Bett gekickt. Vorsichtshalber, man kannte sich ja.

– Das ist der Weihnachts-Countdown.

Erbarmen! Hatten wir in der guten alten Zeit dafür nicht den Adventskalender? Und jetzt wurde auch noch eine Uschi ins Studio durchgeschaltet. Sie rief den geliebten Heimatsender von ihrem Appartement in Kitzbühel aus an. Ich kroch unters Kissen. Was hatte ich denn da für einen Irrsinn von Frequenz eingestellt? Man glaubte sich durch Erfahrung gewitzt, mied alle Sender, die skrupellos Jingle Bells oder George Michael abnudelten, und lief dann völlig unvorbereitet in Uschis alpenländische Verbalschwinger, mit denen sie ihrer Freude auf den heutigen Nikolausabend am Kachelofen Ausdruck verlieh. Im Halbschlaf war man vollkommen machtlos und den Bildern dieses schlechten Traums ausgeliefert. Und danach waren solche Uschis ledrig durchgebräunte Blondinen, die wie Schwestern von Hansi Hinterseer aussahen. Ende Oktober stellten diese grünen Witwen ihre Besuche am Gardasee ein. Nach einer kurzen Trauerphase, die um Allerheiligen herum ihr Ende fand, konzentrierten sie sich dann ganz auf Kitzbühel.

Das Gute lag so nah, gerade mal ein Stündchen oder weniger entfernt, je nach dem, was vorne unter der Haube steckte. So lange war man früher mit der Tram nach Pasing oder Grünwald kutschiert. Aus Vernunftgründen leistete man sich irgendwann doch das eigene Appartement in den Bergen, denn abends alkoholisiert wieder zurückzufahren, wäre verantwortungslos.

Eines Tages waren die Kinder erwachsen und man kannte inzwischen das Speckknödel servierende Personal mit Spitznamen. Also blieb man gerne auch die Woche über dort, zumal die Frau unangefochten ihren Pelz durch die Gassen tragen durfte. Allein das machte das Städtchen einzigartig auf der Welt.

– Kitzbühel, fragte der Moderator. Ist das dieser Vorort von München?

Zu diesem Brüller ließ er die Publikumskonserve johlen.

Aber wo war da der Witz? Wenn damit nicht alle Steuervorteile von Uschis Ehemann zunichte würden, hätte man die Eingemeindung in der Tat längst versucht.

Jetzt wurde Uschi auch noch zeckig. Bald sei Schluss mit der Gemütlichkeit. Die Russen würden in Scharen einfallen. Man kannte diese Leier! Der Tourismus- oder Heimatverband warnte, schließlich waren prügelharte soziale Gegensätze aufgebrochen. Sogar der gut gesäumte Münchner Kaufmann hatte nicht den Hauch einer Chance und fühlte sich regelrecht gemobbt, wenn der Russe den Rubel brutal rollen ließ und für Anoraks in Goldlamé und die elefantenfußgroßen Fellboots gerne auch das Doppelte oder Dreifache hinlegte.

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