aus: Leas siebter Brief
»Ihr Haus?
wiederholte sie süffisant.
»Mein Haus! Und sie schnüffeln hier herum!«
Sie schritt gemächlich und mit jenem herausfordernden Arsch-Gang, wie ihn hier die
Upper-Class-Frauen haben, zu meinem Arbeitstisch, griff sich einen Pinsel zum
Glück nicht den Rotmarder, sondern einen dünnen kleinen und knickte ihn ab.
»Meine Sachen! Sie rühren das nicht an!«
Ich machte einen Satz und nahm den Rotmarderpinsel an mich.
»Oh«, sagte sie spitz, »die Reihenfolge ist falsch.«
»Die Reihennfolge!« schrie ich.
»Also Ihr Haus. Ihre Miete. Ihre Intimsphäre, kleine
Zonenhure ... Und was ist mit meiner?«
»Hauen Sie ab! Halten Sie Ihren Mund!« Ich war außer mir. »Lassen Sie mich einen Arzt
rufen, der gibt Ihnen Beruhigungspillen. Ich kann solche Szenen nicht brauchen. Ich lasse
mich nicht beschimpfen nicht in meinem Haus.«
»Ph! Ihr Haus. Ich weiß noch schlimmere Szenen! Szenen, die Sie nicht für
möglich halten würden...« Ihr Gesicht war weiß.
»Sind Sie Schauspielerin oder was?«
»Ein kleines Hobby«, sagte sie. »Was würden Sie an meiner Stelle tun, wenn Sie
wüßten, da wohnt eine Frau, die ideale Partnerin für so 'ne kleine Szene? Sie gehen so
gedankenverloren vor sich hin und stehen plötzlich vor ihrem Haus...«
»Sie sind an der falschen Adresse, Madam.«
Das Wort Zonenhure arbeitete verspätet in meinem Gehirn, doch zum Nachdenken blieb mir
wenig Zeit.
»Bin ich nicht.« Sie lachte wie eine Wahnsinnige. »Wohnt hier nicht Judith Herzfeld,
Bonzenleckerin aus Ostberlin?«
Gawnó, sie war's. Ich hätte diese brutale Terroristin nicht mit Johannes in
Verbindung gebracht. Die Frau war verrückt. Ich fühlte mich überrumpelt, voll Angst.
Aber ich versuchte, mich zu wehren, mit zitternden Knien, stechendem Herzen. Ich war noch
nie in meinem Leben so angegriffen worden, und ihre ordinären Vorwürfe und Beleidigungen
empörten und trafen mich.
»Hauen Sie ab!« Ich wiederholte mich.»Und Ihre Wortwahl sagt eine ganze Menge über Sie
aus. Ich laß mich von Ihnen nicht so beschimpfen.« Meine Stimme brach. Harte
Arbeit, das Bild wegzuschieben, Johannes und diese Frau...
»Genauso«, sagte sie »hab ich Sie mir immer vorgestellt ... eine entfesselte
Kleinbürgerin ... Lust, ein bißchen aus dem Ostmuff herauszukommen und zu lernen, wie
man Hummer ißt? Geil darauf, eine Westfrau im Bett zu unterwandern?« Sie keuchte fast.
»Scharf darauf, wenigstens einen kleinen Zipfel des goldenen Westens zwischen den Beinen
zu spüren? Versessen darauf, zu wissen, wie's so ein Westmann macht?« Schon pulte ich
wie sie an meinen Nagelmonden und biß mir kleine Hautfetzchen ab.
Ehe ich mich's versah, war sie an meinem alten Plattenspieler, griff sich Norma aus meinem
schmalen Sortiment heraus und umgab uns mit dem herzzerreißenden Gesang des dritten Akts.
Dann ging sie, als existiere ich nicht zu meinem Futon, packte mit entschlossenem Griff
die Grappaflasche und schenkte sich ein.
Meine Erinnerungsbilder erfassen ein Aufspringen, einen Schlag auf ihre Hand, ein Gepolter
und ihre Stimme, die kühl sagte: »Machen Sie das nicht noch einmal.«
»Aber das ist nun mal mein Grappa.«
»So, so!« sagte sie. »Ich glaube, wir nähern uns dem eigentlichen Problem. Ich habe
das Privateigentum anderer stets respektiert. Wenn Sie es nicht angesprochen hätten,
hätte ich es auch nicht erwähnt. Aber der Grappa hier, wenn Sie gestatten, gehört nicht
Ihnen, sondern Johannes.«
Sie trank das Glas aus und warf es mit voller Wucht gegen die Wand...
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