Karl Bröger

Totentanz

Ein Nachmittag... Wir marschieren flott
durch Quiery-la-Motte.

Schon vier Stunden im Sonnenscheine,
dreckig und speckig wie wilde Schweine,
wälzen und sühlen wir uns im Gras
und tun uns was

an träger Wonne, an fauler Güte...
Morgen sind wir vielleicht in der Tüte.

Drüben am andern Straßenrand
ein toter Franzmann auf Steinen und Sand
vom Regiment zweihundertundzehn,
erbaulich und friedlich anzusehn.
Der Tote streckt sich stramm, steif und still,
nach Vorschrift und altem Kasernenhofdrill
die Hände fest an den Hosennähten,
als wär er vor dem Tod angetreten.

Was für ein Ton?
„Kameraden, hört ihr das Grammophon?“

Mit Schlagzeug-Remblem und Rataplan
fängt hinter uns eine Musike an.
Was wird in Quiery-la-Motte gefeiert?
Es werkelt und quakt, es quietscht und leiert.
Bis in die große Zehe gepackt,
trommeln die Stiefel Sechsachteltakt.
In Quiery-la-Motte bei Wein und Bier
vergnügt sich der Train am Elektroklavier.

Vorn pufft und faucht schon das Gefecht.
Uns gleich, denn uns ist alles recht.

Ich dreh mich wurstig auf den Bauch.
Das Leben ist nur ein blöder Brauch.
Der Tote da drüben wird es wohl wissen...
Verflucht, genäht und aufgerissen!
Was ist das für ein Firlefanz?...
Rund um den Toten schwingt ein Tanz
von Fraun und Mädchen, schwarz, braun und blond.
Die Wiese flimmert warm, durchsonnt.
Louison, Fanchette, Ninette
wiegen und drehn sich im Menuett
rings um den Toten in zierlichem Kreis.
Der schaut in die Sonne und lächelt leis...

Vorn pufft und faucht noch immer das Gefecht.
Mir gleich, denn mir ist alles recht.

Ihr Partner ist Hans Ohnefell,
lattenlang, dürr, ein wüster Gesell.
Das Elektroklavier in Qui6ry-la-Motte
dudelt und duselt wie ein Fagott.
Den Arm um die braune Ninette geschlungen,
vom muntern Sechsachteltakt bezwungen,
walzt der Tod...
„Gewehr in die Hand!“
Ohne Tritt, für Gott und Vaterland!

Vor uns klappert das dürre Gebein,
hinter uns Dideldumdei und Juchhein,
mit Ninette walzt der Tod nach Arras hinein
und wir hinterdrein.
Juchhei!
Dideldumdei!
Einmal geht doch das Werkel entzwei.

Vorn pufft und faucht ganz nahe das Gefecht.
Uns gleich, denn uns ist alles recht.

 

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