Brief in die Oase von Joseph Brodsky, 2006,HanserJoseph Brodsky

Lagune
(Leseprobe aus: Brief in die Oase, Gedichte, 2006, Hanser, hrsg. von Ralph Dutli - Übertragung Ralph Dutli, Felix Philipp Ingold, Alexander Kaempfe, Heinrich Ost, Sylvia List, Raoul Schrott, Birgit Veit)

I

Drei alte Frauchen mit Strickzeug in tiefen Sesseln
debattieren in der Halle über die Leiden Christi;
die Pension »Accademia« segelt verpaart
mit dem Weltall Richtung Weihnacht zum Gedröhne
des Fernsehers; unterm Arm das Hauptbuch dreht der
Mann vom Empfang das Steuerrad.


II

Über die Gangway steigt an Bord, auf sein Zimmer tastend
der Gast, eine Flasche Grappa in seiner Tasche,
ein völliger Niemand, ein Mensch im Regenmantel,
der Erinnerung, Vaterland und den Sohn zurückließ;
seinen Rücken vermißt (aus Espenholz) ein dicker Knüppel,
wenn überhaupt wer! den vom Leben Verbannten.


III

Venedigs Kirchen bimmeln wie hellklingende
Teeservice aus dem Kästchen hervor als zufällige
Lebenszeichen. Der bronzene Krake
des Lüsters leckt im von Entengrün überzogenen
Spiegel die Werkbank, das von Tränen, Liebkosungen
und schmutzigen Träumen feuchte Laken.


IV

Nachts läßt die Adria per Ostwind den Canal Grande
bis obenhin vollaufen wie eine Badewanne
und wiegt die Gondeln; kein Ochse bläst
die Nüstern auf am Kopfende, Fische bloß ragen
in die Nacht und ein Seestern mischelt am Rolladen
mit seinen Strahlen solange du schläfst.


V

So also werden wir leben, begießen mit dem toten
Wasser und Glas der Karaffe das nasse Lodern
der Grappa-Glut, zerteilen die Brachse
statt der Weihnachtsgans, daß uns sättigend tröste
Dein aus dem Wasser stammender Vorfahr, Erlöser,
in dieser Nacht, der winterkalt-nassen.


VI

Eine Weihnacht ohne Schnee, Tanne und Engel
an diesem Meer, dem von der Karte beengten;
ihre Weichtier-Schale zur Tiefe sinken läßt,
ihr Gesicht verbergend, doch gern ihren Rücken
zeigend: die Zeit, sie steigt aus den Wellen, verrückt den
Zeiger am Turm – den einen jetzt.


VII

Versinkende Stadt wo die feste Vernunft
sich auflöst in feuchte Augen und besten Sumpf,
wo der südliche Bruder der nördlichen Sphinx,
der geflügelte Löwe, beim Lesen und Denken
das Buch nicht zuklappt und schreit: Los, kämpfe!
sondern glücklich im Geplätscher der Spiegel versinkt.


VIII

Eine Gondel schlägt gegen die morschen Pfähle.
Der Laut verneint sich selber, die Worte fehlen
und das Gehör. Vor jener finsteren Macht
wo die Arme sich emporrecken wie Nadelwälder
vor einem kleinen, verschlagenen Dämon
daß der Speichel im Mund zu Eis erstarrt.


IX

Kreuzen wir also mit der linken, samt eingeparkten
Krallen in der Armbeuge, die rechte Pranke;
so ergibt sich eine Geste ähnlich fast
wie Hammer und Sichel. Wie bei Gogol
ein Teufel der Hexe – zeigen wir sie tapfer der Epoche
die jedem Albtraum gleicht der zu ihr paßt.


X

Der Körper im Regenmantel bewegt sich schon oft nun
in Sphären wo Sophia, Glaube, Hoffnung
und Liebe ohne Zukunft sind und schlicht
die Gegenwart von immer ist, wie bitter die Küsse
auch schmecken von Ebré und Gojimsmiezen
und der Stadt wo keinerlei Spur der Schritt


XI

hinterläßt – wie der Kahn auf all den Wasser-
flächen, und dahinter jeder Raum gefaßt in
Ziffern Richtung Nullpunkt blickt
und keine tiefen Spuren läßt auf Plätzen
die breit sind wie ein »Lebwohl« und in engsten
Gassen schmal wie ein »Ich liebe dich«.
XII

Turmspitzen, Säulen, Schnitzereien, modellierte
Bögen, Brücken und Paläste; schau doch lieber
hinauf und das Lächeln des Löwen fällt
ins Auge auf dem vom Wind wie einem Kleid umpackten
Turm, unerschüttert wie ein Halm fern-vom-Acker,
umgürtet von der Zeit statt von Gebrüll umgellt.


XIII

Nacht über San Marco. Ein Passant mit zerknittertem
Gesicht vergleichbar in diesem Dunkel mit dem
vom namenlosen Finger gestreiften Ring kaut
an den Nägeln und schaut umfangen von der Stille
in jenes »Nirgendwohin« wo der Gedanke vielleicht
verweilen kann, die Pupille – kaum.


XIV

Dort im Nirgendwo, hinter seinen Grenzen –
den schwarzen, farblosen, möglich auch weißen –
liegt irgendein Ding, ein Gegenstand.
Vielleicht ein Körper. In dieser Epoche der Reibung
ist Lichtgeschwindigkeit Blickgeschwindigkeit weitum
auch dann wenn das Licht verschwand.

(1973)

(Übertragung Ralph Dutli)

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