Erinnerungen an Petersburg von Joseph Brodsky, 2003, Hanser-VerlagJoseph Brodsky

Erinnerung an Petersburg
(Leseprobe aus: Erinnerung an Petersburg, 2003, Hanser)

Wir lebten zu dritt in diesen unseren eineinhalb Zimmern: mein Vater, meine Mutter und ich. Eine Familie, in der damaligen Zeit eine typisch russische Familie. Es war die Zeit nach dem Krieg, und wenige Leute konnten sich mehr als ein Kind leisten. Einige konnten sich nicht mal ihren Vater leisten, als Lebenden oder Anwesenden. Gewaltige Schrecken und Krieg suchten ihre Opfer in den großen Städten, in meiner Vaterstadt besonders. Also hätten wir uns glücklich schätzen müssen, zumal wir Juden waren. Wir hatten alle drei den Krieg überlebt (und ich sage »alle drei«, weil ich auch vorher geboren wurde, 1940); meine Eltern hingegen hatten die dreißiger Jahre auch überlebt.
Ich nehme an, sie schätzten sich glücklich; auch wenn sie nie viel darüber sprachen. Im großen und ganzen waren sie sich ihrer selbst nicht besonders bewußt, erst als sie älter wurden und die Gebrechen anfingen sie heimzusuchen. Aber auch dann sprachen sie nicht von sich und dem Tod, in einer Art, die den Zuhörer erschrecken läßt oder zu Mitleid anspornt. Sie brummelten einfach vor sich hin oder klagten, an niemanden gerichtet, über Schmerzen, oder sie unterhielten sich ausgiebig über das eine oder andere Medikament. Das Äußerste, was meine Mutter überhaupt zu diesem Thema hervorbrachte, war, daß sie auf ein besonders edles Porzellan deutete und sagte: »Das wird einmal dir gehören, wenn du heiratest oder wenn...« Und jedesmal brach sie dann ab. Und einmal, erinnere ich mich, sprach sie am Telefon mit irgendeiner ihrer entfernten Freundinnen, von der es hieß, sie sei krank: Ich erinnere mich an meine Mutter, wie sie aus der Telefonzelle auf die Straße tritt, wo ich
auf sie wartete, da war hinter ihrer Schildpattbrille ein irgendwie unvertrauter Blick in ihren so vertrauten Augen. Ich neigte mich zu ihr (ich war schon ziemlich viel größer) und fragte, was die Frau gesagt habe, und meine Mutter antwortete, ziellos geradeaus starrend: »Sie weiß, daß sie im Sterben liegt und hat ins Telefon geweint.«
Sie nahmen alles als selbstverständlich hin: das System, ihre Machtlosigkeit, ihre Armut, ihren widerborstigen Sohn. Sie versuchten halt aus allem das Beste zu machen: immer Essen auf den Tisch zu bringen, ganz gleich, was für Essen das war, es mußte in Leckerbissen verwandelt werden, und dann mit dem Geld zurechtzukommen – und obwohl wir immer von Zahltag zu Zahltag lebten, mußten ein paar Rubel für die Lieblingsfilme des Jungen, für einen Museumsbesuch, für Bücher, für Schleckereien beiseite gelegt werden. Geschirr, Besteck, Kleider, Wäsche, alles immer sauber, poliert, gebügelt, geflickt, gestärkt. Die Tischdecke war immer fleckenlos und steif, der Lampenschirm darüber abgestaubt, das Parkett gebohnert und gefegt.
Erstaunlich dabei ist, sie waren nie gelangweilt. Müde, ja, aber nicht gelangweilt. Den größten Teil der freien Zeit zu Hause waren sie auf den Beinen: sie kochten, wuschen, pendelten zwischen der Gemeinschaftsküche unserer Wohnung und unseren eineinhalb Zimmern hin und her, fummelten an diesem oder jenem Haushaltsgegenstand herum. Wenn sie sich setzten, so war das selbstverständlich zum Essen. Aber hauptsächlich erinnere ich mich an meine Mutter auf einem Stuhl, über ihre Singer?
Nähmaschine mit Fußpedal gebeugt, um unsere Kleider in Ordnung zu bringen, alte Hemdkragen zu wenden, alte Mäntel zu flicken oder zu ändern. Was meinen Vater betrifft, so saß er nur auf einem Stuhl, wenn er die Zeitung las, oder aber an seinem Schreibtisch. Manchmal sahen sie abends einen Film oder ein Konzert an unserem 1952?Fernseher. Dann saßen sie gewöhnlich auch. So, sitzend auf einem Stuhl, fand ein Nachbar vor einem Jahr meinen Vater, tot, in den leeren eineinhalb Zimmern.

Dreizehn Monate hatte er seine Frau überlebt. Von den achtundsiebzig Jahren ihres und den achtzig seines Lebens habe ich nur zweiunddreißig Jahre mit ihnen verbracht. Ich weiß fast nichts darüber, wie sie sich kennengelernt haben und wie er um sie warb; ich weiß nicht einmal, in welchem Jahr sie geheiratet haben. Und ich weiß auch nicht, wie sie die letzten elf oder zwölf Jahre ihres Lebens gelebt haben, die Jahre ohne mich. Da ich das nie erfahren werde, ist es wohl das beste, wenn ich annehme, daß das tägliche Leben wie üblich verlief, daß sie vielleicht ohne mich besser dran waren, in zweierlei Hinsicht, einmal finanziell und daß sie sich nicht mehr sorgen mußten, ich könnte wieder inhaftiert werden.
Nur daß ich ihnen in ihrem Alter nicht helfen konnte; nur daß ich nicht dabei war, als sie im Sterben lagen. Ich sage das, nicht so sehr aus einem Schuldgefühl heraus, sondern aus dem egoistischen Wunsch eines Kindes, seine Eltern alle Phasen ihres Lebens hindurch zu begleiten, denn jedes Kind, ganz gleich wie, wiederholt die Lebensreise seiner Eltern. Ich möchte behaupten, daß man letzten Endes von seinen Eltern über seine eigene Zukunft, sein eigenes Altern etwas erfahren will; man will von ihnen auch die allerletzte Lektion erfahren: wie man stirbt. Auch wenn man davon nichts wissen will, weiß man doch, daß man davon lernen kann, wie unabsichtlich auch immer. »Werde ich auch so aussehen, wenn ich alt bin? Ist dieses Herz? oder irgendein anderes Leiden erblich?«
Ich weiß nicht und werde es nie wissen, wie sie sich während dieser letzten Jahre ihres Lebens fühlten. Wie oft hatten sie Angst, wie oft waren sie vorbereitet zu sterben, wie fühlten sie sich dann, noch mal davongekommen zu sein, und wie schöpften sie dann wieder Hoffnung, wir drei würden noch einmal zusammenkommen. »Sohn«, sagte meine Mutter immer am Telefon, »das einzige, was ich von diesem Leben noch will, ist dich wiedersehen. Das ist das einzige, was mich weitermachen läßt.« Und eine Minute später: »Was hast du vor fünf Minuten gemacht, bevor du angerufen hast?« – »Gerade hab ich abgewaschen.« – »Ah, ja, das ist sehr gut. Eine gute Sache: abwaschen. Manchmal hilft das ungeheuer.«

Rezension I Buchbestellung II03 LYRIKwelt © Hanser