Ufer der Verlorenen von Joseph Brodsky, Hanser-VerlagJoseph Brodsky

Ufer der Verlorenen
(Leseprobe aus: Ufer der Verlorenen, Hanser)

So manchen Mond ist es her, daß der Dollar 870 Lire wert und ich 32 Jahre alt war. Die Erde war damals um zwei Milliarden Seelen leichter, und die Bar in jenem Bahnhof, wo ich in einer kalten Dezembernacht ankam, war leer. Ich stand da und wartete darauf, daß der einzige Mensch, den ich in der Stadt kannte, mich abholen kam. Sie war reichlich spät dran. Jeder Reisende kennt diese Mißlichkeit: diese Mischung aus Müdigkeit und Besorgnis. Man starrt unnachgiebig Zifferblätter und Fahrpläne an, verfolgt die Krampfadern des Marmors unter seinen Füßen, atmet Ammoniak und jenen anderen stumpfen Geruch ein, der in kalten Winternächten dem Gußeisen von Lokomotiven entströmt. So ging es mir. Außer dem gähnenden Mann hinter der Bar und der reglosen, buddhagleichen Matrone an der Registrierkasse war niemand in Sicht. Doch waren wir einander nicht von Nutzen: mein einziger Besitz in ihrer Sprache, der Begriff "espresso", war schon ausgegeben; ich hatte ihn zweimal benutzt. Ich hatte bei ihnen auch meine allererste Schachtel von jener Ware gekauft, die in den kommenden Jahren für "Merde Statale", "Movimento Sociale" und "Morta Sicura" stehen sollte: meine erste Schachtel MS. Also schulterte ich meine Reisetaschen und trat hinaus. Es war eine windige Nacht, und noch ehe meine Netzhaut irgend etwas registrierte, befiel mich ein äußerstes Glücksgefühl: schlagartig drang ein Geruch in meine Nase, der für mich immer schon ein Synonym für Glück gewesen ist, der Geruch von gefrierendem Seetang. Für manche Menschen ist es frisch gemähtes Gras oder Heu; für andere sind es Weihnachtsdüfte nach Tannennadeln und Mandarinen. Für mich ist es gefrierender Seetang - teils aufgrund von onomatopoetischen Aspekten dieser Wortfügung ("freezing seaweed": im Russischen gibt es für Seetang das wundervolle Wort "vodorosli"), teils dank einer leichten Ungereimtheit und einem verborgenen Unterwasserdrama, die dieser Vorstellung zugrunde liegen. In gewissen Elementen erkennt man sich selbst wieder; zu der Zeit, als ich auf den Stufen des Bahnhofs diesen Geruch einsog, waren verborgene Dramen und Ungereimtheiten offengestanden meine Stärke. Zweifellos wäre die Anziehungskraft jenes Geruchs einer an der Ostsee verbrachten Kindheit zuzuschreiben gewesen, wo jene mäandernde Sirene aus dem Gedicht von Montale beheimatet ist. Doch hatte ich meine Zweifel bei dieser Zuschreibung. Zum einen war meine Kindheit nicht gar so glücklich (eine Kindheit ist das selten, handelt es sich doch um eine Schule des Selbstekels und der Unsicherheit, und was die Ostsee angeht, hätte man schon wirklich ein Aal sein müssen, um meinem Teil des Gewässers zu entrinnen). Als Gegenstand der Nostalgie jedenfalls eignete sie sich kaum. Die Quelle jener Anziehungskraft lag anderswo, so habe ich es immer empfunden, lag jenseits der Grenzen der Biographie, jenseits der individuellen genetischen Ausstattung - nämlich irgendwo im Hypothalamus, neben anderen Erinnerungen an unsere frühesten Vorfahren, oder - es kommt noch schlimmer - an eben jenen Ichthys, der unsere Zivilisation verursacht hat. Ob jener Ichthys glücklich war, ist eine andere Frage. Ein Geruch ist schließlich auch eine Verletzung des Sauerstoffgleichgewichts, ein Einbruch anderer Elemente - Methan? Kohlenstoff? Schwefel? Stickstoff? Je nach Intensität dieser Beimischung erhältst du einen Duft, einen Geruch, einen Gestank. Es ist eine Frage von Molekülen, und Glück, so nehme ich an, ist der Augenblick, wenn du die Elemente deiner eigenen Zusammensetzung im freien Raum gewahrst. Davon gab es eine beträchtliche Anzahl da draußen, im Zustand totaler Freiheit, und ich spürte, daß ich in der kalten Luft in mein eigenes Selbstporträt hinaustrat. Der Hintergrund bestand ganz aus dunklen Silhouetten von Kirchenkuppeln und Hausdächern; eine Brücke, die sich über die schwarze Biegung eines Gewässers wölbte, das in beiden Richtungen von der Unendlichkeit abgeschnitten wurde. Bei Nacht fängt die Unendlichkeit in fremden Gefilden schon beim letzten Laternenpfahl an, und hier war er nur zwanzig Meter entfernt. Es war völlig ruhig. Einige matt erleuchtete Boote zogen dann und wann vorüber und störten mit ihren Schiffsschrauben die Spiegelung einer großen "Cinzano"-Neonreklame, die versuchte, sich auf dem schwarzen Öltuch der Wasseroberfläche niederzulassen. Doch ehe es dazu kam, war längst wieder Stille eingekehrt. Alles war, als treffe man in der Provinz ein, an irgendeinem unbekannten, unbedeutenden Ort - möglicherweise dem eigenen Geburtsort, nach Jahren der Abwesenheit. Diese Empfindung war nicht zuletzt auf meine eigene Anonymität zurückzuführen, auf die Ungereimtheit einer einsamen Gestalt auf den Stufen des Bahnhofs: ein leichtes Ziel für das Vergessen. Auch war es eine Winternacht. Und ich erinnerte mich an die erste Zeile eines Gedichts von Umberto Saba, die ich vor langer Zeit, in einer früheren Inkarnation, ins Russische übersetzt hatte: "In den Tiefen der wilden Adria..." In den Tiefen, dachte ich, im letzten Nest, im fernen Winkel der wilden Adria... Ich hätte mich ja nur umdrehen müssen, und ich hätte das Stationsgebäude in all seiner rechteckigen Pracht von Neon und Urbanität gesehen, mit dem Wort VENEZIA in Blockschrift. Doch das tat ich nicht. Der Himmel war voller Wintersterne, wie er es oftmals in der Provinz ist. Jederzeit hätte ein Hund in der Ferne bellen können, so schien es, oder vielleicht auch ein Hahn krähen. Mit geschlossenen Augen gewahrte ich ein Büschel von gefrierendem Seetang, ausgebreitet auf nassem, vielleicht eisüberzogenem Fels irgendwo im Universum, seines Platzes nicht bewußt. Ich selbst war dieser Fels, und meine linke Hand war das ausgebreitete Büschel von Seetang. Nun tauchte aus dem Nichts ein großes, flaches Schiff auf, eine Kreuzung aus Sardinenbüchse und Sandwich, und es prallte dumpf gegen den Landungssteg der Station. Ein paar Leute gingen an Land und eilten an mir vorüber die Treppen zum Bahnhof hinauf. Dann sah ich den einzigen Menschen, den ich in jener Stadt kannte: eine unerhörte Augenweide.

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