Der Schmelztiegel von Marte Brill, 2003, Büchergilde Gutenberg

Marte Brill

aus: Der Schmelztiegel
(Seite 187-191)

In der Beratungsstelle mangelte das Geld. Die Mittel wurden von Anfang an durch viele freiwillige Spenden aufgebracht, und in der ersten Erschütterung, die das Unglück der Flüchtlinge wie ein Orkan aufwirbelte, waren die Hilfsquellen reichlich geflossen: Die Reichen gaben von ihrem Überfluß, und die ostjüdischen Arbeiter des Stadtviertels Bom Retiro sparten sich den Bissen vom Munde ab, um ihren verfolgten Brüdern zu helfen.
Aber auch die edelsten Aufwallungen, Opferwille und tätige Nächstenliebe ermatten endlich in der ewig gleichförmigen Wiederkehr des Alltags. Auge und Seele gewöhnen sich an den Anblick der Not.
Auch weckte der Zug der Flüchtlinge nicht überall, wohin sie kamen, nur Mitleid oder Liebe. Jeder von ihnen brauchte ein Stück von dem Nährboden, der vor ihnen anderen gehörte, und viele von ihnen brachten aus der alten Heimat den Anspruch mit, mehr zu leisten und besser zu leben als andere.
Immer häufiger stand Sylvia in dem hohen kahlen Raum in der Nähe des Domplatzes dem Ansturm der Hilfesuchenden allein und mit leeren Händen gegenüber. Die Menschen standen wie eine Mauer, Schulter an Schulter: Wir brauchen Obdach, wir brauchen Nahrung, wir brauchen Arbeit! Die Luft war dicht von ihrem Atem.
Sylvia tat, was sie konnte. Sie machte oft das scheinbar Unmögliche möglich. Sie ging in die Häuser der Gleichgültigen und Überdrüssigen und erreichte, daß sie ihre Hilfe nicht zurückzogen. Sie stellte mit großer Kunst eine Liste der Pensionen zusammen, die ihr Kredit gaben. Dann aber war sie an den Zahltagen dem Drängen der Gläubiger ausgeliefert. Sie bezwang oft die Ungebärdigsten durch eine Bitte, ein Lächeln, eine Geste: In Brasilien hat das Wort »Freund« noch einen Klang ehrlicher Kameradschaft. Sie fand für jeden Trost, Rat, einen rettenden Gedanken.

Tage- und nächtelang hatte Sylvia seit vielen Wochen davon geträumt, Miriam in Empfang zu nehmen, wenn sie den Boden Brasiliens betrat. Immer sah sie das Schiff, hoch, mit hundert blinkenden Bullaugen, wie es sich der Küste näherte: Diesmal würde sie selbst am Kai stehen, und Miriam würde winken.
Als Miriam endlich kam, konnte Sylvia ihren Posten nicht eine Stunde verlassen. Erich Schönberg hatte ihr mitgeteilt, daß er in Rio an Land gehen würde, und Sylvia sandte für Miriam ein paar hastig geschriebene Worte an Bord, in die sie all ihre Sorge und Zärtlichkeit preßte. »Mein Liebling«, schrieb sie »ich wünsche so sehr, daß du in diesem Land glücklich sein wirst. Es ist ein schönes Land – und ein freies Land, viel freier, als du es dir in Europa jemals träumen konntest.«
Erich Schönberg schrieb, daß er in Rio bleiben würde. Die Stadt ließ ihn nicht los; Sylvia hätte es ahnen können. Nach einer Woche endlich schickte er Miriam allein nach São Paulo mit einem Zug, der einen Transport von Flüchtlingen brachte.
Und Sylvia stand an einem kühlen Morgen im August wieder in der hochgelegenen zugigen Bahnhofshalle, in der häßlichen Fabrikvorstadt. Sie zitterte vor Spannung; jeder Nerv bebte. Der Zug hatte, wie oft, fast eine Stunde Verspätung. Endlich rollte die Maschine, fauchend und stampfend, mit glühenden Augen durch den Nebel heran, schicksalsbeladen. Die Türen sprangen auf, die Wagen spien Menschen und Koffer aus, und Miriam flog selig, lachend und weinend, in Sylvias Arme. Kontinente waren bezwungen.
Im Auto, das sie zur Avenida das Americas brachte, begann Sylvia zu sprechen: »Es ist alles sehr einfach dort draußen«, sagte sie, »sehr – klein, weißt du. Wir haben kein Haus. Es ist nur ein Anfang. Aber es ist schön.« Miriam hatte große erstaunte Augen. »Was redest Du?« fragte sie. »Du bist so sonderbar. Überall, wo wir zusammen sind, ist es gut.«
Manchmal möchte man für einen geliebten Menschen die Sterne vom Himmel herunterholen, und dann findet man sie im Antlitz des anderen.
Draußen lief Miriam an das einzige lichte Fenster ihres Zimmers: Der Nebel teilte sich, und über der Tannenschonung stieg blutrot die Sonne auf. »Das nennst du einfach?« rief Miriam vorwurfsvoll, »das klein und bescheiden? Es ist schön wie ein Traum. Und du weißt nicht, was ich gelitten habe!«
Sie brauchte Tage, um sich zu erholen, und es war schwer zu ergründen, was sie bedrückte. Sie hatte Sehnsucht gehabt, aber das war vorüber, und es hatte diese tapfere junge Seele nicht bezwungen. Das Leid war tiefer.
Erich Schönberg hatte die Schiffspassage verfallen lassen, die Sylvia für Miriam nach drüben geschickt hatte. Er hatte die Möglichkeit ergriffen, mit einem Transport von Flüchtlingen in der dritten Klasse eines großen Überseedampfers zu reisen. Die Nahrung war schlecht, und es gab Wanzen in den Kabinen; Miriams Körper war noch voller Narben von ihren Bissen.
Erich Schönberg, der verwöhnte Mann, fragte schon im Ärmelkanal, welches der nächste Hafen sei, in dem er aussteigen könne. Aber Miriam erklärte, sie würde auch in der zehnten Klase fahren, wenn sie am Ende nur die Mutter wiederfände. Das war es nicht, was sie quälte.
Aber auch im Bauch des Schiffes, im Zwischendeck, reisten polnische Auswanderer, Männer, Frauen und Kinder, die in Lumpen gingen und auf zerrissenen Bündeln hockten, schmutzig und stumpf. Sie hungerten, denn der Obersteward hatte die Verpflegung in eigener Regie und bereicherte sich an der Kost der Ärmsten.
Zum ersten Mal in ihrem jungen Leben sah Miriam das nackte Elend menschlicher Kreatur ganz nahe, von Angesicht zu Angesicht. Sie durchwühlte ihre Koffer und gab den zerlumpten Kindern der Armen alles, was sie entbehren konnte. Sie brachte ihnen die Bissen, die sie dem Koch abschmeichelte.
Unter den Polen waren viele, die gedarbt und gespart hatten, um in Kabinen reisen zu können. Auswanderergesellschaften, die menschliche Ware verfrachten, hatten sie betrogen. Die Männer murrten, sie empörten sich, und der Kapitän ließ die Anführer in Ketten legen.
Nie wird Miriam das Bild dieser Empörer vergessen.

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