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1. Mai 1945,
Dienstag
(Leseprobe aus: Angstsommer, Roman,
Mandelbaum Verlag Wien)
- Im letzten Augenblick sterben, in
die letzten Tag no,
sagte der Steinparzer,
- des is so bitter.
Sie saßen um den großen Stammtisch, in der Sulzbacher Wirtsstube, der Bäck,
der Ahrbacher
Greißler, der Hans und der Steinparzer, und der Karl saß zwischen ihnen. Der
Sepp, die Pfeife
zwischen den Lippen, lehnte in der Ecke, wo er das Holzbein besser strecken
konnte. Inmitten
der Bauern, die Arme auf den Tisch gestützt, der Doktor; der Ahrer Wirt ihm
gegenüber
starrte in die flackernden Kerzenflammen. In die Fensterlaibungen hatte man
Pappe und
Bretter geschoben, kein Licht sollte nach draußen fallen.
- Fünfe hams daschossen, nur weus de Panzersperren weggramt habn.
- Wo.
- In Peilstein.
Der Steinparzer richtete sich auf,
- erst habnses die Sperren wieder herrichten lasssen, und wia de Männer glaubt
habn, daß jetzt
ham geh deafn,
der Steinparzer sah in die Gesichter um den Tisch,
- fahrn ses in Steinbruch und daschiaßns. I moan,
er legte die Arme wieder auf den Tisch,
- I moan, se habn se halt denkt, wann die Ami de Panzersperren segn, glaubens es
werd SS im
Dorf sein und schiaßn alle Häuser zsamm. I maan, de Männer habn sie halt
aufgopfert, für des
Dorf.
- Uns könnte das auch passieren, daß die SS kommt und Sperren in der Raming
errichtet,
der Doktor beugte sich vor und runzelte die Stirn,
- ich sags euch, Leute, der Kampf um die Enns, der wird in der Raming
entschieden, die
Neustift ist der strategische Schlüssel für den ganzen Abschnitt. Weil, wenn
der Ruß kommt
und die Neustift besetzt, hat er einen guten Ausgangspunkt zum Angriff über die
Enns. Den
Neustiftgraben kann er leicht halten, und sitzt er einmal aufn Schieferstein,
beherrscht er die
ganze Gegend, vor allem den Großraminger Brückenkopf, und mit dem
Reichraminger
Hintergebirge im Rücken kann er Steyr von Süden her einnehmen, in einer
Zangen,
sozusagen, vor was ja in der Wehrmacht am meisten Angst haben. Kommt aber der
Ami
zuerst und schafft den Sprung über die Enns, dann kommt er durch den Pechgraben
und durch
den Kollergraben schnell bis zum Wachberg, und schon hat er Steyr
abgeriegelt.Also werden
die Deutschen versuchen, die Neustift um jeden Preis zu halten. Das bedeutet den
Endkampf
in der Raming.
Ein Türschlag und eine Frauenstimme klang auf und eine zweite aus der Tiefe des
Hauses
antwortete.
- Der Reichsverteidigungskommissar,
- der Eigruber und die SS Division,
- Die SA in die Steyrer Werke, der Bäck und der Hans und der Ahrbacher hoben
ihre
Stimmen gleichzeitig und ihre Worte stießen gegeneinander, vermengten ihren
Sinn, mischten
ihre Laute und dröhnten zurück von der düsteren Balkendecke: >SS
Panzer< >Leut
aufhängen< >Volkssturm< >ned schiassn< >Hitler Bataillon<
>Endsieg< >Oberdonau
halten< >Ennstal< >hoam gehn< >eh imme a so< >Ende.<
Der Doktor hob beide Hände und brachte den Stimmenschwall zu einem plötzlichen
Halt.
- Richtig, unser Reichsverteidigungskommissar und Gauleiter, der Eigruber, hat
si des aa
denkt, wia er die Ybbsstellung eingrichtet hat. Ned, daß ihr glaubts, daß der
dort die
Alpenfront halten will, dazu kennt er sei Heimat zu guat, des haaßt nur, daß
dort der erste
Sperrversuch gemacht wird, und wenn die Front nicht zum Stillstand kommt, wird
sie halt
flügelweis zrückgnommen, sodaß die Truppe ned einzingelt wird, will sagen,
nach ein paar
Stunden Kampf stehen die Verbände bei uns am Ramingbach, weil von der Kirchen
aus hat
ma an guten Ausblick, und die Häuser geben a schöne Schanz ab. Von der Höh
kann ma gut
den Graben sichern, mitsamt der Villa, und vom Schieferstein aus schützt ma den
Ennsübergang und die Fährten ins Hintergebirge, wos aa die mehra Vorräte und
Munition und
Waffen versteckt haben werden. Bis Windisch Garsten is dann Alpenreich. Ihr
wißts, was des
heißt.
- Die Russen haben eh was vor, sprach der Bäck mit stumpfer Stimme dazwischen,
- weil sonst hättens ned soviel Panzer zsammzogen und Haubitzen. Mei Tant, wias
grad zruck
is vo Waidhofen, sagt, Tag und Nacht hätt mas rollen ghört und im Finstern die
Lichtketten
gsegen. Kloane blaue Geisterlichteln, vo die abblendten Scheinwerfer, tausend
schmale
Schlitz. Gspenstisch wär des gwesen.
- Und Flugblätter verteilens, unterbrach der Wirt sorgenvoll,
- vom größten Verrat soll was draufstehn, der was sich zusammenzieht.
- >Österreicher! helft der Roten Armee!<
der Bäck schloß verschreckt den Mund.
- Was hast denn, fragte der Wirt.
- Ja, der Doktor nahm die Schultern auseinander und richtete sich auf ohne den
Blick vom
Tischholz zu heben,
- der Stalin fürcht halt, der Amirikaner möcht doch noch mit den Deutschen
zsammgehen, ja,
und er beugte sich wieder vor und ließ seine Finger die Holzmaserung
entlanggleiten,
- ja seit der Roosevelt tot is, kunnt des vielleicht ja auch so sein, ich mein,
der Führer möcht
sich da was ausgrechnet haben, wia er in Aussee soviel Sachen hat zsammtragen
lassen, und
Dienststellen zsammzogen hams aa.
Der Fingernagel kratze an der Stelle, die sich um ein Astloch gabelte. Das
Kerzenlicht
flackerte. Der Sepp hatte einen Ellbogen auf die Ecke des Tisches gestützt; das
Gesicht in den
Kerzenschein gedreht, zog er an der Pfeife und ließ den Rauch in kleinen
Stößen frei.
- Ihr wißts, was des heißt, die Regierung bei uns,
Zeige- und Ringfinger trommelten einen Wirbel gegen die Tischplatte,
- SS überall und auf der Straßen nach Weyer, nach Großraming und nach
Losenstein
Panzersperren. Wo Panzersperren san, da wird gschossen, da gehen die Häuser in
Flammen
auf, da gibts nix.
- Oberdonau wird gehalten! krächzte dazwischen der Ahrbacher Greißler, seine
grauen Haare
auf dem kleinen Schädel standen auf,
- der hat es gsagt: >der größte Feind kommt von Osten, der Bolschewik, der
vergewaltigt
unsere Frauen, brennt die Häuser nieder, unerbittlichen Widerstand bis zum
letzten Mann<
hat er gsagt.
- Ja,
jetzt marschierten die Finger vorwärts, fanden einen Wasserring, aus dem sie
nasse Streifen
zogen,
- zuerst wern die Stalinorgeln vom Buchenkogel aberjodeln und die Kirchen
zsammschiaßn,
daß sie kaner mehr drin verstecken kann,
- die Amis stehen aber schon am Inn, sagte der Ahrer Wirt plötzlich laut.
- Aa wenn die Ami Truppen zuerst da seind, was nutzt uns des scho, die sehen die
SS und die
Panzersperren, und vo unsere Häuser bleibt aa nix mehr über. Die haben scho
gwußt, die
Peilsteiner, warums die Trümmer weggräumt haben Die Ami sagt ma, die brauchen
a
Kriegsdenkmal von der besonderen Art, weu auf uns, sagt ma is er gar ned so gut
zu sprechen,
der Amerikaner.
Das Glas Most stand jetzt vor den Händen des Steinparzer, der ließ die Finger
gegen das Glas
schnalzen, in gleichen, kleinen Schlägen.
- Die Amerikaner werden einerschießen,
die Doktorfinger spreizten sich, standen auf,
- bis si nix mehr rührt; und erst wenns glauben, daß ka SS Mann mehr lebendig
is oder daß
mir gnua Merkzettel haben, erst dann nehmens des Dorf.
Die Finger des Doktor sanken flach auf den Tisch,
- aber, wer weiß, was der Roosevelt noch ausgmacht hat. Vielleicht bleibt der
Ami gar an der
Enns stehen - die Enns war ja immer scho eine Schneise zwischen Völkern und
Großreichen,
es gibt so etwas wie eine Geografie des Schicksals, vielleicht wird sie wieder
Trennlinie,
zwischen dem kommunistischen Weltreich und dem goldenen Westen,
- dann würden mir ja zu die Kommunisten ghören,
pfiff des Greißlers dünne Stimme hinein in den Schlag der Tür und den Schrei
der Angeln, im
dunklen Viereck erschien eine Gestalt hoch und breit,
- des wär ja die Bolschewisierung unserer Heimat, setzte er zögernd dazu.
Der Schmied stand da, atmete schwer, starrte in die Runde, auf der Bank begannen
sie zu
rücken, der Karl, der Hans und der Steinparzer schoben ein breites Stück Bank
frei, daß der
Schmied sich niederlassen konnte, kleiner wurde, sein Gesicht in den Lichtkreis
der Kerzen
kam.
Nur der Sepp bewegte sich nicht,
- jetzt wärts froh, wenn ihr ein paar Freiheitskämpfer hätts, sprach er aus
der Ecke heraus,
- die kunnten für euch mit die Amis verhandeln und eana den Weg weisen und die
Sperren
wegrama; wär praktisch;
- reden mit die Amerikaner muaß ma, des wird immer deutlicher,
der Doktor zielte seinen Blick in den Dämmer der Ecke, aus dem des Sepp Stimme
kam,
- vielleicht sogar verhandeln. Sunst verlier ma alles. Aber die Ami möchten
sich alleweil auch
ein paar Tote dersparen. Weiße Fahnen brauch ma, daß mir zeigen können
>Hier ist
Österreich<.
- Und des sollt helfen, fragte zaghaft der Ahrbacher,
- und wia möcht ma des tuan, wost doch scho zan Tod verurteilt wirst, wennst an
Freiheitskämpfer an Apfel gabast oder gar an Strohsack zan Schlafen. Waaßt eh,
wandte er sich hilfesuchend an den Steinparzer,
- in Freistadt, alle zwölfe hams zum Tod verurteilt, und was hams denn anderes
gmacht und
trotzdem werns heit in der Frua aufghenkt, hams angsagt.
Der Schmied atmete schwer, saß mit gespreizten Knien.
- Miaßts eich trotzdem traun, es nutzt nix,
der Sepp war nur ein blasser Schein, ein heller Riß über der Täfelung,
- bleibt eich nix anders über, sunst habts bald keine Häuser mehr.
- Es tauchen eh scho Flugblätter auf >Helft den Freiheitskämpfern,<
der Steinparzer drehte das Mostglas in seiner Hand,
- wern eh scho viel mitmachen,
- aufpassen muaßt, daß die koana vernadert, sagte der Ahrbacher Greißler, die
Hände des
Schmied, groß und wuchtig, sie lagen jetzt hilflos, die Handflächen aufwärts
gedreht, auf den
Knien.
- Aber der Stampf, sagte der Hans,
- der Fachschaftsleiter,
- geh, sagte der Steinparzer, der überlegt doch schon längst, wo sich des
Festkomitee
aufstellen sollt, für den Empfang der Amerikaner, der übt eh scho jeden Abend
amerikanische
Märsche auf seiner Trompeten.
- Vor dem Stubbauer nehmt Euch in acht, ein Auge des Sepp blinkte, eh er das Lid
hob,
- der Stubbauer geht um, schaut überall, horcht überall und ist glei wieder
unten in der Villa.
Der Stubbauer wird euch gnadenlos dem Standgericht ausliefern, so lang es noch
eins gibt,
und wenns dann kein Standgericht mehr gibt, weil die Leute aus der Villa eh
rechtzeitig
davon rennen werden, ernennt sich der Stubbauer selber und schiaßt euch ab,
noch im letzten
Augenblick vom Krieg.
Der Doktor hatte die Hand unter seinen Ellbogen geschoben und starrte auf den
Wasserring.
Der war zur Hälfte weggetrocknet. Die Schattenrisse zuckten an der Decke.
Plötzlich hob er
den Kopf.
- Sepp, sagte er,
- warum gehst ned du für uns.
Draußen, in der Schwärze hinter dem Türrahmen war ein Wetzen und Knarren.
- Sepp du, der Wirt stand auf um aus dem Dunkelreich der hinteren Wirtsstube
Sessel zu
holen.
- Sepp, Sepp, die Stimmen des Ahrbacher, des Hans, des Steinparzer.
Der Schmied hob den Kopf, durch seine Finger, schlaff in ihrer Schwere, liefen
kurze
Zuckungen, der Wirt trug zwei Holzsessel vor die freie Kante des Tisches,
- an Krüppel und Kriegsversehrten werns ned so leicht aufhängen und du waaßt
eh, wo die
Widerständler san, und du waaßt aa, wiaßt zu die Amis kummst; und du wissast,
wanns recht
war, weilst eh die ganze Zeit paßt hast.
Der Lonegger Lois stand jetzt in der Tür, und im Dunkeln über seiner Schulter
verschwamm
das Gesicht des Stampf. Der Lois setzte sich auf den Holzsessel, sein Gesicht
glatt und tiefrot
im Kerzenschein.
- Tua was für uns Sepp, sagte der Steinparzer,
- aa Invalid kann des besser.
Der Lois wischte sich die Stirn, sein Asthma Atem sauste,
- habts ihr no koa Radio ghört.
Der Wirt stand schon am Apparat, der in der Höhe seines Gesichtes auf einer
Kommode
stand. Das Radio krachte und knisterte, und da war die Stimme, ihr heller,
breiter Fluß durch
das Tuch des Lautsprechers:
>Aus dem Führerhauptquartier wird gemeldet, daß unser Führer Adolf Hitler
heute
nachmittag in seinem Befehlsstand in der Reichskanzlei, bis zum letzten Atemzuge
gegen den
Bolschewismus kämpfend, für Deutschland gefallen ist. In tiefster Trauer
vereinigt sich das
deutsche Volk.<
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